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“Wir haben einen Meinungsüberschuss”

Zeit im Bild - Anchor Armin Wolf zu Gast bei Intomedia in einer für ihn ungewohnten Rolle: Der Ausnahmejournalist, der auf nationaler wie auch auf internationaler Ebene für seine einzigartige Interview- und Fragetechnik bekannt ist, wurde selbst zum Thema “Haltung im Journalismus” interviewt. Die zentralen Themen des Interviews haben wir für Sie hier zusammengefasst.

Disclaimer: Das Interview mit Armin Wolf bei Intomedia entstand im Rahmen des Beitrags „Haltung im Journalismus – Wo bleibt die Ausgewogenheit?", der ab dem 09.01.2023 in der ARD Mediathek abgerufen werden kann und auch auf YouTube verfügbar ist. Neben Armin Wolf kommen darin Georg Restle (ARD, „Monitor“), Anja Reschke (ARD, „Panorama“), Jochen Bittner („DIE ZEIT“) und Prof. Christian Hoffmann (Kommunikationsmanagement, Uni Leipzig) zu Wort.

Die Grenzen zwischen Haltung, Gesinnung und Überzeugung

“Haltung” im Journalismus: ein Begriff, der Wogen hochgehen lässt, gerade wenn es um die Debatte geht, was der öffentlich-rechtliche Rundfunk in einer modernen Demokratie leisten soll und darf. Auch Armin Wolf selbst wird immer wieder vorgeworfen, hinter seinen kritischen Fragen stehe eine bestimmte “Haltung”. Doch die Missverständnisse beginnen bereits bei einer Definition des Haltungsbegriffes, der in der journalistischen Debatte untrennbar mit “Gesinnung” und “Positionierung” verbunden ist.

Haltung als “Best Version of the Truth”

Genau aus diesem Grund ist der Begriff auch für Armin Wolf problematisch. Er steht dem Begriff gerade wegen seiner Nähe zum Vorwurf der “journalistischen Gesinnung” extrem kritisch gegenüber, er werde nur von Menschen verwendet, die Journalist:innen damit einen Vorwurf machen wollen. "Haltung ist grundsätzlich wichtig, weil man sonst Rückenprobleme bekommt”, antwortet Wolf zunächst auf die Frage, was er persönlich unter Haltung versteht.

Haltung im Journalismus vor der “Denunzierung” des Begriffes bedeutet für Wolf das reine journalistische Handwerk, das den Leser:innen es erlaubt, sich möglichst umfassend eine eigene Meinung zu bilden und dadurch am demokratischen Prozess teilnehmen zu können: Beide Seiten im Zuge einer ergebnisoffenen Recherche miteinbeziehen, die richtigen kritischen Fragen stellen, Faktentreue und die Wahrung demokratischer (Grund-) Werte. Haltung bedeutet für Wolf darüber hinaus, dass Journalist:innen für bestimmte “Grundpositionen” einstehen, die man als Eckpfeiler demokratischer Gemeinwesen verstehen kann. “Pro Democracy, Pro Truth” wird hier der bekannte Medienwissenschaftler Jay Rosen von Wolf zitiert.

“Neutralität” und “Haltung” im Spannungsfeld

Zu diesen Grundpositionen zählen etwa für Armin Wolf das Eintreten für Menschen- und Freiheitsrechte, die Ablehnungen, Menschen gegeneinander aufzuhetzen und gegen Unwahrheiten im demokratischen Diskurs einzutreten. Aber selbst diese Grundhaltungen, die Wolfs Meinung nach jeder und jede Journalist:in in demokratischen Staaten einnehmen muss, werden von bestimmten Personengruppen derzeit infrage gestellt. Gesinnungs- oder Haltungsjournalismus lautet hier der Vorwurf. Nicht selten kommt dieser Vorwurf von Menschen, die ohnehin von klassischen Medien kaum mehr erreicht werden und die sich über Social-Media-Kanäle ihre ganz eigene Version von Fakten, Wahrheit und Journalismus gebaut haben und auch von Algorithmen mit diesen versorgt werden.

Die “inhärente Bösartigkeit” sozialer Medien

Die Debatte über “Haltungs- bzw. Gesinnungsjournalismus” ist laut Armin Wolf sehr eng mit sozialen Medien verknüpft. Personen mit antidemokratischer “Haltung” gab es zwar laut Armin Wolf schon immer, durch die Erfindung von Facebook & Co. sind sie allerdings deutlich lauter und präsenter geworden. Facebook-Gruppen etwa bieten die Gelegenheit, sich auf einfache Weise zu vernetzen und etwa gesammelt bei Demonstrationen zu erscheinen. So gelingt es antidemokratischen Kräften deutlich leichter, als zuvor als Teil des öffentlichen Diskurses zu erscheinen. Vor Social Media noch isoliert, fühlen sich diese Menschen nun mit ihrer Weltsicht nicht mehr allein gelassen und laufend bestätigt.

Wolf beobachtet ebenfalls einen extremen Anstieg des Zeitdrucks bei der Veröffentlichung journalistischer Produkte. Genau dieser Druck spielt wiederum der “Glaubwürdigkeit” anti-demokratischer Kräfte in die Karten, da oft zu wenig Zeit bleibt, alle relevanten Seiten im Zuge einer Recherche zu berücksichtigen. Das Fehlen bestimmter Positionen in journalistischen Beiträgen mündet dann in einem Haltungs- bzw. Gesinnungsvorwurf.

Menschen mit seriöser Information verfolgen

Für Armin Wolf sind Social Media zwar auf vielen Ebenen problematisch, aber sie sind auch immer eine Chance, Menschen zu erreichen, die nicht mehr wie vor einigen Jahren täglich um 19:30 die Zeit im Bild schauen und Medien auf klassischen Wegen konsumieren. Die Menschen mit “vernünftigen” und “seriösen” Informationen zu versorgen und dabei auf Formate zu setzen, die gerne von (meist jüngeren) Zielgruppen konsumiert werden, sei derzeit die zentrale Herausforderung für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk.

Wie viel Meinung braucht Journalismus?

Der öffentlich-rechtliche Journalismus hat beim Thema “Haltung” einen Wettbewerbsnachteil gegenüber privaten journalistischen Formaten. Jüngere Zielgruppen, die einen Großteil ihres Informationsbedarfs via Social Media stillen, fragen immer häufiger klare Positionierungen von Journalist:innen nach. Hier kann der öffentlich-rechtliche Rundfunk (im Gegensatz zum Angebot privatwirtschaftlich organisierter Medien) kein adäquates Angebot bieten, da er sich zur “Neutralität” verpflichtet. Armin Wolf sieht hierin aber nicht unbedingt einen Nachteil, sondern vielmehr eine Chance des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, eine Art Moderator:innen-Rolle einzunehmen. Seine Aufgabe besteht darin, unterschiedliche und möglichst alle Haltungen und Positionen zu einem bestimmten Thema aufzubereiten. Nur so können die Rezipient:innen entscheiden, welche Argumente am meisten überzeugen.

Mehr Fakten, weniger Meinung

Gerade in Österreich ist es anders als in Deutschland weniger üblich, dass journalistische Formate eine klare Meinung oder Haltung einnehmen. Aber muss das unbedingt ein Nachteil sein? Armin Wolf sieht das nicht so. Er spricht von einem “Meinungsüberschuss” der ohnehin bereits in der heutigen Zeit auf uns alle einprasselt. Hier kann das Angebot eines öffentlich-rechtlichen Rundfunks erfrischend anders sein: Mehr Fakten, mehr Vielfalt an unterschiedlichen Positionen nebeneinander aufbereitet, aber eben keine individuelle Haltung im Sinne von Meinung, Gesinnung oder politischer Überzeugung der Journalist:innen.

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