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  • Neue Medien

Der "Rezo-Effekt"

Falls Sie die Ereignisse nicht verfolgt haben: Der 26jährige Video-Produzent Rezo betreibt auf YouTube zwei Kanäle („Rezo“ und „Rezo ja lol ey“), auf denen er Musik- und Comedy-Clips veröffentlicht. Am 18. Mai, eine Woche vor den EU-Wahlen, stellte er ein Video mit dem Titel „Die Zerstörung der CDU“ online, eine 55minütige Tirade auf die deutsche Regierungspartei. Aber auch andere Parteien kommen nicht ungeschoren davon. Kurz gesagt wirft Rezo der Politik Lügen, Inkompetenz und Verrat an den Interessen der deutschen Bürgerinnen und Bürger vor.

Damit hat der Mann vor allem bei seiner, der jungen Generation einen Nerv getroffen. Und weil sein Video dermaßen viel Reichweite generierte, ist das für die CDU eine handfeste mediale Krise.

Natürlich gab es auch schon Reaktionen darauf, zum Beispiel ein Antwort-Video des ebenso jungen CDU-Bundestagsabgeordneten Philipp Amthor. Aber dieses wurde nach langem Hin und Her dann doch nicht ausgestrahlt, was wiederum einige Häme im Netz hervorrief. Noch ein Junger, der CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak, lud Rezo via Twitter zu einem Treffen ein, „damit wir mit einander über bessere Lösungen sprechen können“. Aber auch das reizte Rezos Fans eher zum Lachen – vor allem wegen der abschließenden Grußformel „Dein Paul“, was als Anbiederung empfunden wurde.

Jung gegen Alt, Digital gegen Analog?

Der Fall offenbart: Die so genannte arrivierte Politik tut sich schwer, den so genannten Neuen Medien angemessen zu begegnen. Das ist auch die Analyse des Medienwissenschaftlers Bernhard Pörksen, der die Krisenkommunikation der CDU in der SÜDDEUTSCHEN ZEITUNG analysierte. Was für die Politik gilt, gilt mit Sicherheit auch für die Wirtschaft – also ist es hilfreich, sich die drei wichtigsten Punkte des Experten hier besonders vor Augen zu führen:

  • Im digitalen Zeitalter sind alle Widersprüchlichkeiten und Fehler für alle, immer, sofort und schnell dokumentierbar. Man muss nur wissen, wie man recherchiert. Rezo begründet seine Glaubwürdigkeit auf Basis der Links, die er in sein Video eingefügt hat, und die allesamt korrekt sind und seine Thesen plausibel machen. Fazit: Man kann Widersprüche nicht auflösen, indem man Menschen wie Rezo bloß als Schwätzer abstempelt.
  • Rezo hat mit seinem Video politische Inhalte in eine junge Sprache übersetzt, er hat quasi einen „YouTube-Leitartikel“ verfasst. Das Video hat deshalb eine so große Reichweite, weil sich die Jungen von den Inhalten angesprochen fühlen. Die Sprache und die Form des Videos haben damit nichts zu tun. Fazit: Man kann nicht glauben, man müsse sein eigenes Angebot einfach mit ein paar Emojis und LOL’s versehen, und alles wäre gut.
  • In einer Zeit, in der nichts geheim bleiben kann, in der alles sofort und weltweit öffentlich ist, steht auch der Umgang mit Fehlern und Krisen sofort unter Beobachtung. Relativieren, pauschal abwerten, ableugnen oder mit der Wahrheit nur scheibchenweise herausrücken, das hat bei einem Karl-Theodor zu Guttenberg schon nicht funktioniert – und tut es heute noch viel weniger. Fazit: In diesem Biotop muss man schnell, konsistent, und vor allem glaubwürdig reagieren.

Die Welt ist ein großes Dorf geworden, und je mehr Sie in der Öffentlichkeit stehen, desto mehr werden Sie in Zukunft bereit sein müssen, mit der Breite dieses Dorfes in Dialog zu treten. Sie werden zuhören und angemessene Antworten geben müssen – auch dann, wenn die Sprache und die blauen Haare eines Gesprächspartners wie Rezo Ihnen vielleicht fremd sind.

 

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