Intomedia Blog: Alles zwischen Sendern und Empfängern
11.05.2012

Info-Krieg ums Essen

von Stefan Schimmel

So wird Faschiertes vom Rind produziert: Fleischreste vom Schlachthof werden vom Knochen gelöst, in einer beheizten Zentrifuge geschleudert und anschließend mit Ammoniumhydroxid behandelt, um Salmonellen abzutöten.

Wenn Sie davon in einer Zeitung lesen – könnten Sie dann zu diesem Lebensmittel Zutrauen fassen?

Die US-Firma Beef Products Inc., die ihr „mageres, fein strukturiertes Rindfleisch“ auf diese Art herstellt, hat in den vergangenen Monaten vergeblich um das Image ihrer Produkte gekämpft und musste jetzt drei seiner vier Werke schließen und über 600 Mitarbeiter kündigen.

Da half es nichts, dass einiges für die Abwehrschlacht aufgeboten wurde: Aufklärung auf einer eigens dafür eingerichteten Website; Experten, die dem Produkt Sicherheit und Unbedenklichkeit attestierten; Gouverneur Terry Branstad, der vor versammelter Presse einen Hamburger mit Rindfleisch der Firma Beef Products degustierte und dabei den Tag der Werks-Schließung als „einen traurigen Tag für Iowa“ bezeichnete; der Hinweis, dass Ammoniumhydroxid in allen Lebensformen der Erde zu finden sei und in der Produktion vieler Lebensmittel eingesetzt werde.

Allein die Art der Herstellung ist irritierend, und den Amerikanern ist der Appetit auf ihr Rinds-Faschiertes gründlich vergangen. Und für das Unternehmen führen wohl keine Kampagne und kein Spin mehr aus diesem Tal heraus.


Tempo-Beschleunigung durch das Web 2.0


Das Schicksal der Firma Beef Products ist ein anschauliches Beispiel dafür, wie dynamisch und rasch gegenwärtig die Meinungsbildung über soziale Netzwerke funktioniert. Vor zehn Jahren ging alles noch gemächlich: Der Mikrobiologe Gerald Zirnstein untersuchte das Produkt im Jahr 2002 für das US-Landwirtschaftsministerium und nannte es „Pink Slime“, „rosa Pampe“ – auch das ist eine Bezeichnung, die nicht gerade Sympathie hervorruft. Und doch geschah lange nichts.

Bis Jamie Oliver das Thema aufs Tapet brachte und auf YouTube ein Video hochlud, das mit Hilfe einer Life-Demonstration zeigt, wie Pink Slime produziert wird:

Beobachten Sie die Reaktionen der Zuschauer im Video – life zur Schau gestellter Ekel ist in der Wirkung immer noch unübertroffen. Und führte dazu, dass das Thema in die Blogosphäre und bei Twitter Einzug hielt, zum Beispiel bei „The Lunch Tray“ mit einer Petition an den amerikanischen Kongress, Pink Slime an den Schulen nicht mehr zu verkaufen.

Schließlich sprangen auch die klassischen Medien wie der US-Sender ABC auf das Thema auf, alle mit dem gleichen Tenor: Pink Slime muss aus dem Speiseplan verschwinden. Worauf hin amerikanische Supermarkt- und Fastfood-Ketten die Konsequenzen zogen und das Produkt aus ihrem Sortiment nahmen.

Ist „Pink Slime“ also für die Gesundheit des Konsumenten schädlich? Keine Ahnung. Das Web 2.0 hat jedenfalls entschieden.

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18.03.2010

Neue Medien:
Vom Aufbegehren der Empfänger

von Stefan Schimmel

Wie sehr sich Kommunikation in den letzten Jahrzehnten verändert und erweitert hat, kann man an folgenden beiden Fotos erkennen:

1950er Jahre: Robert Kennedy verkündet in Washington einer Menschenmenge seine politischen Ziele.

21. Jahrhundert: Auf einer sogenannten „LAN-Party“ tauschen sich gleichzeitig Tausende von Usern aus.

Das Foto wurde 2004 auf der „Dream-Hack-Party“  in Jönköping/ Schweden aufgenommen. Diese Party findet dort zwei Mal im Jahr statt und ist laut „Guinness-Buch der Rekorde“ die größte LAN-Party der Welt.

In der klassischen Kommunikation sprach eine(r), und viele hörten zu. Heute wollen die Empfänger nicht mehr so passiv sein – sie wollen sich beteiligen und dabei ernst genommen werden. Heute sprechen viele, und viele hören zu. Die Welt der Kommunikation ist ein Dorf geworden, in dem sich gute wie schlechte Nachrichten in Windeseile verbreiten können.

FacebookYoutubeXingFriendsterWeblogsLinkedInTwitter – … Bei all diesen Namen kann man, wenn man nicht mit dem Internet aufgewachsen ist, schnell den Überblick verlieren. Wirtschaft und Politik stehen vor schwerwiegenden Fragen. Soll ich ins Netz? Soll ich nicht? Welchen Kanal wähle ich für meine Darstellung nach außen? Welche Zielgruppe erreiche ich mit welchem Format am besten? Wie stelle ich mein Produkt, mein Projekt, meine Idee in der Öffentlichkeit dar?

Auf diese Fragen haben vergangene Woche in unseren Trainingsstudios eine Kennerin und ein Kenner der Materie in zwei Vorträgen profunde Antworten gegeben. Mag. Konstanze Wagenhofer war Mitgründerin der Online-Redaktion des ORF und arbeitet als freie Trainerin mit speziellen Angeboten im Web-2.0-Bereich. Gerald Groß kennt der österreichische Fernsehkonsument aus der Nachrichtensendung „Zeit im Bild“. Auch er beschäftigt sich seit mehreren Jahren mit dem Phänomen der Massenkommunikation, und mit der Frage, wie Unternehmen auf diese Herausforderung am besten reagieren.

All jene, die letzte Woche die Zeit fanden, an diesen Vorträgen teilzunehmen, finden hier ein „Erinnerungsfoto“. Aber auch all jene, die interessiert sind und sich informieren möchten, finden hier das Material zu den Vorträgen als Pdf.

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04.03.2010

Web 2.0: "Drin sein" reicht nicht

von Konstanze Wagenhofer

Als ich vor mehr als acht Jahren mein Weblog begonnen habe, war es Freude am Experiment: Freunde von mir hatten die Software "Antville" entwickelt, und ich fing an, kleine bissige Glossen zu veröffentlichen. Es war ein neues und großartiges Gefühl, ohne „Vier-Augen-Prinzip“, ohne Chefredakteur und ohne „Blattlinie“ einfach per Knopfdruck publizieren zu können. Es gab mir Berge, dass Google mein kleines Girlscamp als ersten Treffer bei der Suche nach „Hühnerleberaufstrich“ ausspuckte.

Mittlerweile – oder besser: schon seit einigen Jahren - schreibe ich nur noch selten etwas hinein. Dafür zitiere ich die üblichen Gründe: Seit es Youtube gibt, bleibe ich dort öfter hängen (und poste die Videos dann nicht in meinem Weblog).  Auf Facebook bin ich seit rund zwei Jahren auch aktiv, und dann gibt es noch das iPhone mit seinen nützlichen und unterhaltsamen „Applications“. Zeitungen, Radio und Fernsehen wollen täglich meine Aufmerksamkeit. Und nebenbei habe ich auch noch eine Karriere, die mich herausfordert.

Alles Ausreden. Wer wirklich schreiben will, schreibt. Oder wie es der US-amerikanische Schriftsteller F. Scott Fitzgerald ausdrückte: "You don‘t write because you want to say something, you write because you have something to say." Es ist peinlich, öffentlich zuzugeben, aber immer häufiger fehlt mir die Motivation, aus einem Gedanken ein Thema zu machen – und daraus einen pointierten Text. Lieber schnell ein paar Zeichen in die Facebook-Statuszeile tippen, dort fließen sie in den Nachrichtenstrom der FreundInnen – und erreichen sie ziemlich sicher. Mit dem Aufwand von oft nur ein paar Sekunden.

Heute katapultiert mich die Google-Suche nach Hühnerleberaufstrich nicht mehr auf den ersten Platz, aber immerhin noch unter die ersten Zehn. Warum? Google „liebt“ Blogs und reiht sie bevorzugt. Für viele Unternehmer ist das allein schon Grund genug, ein Weblog zu betreiben. Doch es gibt noch viele andere, mindestens ebenso gute Gründe: Mit einem authentisch und fundiert gemachten Weblog können Firmen sich mit ihrer Kompetenz positionieren und Themenführerschaft auf- und ausbauen. Der direkte Kontakt mit Userinnen und Usern, die auch Kundinnen und Kunden sein können, liefert wertvolle Informationen über die Bedürfnisse am Markt. Und Journalisten informieren sich zunehmend auch auf (Corporate) Blogs.

Allerdings gilt für Firmen wie für Private, die mit ihrem Weblog erfolgreich sein wollen: Es braucht Inhalte. Und Regelmäßigkeit. „Facebook ist das Bloggen von heute“, sagte kürzlich ein befreundeter Branchenkollege. Zumindest für viele private Ex-Blogger mag das gelten. Facebook ist aber viel mehr: „Eigentlich kann man Facebook als eigenes Web innerhalb des Web sehen“, ist ein anderer Branchenkollege überzeugt, „wer dort nicht vertreten ist, existiert für viele im Web nicht mehr.“ Statt den Versuch eines Wahrheitsbeweises zu unternehmen, weise ich auf die Meldung von Mitte Februar hin, dass Facebook Google als stärksten Trafficlieferanten den Rang abgelaufen hat (s. den Artikel in SFGate). Das heißt, dass mehr User über Facebook auf große Portale gelangen als durch den Suchgiganten. In Österreich nutzen mehr als 1,5 Millionen Menschen Facebook, Tendenz steigend.

Doch wie bei allen großen Ansammlungen reicht es auch auf Facebook nicht, einfach nur „drin“ zu sein. Das allein bringt noch keine „Fans“. Man muss etwas bieten: Als Privatperson kann das allein schon der virtuelle Draht sein, der die (vielleicht nur lose) Freundschaft aus dem wirklichen Leben verstärkt. Als Firma braucht man mehr: vor allem echte Kommunikationsangebote, die die UserInnen auch interessiert. Und – das wird gern verschwiegen – geeignete Werbung für die Facebook-Angebote. Wer sich nur auf Mundpropaganda verlässt, könnte am Ende mit weniger Fans dastehen als die Konkurrenz.

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