Wieviel "passion" verträgt ein Auftritt?
Denkmäler sind dazu da, dass man auch einmal ordentlich an ihnen rüttelt. Der Kommunikationsberater Jan Schumacher hat das diese Woche in einem Blog-Artikel getan. Sein Denkmal: Einer der besten Präsentatoren der Gegenwart, Steve Jobs. Sein Einwand: Der unbändige Optimismus und die Leidenschaft, die diesen Meister der Präsentation (unter anderem) erfolgreich gemacht haben, sind nicht unbedingt immer und überall passend. – An diesem Argument ist was dran, und an dieser Diskussion beteilige ich mich gerne.
Ich denke, die amerikanischen Redner und Vortragenden können uns Europäern in vielerlei Hinsicht ein Vorbild sein. So ist es natürlich auch mit Steve Jobs, über dessen Fähigkeiten wir in diesem Blog schon an anderer Stelle geschrieben haben, siehe hier und hier. Das liegt allein schon an der Ausbildung. Disputieren, Argumentieren und öffentlich Sprechen sind in Amerika fester Bestandteil des Schulstoffes. In unseren Breitengraden ist es leider immer noch möglich, ein komplettes Studium abzuschließen, ohne ein einziges Mal einen Präsentationskurs besucht zu haben (und damit meine ich jetzt nicht einen Kurs in Präsentationsdesign).
So kommt es, dass sich Amerikaner mit einer viel größeren Selbstverständlichkeit und Routine auf dem Podium bewegen. Allein deshalb liefern sie bessere rhetorische Leistungen ab als Vortragende in unseren Breitengraden. Sie zeigen mehr Leidenschaft, Emotionen und Engagement, weil sie sich nicht vor der Situation des Auftrittes fürchten.
(Und übrigens finde ich, dass dies ein enormer kultureller und vor allem wirtschaftlicher Vorsprung ist, der den hiesigen Wissenschafts- und Unterrichtsministern nicht egal sein sollte!)
Aber Jan Schumacher hat mit seiner Beobachtung recht: Amerikaner sind ein anderes Publikum als wir Europäer. Sie lieben den Optimismus und die Emotionen, während wir in Europa eher an der Sache orientiert sind. Das mag verschiedene Gründe haben. Mit persönlich gefällt die Erklärung, dass Optimismus und Leidenschaft die Eigenschaften waren, mit denen die Amerikaner ihre Nation aufbauten. Europa dagegen hat vor allem die Erfahrung zweier Weltkriege hinter sich, und damit die Einstellung, dass das Leben grundsätzlich von Konflikten bestimmt ist.
Wie auch immer: Als vergangenen Juli in Los Angeles die Trauerfeier für Michael Jackson stattfand, trat als letzte „Rednerin“ seine 11jährige Tochter Paris auf, um unter Tränen zu verkünden, dass ihr Daddy der beste Vater war, den man sich hätte wünschen können:
Man hätte dem armen, traurigen Kind diesen Auftritt auch ersparen können. Anstatt damit Politik zu machen, hätte man ihre Gefühle dort belassen können, wo sie hingehören: in ihre Privatsphäre. Für jeden normal denkenden und fühlenden Europäer war dieser Auftritt unerträglich, aber in Amerika sind solche Momente gerne gesehen, ja sogar notwendig, wenn man vor Publikum ernst genommen werden will. Wie man auf dem Video sehen kann, sind die Verwandten sehr darum bemüht, ihr das Mikrofon auch ja recht gut vor den Mund zu halten, damit man all ihre Schluchzer auch ja bis in die letzte Reihe hören konnte.
„Passion“ kann Menschen zutiefst berühren. Sie kann motivieren oder begeistern. Aber sie kann auch anecken.
Dazu fällt mir eine Grundregel aus der antiken Rhetorik ein, die dieses Problem behandelt: Man nannte sie das Prinzip des „aptum“. Übersetzt heißt das: Das „Passende“, „Angemessene“. Das bedeutet: Wir richten uns bei unseren Auftritten nach den Erfordernissen der Situation und nach der Mentalität und dem Geschmack des Publikums. Wenn wir die Geschäftszahlen des letzten Quartals präsentieren und wissen, dass unser CEO keine Emotionen oder Geschichten mag, dann werden wir uns sachlich verhalten. Wenn wir jedoch über dieselben Geschäftszahlen abends bei einem Event als Keynote-Speaker sprechen, dann werden wir Leidenschaft und Geschichten einsetzen müssen, denn bei diesem Ereignis geht es darum, unser Publikum zu animieren.
In diesem Sinne plädiere ich dafür, rhetorische Kapazunder wie Steve Jobs sehr wohl ernst zu nehmen und von ihnen zu lernen – aber immer mit Maß und Hirn.
Reden ist gut - beweisen ist besser
Am Montag wurde in einer Pressekonferenz der deutsche Konkurrent des iPads, das „WePad“ des Berliner Herstellers Neofonie, den Journalisten vorgestellt – zum zweiten Mal. Es war ein verzweifelter Rettungsversuch nach einer katastrophalen ersten Präsentation. Aber es sieht ganz so aus, als ob er gelingen könnte.
Mich würde das freuen. Nicht dass ich ein Feind von Apple wäre – ich wünsche beiden Unternehmen das Beste. Aber es würde mich freuen, wenn die Art und Weise, wie Neofonie in der Krise kommuniziert, auch auf lange Sicht Erfolg hätte – denn die ist in Ordnung.
Aber schön der Reihe nach. Der CEO von Neofonie, Helmut Hoffer von Ankershoffen, hatte hoch gepokert. Er wollte sein Produkt genau am selben Tag präsentieren, an dem Apple den Verkaufsstart für den iPad in Deutschland angekündigt hatte – am 14. April. Ein großes Maß an Aufmerksamkeit war ihm sicher. Dementsprechend stolz hielt er sein Gerät ins Blitzlichtgewitter der Kameras – der neue Herausforderer des Steve Jobs.
Leider spielt das Leben nicht immer so, wie man möchte. Das „WePad“, das man für die Live-Präsentation vorgesehen hatte, war im Zoll hängengeblieben und traf erst 10 Minuten nach dem Beginn der Pressekonferenz vor Ort ein. Also demonstrierte man die Bedienung mit einem Video – das unterwegs seinen Geist aufgab. Dann kam das Originalgerät doch – aber die Benutzeroberfläche funktionierte nicht, und statt des versprochenen Betriebssystems Linux war Windows 7 installiert. Und so musste es zu dem peinlichen Augenblick kommen, da das Gerät auf die Anfrage eines Journalisten nicht in Betrieb genommen werden konnte. Sehen Sie selbst:
Das Desaster war perfekt. Das „WePad“ wurde unter anderem von der Financial Times Deutschland förmlich in der Luft zerrissen. Die gute Idee, mit der Neofonie ins Rennen gegangen war, ging in der Flut von negativen Kritiken hoffnungslos unter: Einen Tablet-PC herzustellen, der nicht nur auf Apple-Applikationen angewiesen und daher universal einsetzbar ist. „Offenheit, Barrierelosigkeit und faire Bedingungen“ hatte man sich auf die Fahnen schreiben wollen – den Vorwurf des „Fakes“ hatte man sich eingehandelt.
Aber die PR-Strategen bei Neofonie scheinen ihre eigenen Werte nicht vergessen zu haben. „Offenheit“ beherzigte man jetzt in der Kommunikation.
Man veröffentlichte ein neues Produktvideo – diesmal mit dem richtigen Betriebssystem – auf YouTube. Man kündigte auf Facebook eine neue Präsentation an und lud die Community ein, drei ganz besonders kritische Geister dorthin zu entsenden. Und – was das wichtigste war: die neue Präsentation war keine Produktpräsentation im klassischen Sinn, also keine „Show“. Es war ein Angebot an die Journalisten und Blogger, das Gerät diesmal "in echt" zu testen, um sich von den Tatsachen zu überzeugen.
Die Titel in den Tageszeitungen und Fachzeitschriften der letzten 24 Stunden zeigen, dass die Aktion Erfolg hatte. Die Blogger zeigten sich zufrieden. Sogar die gestrenge Financial Times Deutschland ließ sich herumkriegen.
Menschen – insbesondere Journalisten – revidieren auch einmal ihre Meinungen. Aber man muss sich aktiv, offen und fair darum bemühen.
Die Kunst des guten Gastgebers: Die Keynotes des Steve Jobs
Er füllt mühelos riesige Auditorien, aber seine Mittel sind schlank wie ein iPhone – die Präsentationen des Steve Jobs sind bekannt dafür, Meisterwerke der Reduktion zu sein.
Reduktion erzeugt große Wirkung, aber: Sparsam in den Mitteln zu sein, erzeugt natürlich auch Angst.
Wenn wir auf umfassende Information auf den Slides verzichten: Was bleibt dann noch übrig? Werden wir die hohen Erwartungen unseres Publikums zufriedenstellen können – nur mit Hilfe unserer Worte und Signale? Werden wir nur aus uns heraus genügend Spannung erzeugen können, damit am Ende alle zufrieden nach Hause gehen?
Steve Jobs setzt auf Inszenierung. Inszenierung ist die bewusste Anwendung von Mitteln der Kommunikation mit dem Ziel, ein Maximum an Anschaulichkeit und Spannung zu erzeugen. Das Gute dabei ist: Es gibt im Grunde nur vier verschiedene gestalterische Mittel für Präsentationen, die wir dafür einsetzen können: Personen, Dinge, Handlungen und Orte. Die Präsentation des iPad ist ein gutes Beispiel dafür.
Personen:
Steve Jobs tritt zu Beginn immer allein und ohne Projektion auf die Bühne. Das ist ein Signal an sein Publikum: Ich trete als Mensch und Erzähler vor euch. Ich habe euch wertvolle Dinge mitzuteilen, aber zuerst ist es mir wichtig, dass wir in guten Kontakt miteinander kommen. Ich möchte im Augenblick eure ganze Aufmerksamkeit.
Er verhält sich dabei wie ein Gastgeber. Ein guter Gastgeber ist ein Mensch, der alle seine Gäste kennt, der für jeden und jede von ihnen hohe Wertschätzung empfindet, und der sich um eine angenehme Verbindung zwischen all den Menschen bemüht, die sein Haus beehren. Hans-Joachim Kulenkampff, Thomas Gottschalk oder Jay Leno sind berühmte Beispiele dafür.
Aber ein Gastgeber sorgt auch dafür, dass jeder Gast ins rechte Licht gerückt wird, und dass er die beste Plattform bekommt, damit er vor dem übrigen Publikum glänzen kann. Und so inszeniert Steve Jobs für sein Produkt und alle dazu gehörenden Applikationen den gebührenden Auftritt: Nach den ersten Sätzen der Eröffnung schaltet er den Beamer ein. Das Produkt, das er präsentiert, erscheint - der iPad ist sein "Stargast". Mit einemmal verändern sich die Proportionen; der Mensch auf der Bühne wird klein neben seinem Produkt. Das Produkt übernimmt die Hauptrolle.
Dinge:
Ein Ding wird anschaulicher, wenn das Publikum es leibhaftig vor Augen sehen kann. Also zeigt Steve Jobs den iPad natürlich nicht nur auf der Leinwand, er zeigt das Original. Aber sehen Sie auf dem nächsten Bild, wie er das tut: Er hält den iPad vor sein Publikum, als wäre es ein wertvolles Produkt aus Glas, das man behandeln muss, als ginge es um den eigenen Augapfel.
Vergleichen Sie Steve Jobs mit Jeff Bezos (CEO von Amazon): Allein die Art, wie die beiden ihr Produkt in Händen halten, sagt viel über den Wert aus, den sie ihm beimessen.
Handlungen:
Natürlich führt Jobs sein Produkt auch vor. Er setzt sich auf eine Couch, die im Hintergrund steht, nimmt gelassen den iPad zur Hand und zeigt dem Publikum eine seiner Funktionen. Diese Handlung ist genau auf ihre Wirkung berechnet - auf Gemütlichkeit. Mit dem iPad kann der Konsument Zeitung lesen. Steve Jobs erzeugt das Gefühl, wie es wäre, wenn man selbst am Sonntag gemütlich in seiner Couch sitzen und die New York Times lesen würde. Er bedient das Gerät, und das Publikum kann alle Manipulationen auf der Leinwand nachvollziehen. Der iPad wird in der Folge zum Artisten, der seine Nummern vorführt und seine erstaunlichen Fähigkeiten zum besten gibt.
Er überlässt dem iPad die Bühne. Alle Aufmerksamkeit gilt jetzt dem Produkt. Steve Jobs hält sich zurück und ist phasenweise sogar ganz still. Er lässt sein Produkt sprechen. Es soll zeigen dürfen, was es kann, ohne viel Worte.
Orte:
Die Bühne des Steve Jobs ist genau in „Bezirke“ eingeteilt. Es gibt einen Ort, an dem Daten und Fakten den Vorzug bekommen. Es gibt einen Ort, an dem er Anwendungen vorführt. Und es gibt noch einen Ort, an dem ganz bestimmte Funktionen des iPads vorgeführt werden, nämlich einen Ort für Spiele. Denn ein rasantes Autorennen hat nichts mit Gemütlichkeit zu tun. Also da die Spielkonsole, dort das Sofa, hier der Standplatz. Steve Jobs bewegt sich ganz bewusst von einem „Bezirk“ zum anderen, damit das Publikum Räume mit Bedeutungen verbinden kann.
Ein Gastgeber, der Orientierung schafft.
Steve Jobs – ein Kunstwerk. Maximale Wirkung – Minimale Mittel
Wenn Sie an die Präsentationen des Steve Jobs denken und sich fragen, worin das Geheimnis seiner einzigartigen Ausstrahlung liegt –
dann stellen Sie sich einen Raum vor. Einen Raum mit einer Bühne.
Machen Sie ihn dunkel.
Erster Akt:
Nehmen Sie ein bisschen Licht und konzentrieren, bündeln Sie es auf einen Kreis.
Worauf werden die Augen gerichtet sein?
Richtig – auf den Kreis.
Wenn Sie nun diesen Lichtkreis bewegen. Langsam gleiten lassen. Von links nach rechts. Was wird passieren?
Richtig – die Augenpaare werden dem Kreis folgen.
Der Kreis ist das Zentrum. Der Kreis ist das Wichtigste. Der Kreis ist der „Star“.
Wenn sich nun Steve Jobs (oder Sie) fern jeder Ablenkung und ohne zusätzliches Angebot auf die Bühne stellt (stellen), worauf wird die Aufmerksamkeit gerichtet sein? – Sie (oder Steve Jobs) haben dann bei Ihren Auftritten alle Aufmerksamkeit der Welt.
Jobs stellt sich vor sein Publikum ohne Sakko, ohne Krawatte, ohne Gürtel. Nur mit Hose, Pullover und Turnschuhen. Bloß mit einer „zweiten Haut“. – Das ist sein Meisterstück.
Es heißt: Ich stehe “nackt“ vor euch. Ich bin, was ich bin.
Ich verzichte auf alle Insignien und Zeichen der Macht und des Erfolges.
Hier stehe ich. Ich, Steve Jobs.
Das ist ein Script für Reinheit. Für Unschuld. Für den puren, begabten Menschen, der unsere Würdigung verdient. Unsere Lebenszeit. Unsere Aufmerksamkeit.
Zuhören, zusehen, Aufmerksamkeit schenken heißt:
Lebenszeit schenken.
Dazu fällt mir ein Zitat von Emerson Walker ein.
„Wenn’s ums Leben geht, sollten Sie verdammt nochmal nicht langweilig sein.“
PS.
„Lernen von den Besten“:
Wenn Steve Jobs Apple-Neuheiten präsentiert, sieht das zwar immer leicht und spielerisch aus. Aber es ist perfekt geplant. Jeder Handgriff stimmt, jedes Argument sitzt am richtigen Platz.
Wirkung und Ausstrahlung basiert auf Prinzipien, die für jedermann lernbar sind.
Wir haben es uns zur Aufgabe gemacht, hier die Besten der Besten zu analysieren und daraus Anregungen abzuleiten, die für jeden und jede anwendbar sein können – selbst wenn sie von sich glauben, ganz und gar untalentiert zu sein.
Lesen Sie also hier in Kürze:
Zweiter Akt: Die Keynotes des Steve Jobs, und wie er seine Produkte inszeniert.






















