Info-Krieg ums Essen
So wird Faschiertes vom Rind produziert: Fleischreste vom Schlachthof werden vom Knochen gelöst, in einer beheizten Zentrifuge geschleudert und anschließend mit Ammoniumhydroxid behandelt, um Salmonellen abzutöten.
Wenn Sie davon in einer Zeitung lesen – könnten Sie dann zu diesem Lebensmittel Zutrauen fassen?
Die US-Firma Beef Products Inc., die ihr „mageres, fein strukturiertes Rindfleisch“ auf diese Art herstellt, hat in den vergangenen Monaten vergeblich um das Image ihrer Produkte gekämpft und musste jetzt drei seiner vier Werke schließen und über 600 Mitarbeiter kündigen.
Da half es nichts, dass einiges für die Abwehrschlacht aufgeboten wurde: Aufklärung auf einer eigens dafür eingerichteten Website; Experten, die dem Produkt Sicherheit und Unbedenklichkeit attestierten; Gouverneur Terry Branstad, der vor versammelter Presse einen Hamburger mit Rindfleisch der Firma Beef Products degustierte und dabei den Tag der Werks-Schließung als „einen traurigen Tag für Iowa“ bezeichnete; der Hinweis, dass Ammoniumhydroxid in allen Lebensformen der Erde zu finden sei und in der Produktion vieler Lebensmittel eingesetzt werde.
Allein die Art der Herstellung ist irritierend, und den Amerikanern ist der Appetit auf ihr Rinds-Faschiertes gründlich vergangen. Und für das Unternehmen führen wohl keine Kampagne und kein Spin mehr aus diesem Tal heraus.
Tempo-Beschleunigung durch das Web 2.0
Das Schicksal der Firma Beef Products ist ein anschauliches Beispiel dafür, wie dynamisch und rasch gegenwärtig die Meinungsbildung über soziale Netzwerke funktioniert. Vor zehn Jahren ging alles noch gemächlich: Der Mikrobiologe Gerald Zirnstein untersuchte das Produkt im Jahr 2002 für das US-Landwirtschaftsministerium und nannte es „Pink Slime“, „rosa Pampe“ – auch das ist eine Bezeichnung, die nicht gerade Sympathie hervorruft. Und doch geschah lange nichts.
Bis Jamie Oliver das Thema aufs Tapet brachte und auf YouTube ein Video hochlud, das mit Hilfe einer Life-Demonstration zeigt, wie Pink Slime produziert wird:
Beobachten Sie die Reaktionen der Zuschauer im Video – life zur Schau gestellter Ekel ist in der Wirkung immer noch unübertroffen. Und führte dazu, dass das Thema in die Blogosphäre und bei Twitter Einzug hielt, zum Beispiel bei „The Lunch Tray“ mit einer Petition an den amerikanischen Kongress, Pink Slime an den Schulen nicht mehr zu verkaufen.
Schließlich sprangen auch die klassischen Medien wie der US-Sender ABC auf das Thema auf, alle mit dem gleichen Tenor: Pink Slime muss aus dem Speiseplan verschwinden. Worauf hin amerikanische Supermarkt- und Fastfood-Ketten die Konsequenzen zogen und das Produkt aus ihrem Sortiment nahmen.
Ist „Pink Slime“ also für die Gesundheit des Konsumenten schädlich? Keine Ahnung. Das Web 2.0 hat jedenfalls entschieden.
News aus der Twitter-Sphäre
Schöne Fundsache der letzten Wochen: Die Studie „Twitterpolitik“, die an der Universität Wien durchgeführt wurde und unlängst veröffentlicht worden ist. Für die Medien-Arbeit deshalb interessant, weil viele Journalisten den Nachrichtendienst Twitter als Informationsquelle nutzen, der bekannteste in Österreich ist sicher Armin Wolf.
Über das Thema wird in diesem Blog garantiert noch die Rede sein, im Augenblick gebe ich Ihnen zum Einlesen die Links zur Studie und zu den Kommentaren, die dazu in diversen Medien und Blogs erschienen sind:
die Studie im Wortlaut
Die Presse
Die Presse
Kurier
guensblog
Alexander Stocker
Was für ein schöner Sonntag!
Mit diesem Satz nahm Joachim Gauck vergangenes Wochenende seine Wahl zum deutschen Bundespräsidenten an.
Damit demonstrierte er eines seiner besonderen Talente: Große Gefühle in einfache, prägnante Worte zu kleiden, die viel mehr aussagen, als es im ersten Augenblick den Anschein hat – wenn man zum Beispiel weiß, dass Gauck denselben Satz auch am 18. März vor 22 Jahren gesprochen hatte, als er das erste Mal in senem Leben an freien, demokratischen Wahlen teilnehmen konnte.
Was für ein Satz! Was für eine Welt, die hinter diesen einfachen Worten steckt! Sie umfassen nicht weniger als mehrere Jahrzehnte gelebter Erfahrung im Bemühen um Freiheit und Bürgerrechte.
Genau diesen Ruf genießt Gauck bei vielen Deutschen: Dass er einer ist, der weiß, was es heißt, in Unfreiheit zu leben. Dass er kein Populist ist und mit einigem Aufwand an Pathos um Gerechtigkeit kämpft. Gauck ist ein Guter – so dachten und schrieben viele User auf Twitter bei seiner ersten Kandidatur im Jahr 2010.
Die Wahrheit steckt – wie immer dahinter
Aber dieses Talent der scharfzüngigen Prägnanz scheint für Gauck nicht nur ein Segen zu sein, denn es hat seine Gegner oft dazu eingeladen, an der Oberfläche hängenzubleiben. Twitter-Nachrichten der letzten Tage haben Gauck zum Beispiel jegliches Gespür für Probleme unserer Zeit abgesprochen, weil er die Occupy-Bewegung als „unsäglich albern“ bezeichnete.
Aber dabei unterschlug man geflissentlich, wie er seine Haltung begründet hatte: nämlich, dass eine Besetzung allein das Problem der Banken und der leeren Staatskassen nicht lösen könne.
Man hat Gauck vorgeworfen, er stecke mit Thilo Sarrazin unter einer Decke, weil er ihn „mutig“ finde. Dabei „vergaß“ man jedoch darauf hinzuweisen, dass dieses Zitat verkürzt aus einem Interview wiedergegeben wurde, das er 2010 der Süddeutschen Zeitung gegeben hatte. In diesem Interview identifizierte er sich keineswegs mit Sarrazins Ansichten – aber er attestierte ihm den Mut, sich aktiv mit kontroversiellen Themen auseinanderzusetzen.
Und die Lösung?
Ich möchte hier festhalten: Joachim Gauck hat ein Problem der Kommunikation, nicht der Persönlichkeit. Er ist ein Mann, dem man ein bisschen länger zuhören muss. Der die Tendenz hat, mehr zu sagen, als in einer 140 Zeichen umfassenden Twitter-Nachricht Platz findet. Joachim Gauck teilt damit das Schicksal aller Menschen, die in der Öffentlichkeit komplexe Zusammenhänge erklären sollen: Wie können sie ihre Inhalte so darstellen, dass sie einerseits anregend (und twittertauglich) sind, aber gleichzeitig ihre Tiefe nicht verleugnen?
Am Beispiel Joachim Gauck können wir sehen: Eine garantierte Lösung für dieses Problem gibt es nicht. Gauck IST ein absoluter Medien-Profi; er muss medientaugliches Sprechen nicht mehr lernen.
Aber er kann sich trotzdem die Frage stellen: Wenn ich einen Inhalt prägnant darstelle – kann er dann von Menschen, die mir übelwollen, gegen mich verwendet werden?
Web 2.0: Jedes Spiel hat Regeln
Auch nackte Zahlen können sehr interessant sein, finde ich.
Also: Laut einer unlängst von der WKÖ veröffentlichten Studie nutzen zur Zeit 48% aller österreichischen Unternehmen soziale Netzwerke für ihre Kommunikation. Vergangenes Jahr waren es 39%. Tendenz also einigermaßen steigend.
Und weiter: Von diesen Unternehmen veröffentlichen 67% ihre Inhalte zumindest einmal pro Woche, 7% sogar mehrmals täglich. Auch wenn es sich bei letzteren wohl nur um kurze Twitter-Meldungen handelt: Am Fleiß scheint es nicht zu mangeln.
Aber: Nur 24,7% all dieser Unternehmen setzen sich klare Ziele für Ihre Internet-Aktivitäten.
Alle anderen schießen also offensichtlich aus der Hüfte. Das aber fleißig, nämlich mindestens einmal pro Woche. Eine ähnliche Befragung in Deutschland ergab übrigens ungefähr dasselbe Bild: Dort haben 81% aller im Netz aktiven Unternehmen keine klare Strategie. Und ganze 87% mussten nach einem Jahr ihre Erwartungen an das Medium korrigieren.
Setzen wir diesen Zahlen noch ein paar andere entgegen.
Das Hamburger Brand Science Institute interessierte sich für die Empfänger-Seite und befragte die User: Von denen gaben 58% an, sich mindestens einmal über Facebook oder Twitter mit Fragen, Beschwerden oder Anregungen an ein Unternehmen gewandt zu haben.
Von diesen waren 61% mit der Reaktion unzufrieden und hatten das Gefühl, dass man auf ihre Bedürfnisse nicht angemessen eingegangen war.
Man muss hier kein großer Detektiv sein. Und viel mehr als die nackten Zahlen braucht man auch nicht, um zu verstehen, dass hier ein wichtiges Spiel immer noch ohne Kenntnis der Regeln gespielt wird. Und das um viel Geld.
Wie predigt man in der Wüste?
Stellen Sie sich vor, Sie hätten eine Information, die die Welt retten kann. Aber niemand hört zu. – Das ist sicher einer der schlimmsten Alpträume für jeden, der in der Kommunikation tätig ist: Er hat eine wichtige, schöne, nützliche, angenehme Nachricht, aber kein Mensch reagiert darauf. So etwas kommt in den besten Familien vor.
Diese Woche hat nun die Organisation TED einen Vortrag ins Netz gestellt, der auf dieses Problem eingeht. Der Medien-Experte Kirk Citron spricht über sein Projekt „The Long Now“. Dabei geht es um die Frage, welche Nachrichten und Informationen, die tagtäglich auf uns Konsumenten einströmen, das Zeug dazu haben, auch wirklich in unseren Köpfen hängenzubleiben.
3,5 Millionen neue Geschichten werden pro Jahr allein bei der Nachrichtenagentur Reuters veröffentlicht. Ein durchschnittlicher amerikanischer Mensch ist pro Tag etwa 8000 Werbebotschaften ausgesetzt, schrieb James Twitchell schon vor mehr als zehn Jahren. An die 50 Millionen Nachrichten pro Tag meldete die Netzwerkplattform Twitter im Jänner 2010. Dazu fällt mir der Zukunftsforscher John Naisbitt ein, der zu diesem Phänomen einmal gesagt hat:
Wir ertrinken in Information. Aber wir hungern nach Wissen.
Wie füttere ich einen Menschen, der übersättigt ist und keine Ahnung davon hat, dass er gerade bei mir sein Lieblingsgericht finden wird? Wie biete ich ihm mein Essen an?
Was wir von dem Projekt „The Long Now“ lernen können, ist der besondere Blick auf unsere Welt. Es ist die Fragestellung: Welche Geschichte, die uns Menschen jetzt beschäftigt, ist prädestiniert dafür, auch noch die nächsten 20, 50 oder 100 Jahre zu überdauern? Was zeichnet diese Geschichte aus?
„Was ist die Geschichte an der Geschichte?“ – Diese berühmte Frage stellen sich Journalisten, wenn sie darüber nachdenken, welche Informationen sie in die Zeitung, ins Radio oder ins TV bringen, und wie sie darüber berichten sollen.
Diese Frage bedeutet: Was ist an der Information, die ich ans Publikum bringen möchte, so bedeutsam, dass auch in 100 Jahren noch darüber gesprochen wird?
Neue Medien:
Vom Aufbegehren der Empfänger
Wie sehr sich Kommunikation in den letzten Jahrzehnten verändert und erweitert hat, kann man an folgenden beiden Fotos erkennen:
21. Jahrhundert: Auf einer sogenannten „LAN-Party“ tauschen sich gleichzeitig Tausende von Usern aus.
Das Foto wurde 2004 auf der „Dream-Hack-Party“ in Jönköping/ Schweden aufgenommen. Diese Party findet dort zwei Mal im Jahr statt und ist laut „Guinness-Buch der Rekorde“ die größte LAN-Party der Welt.
In der klassischen Kommunikation sprach eine(r), und viele hörten zu. Heute wollen die Empfänger nicht mehr so passiv sein – sie wollen sich beteiligen und dabei ernst genommen werden. Heute sprechen viele, und viele hören zu. Die Welt der Kommunikation ist ein Dorf geworden, in dem sich gute wie schlechte Nachrichten in Windeseile verbreiten können.
Facebook – Youtube – Xing – Friendster – Weblogs – LinkedIn – Twitter – … Bei all diesen Namen kann man, wenn man nicht mit dem Internet aufgewachsen ist, schnell den Überblick verlieren. Wirtschaft und Politik stehen vor schwerwiegenden Fragen. Soll ich ins Netz? Soll ich nicht? Welchen Kanal wähle ich für meine Darstellung nach außen? Welche Zielgruppe erreiche ich mit welchem Format am besten? Wie stelle ich mein Produkt, mein Projekt, meine Idee in der Öffentlichkeit dar?
Auf diese Fragen haben vergangene Woche in unseren Trainingsstudios eine Kennerin und ein Kenner der Materie in zwei Vorträgen profunde Antworten gegeben. Mag. Konstanze Wagenhofer war Mitgründerin der Online-Redaktion des ORF und arbeitet als freie Trainerin mit speziellen Angeboten im Web-2.0-Bereich. Gerald Groß kennt der österreichische Fernsehkonsument aus der Nachrichtensendung „Zeit im Bild“. Auch er beschäftigt sich seit mehreren Jahren mit dem Phänomen der Massenkommunikation, und mit der Frage, wie Unternehmen auf diese Herausforderung am besten reagieren.
All jene, die letzte Woche die Zeit fanden, an diesen Vorträgen teilzunehmen, finden hier ein „Erinnerungsfoto“. Aber auch all jene, die interessiert sind und sich informieren möchten, finden hier das Material zu den Vorträgen als Pdf.




















