Der Edeljoker
Joachim Gauck ist mit Sicherheit kein Lückenbüßer.
Er war Mitglied des „Neuen Forums“, das an der friedlichen Revolution in der DDR wesentlich beteiligt war. Nach der Wende leitete er in Berlin die Stasi-Unterlagenbehörde, die im Volksmund „Gauck-Behörde“ heißt. Heute engagiert er sich gesellschaftspolitisch als Vorsitzender der Vereinigung „Gegen Vergessen – für Demokratie“. Außerdem gilt er als brillanter Redner.
Man kann Joachim Gauck also mit Sicherheit nicht nachsagen, er sei als moralische Instanz weniger relevant als sein Kollege Jean Ziegler. Und doch hatte er gestern um 11 Uhr Salzburger Ortszeit, als Eröffnungsredner der Festspiele und Ersatz für Letzteren, einen schweren Stand. Denn das Thema der „himmelschreienden Ungerechtigkeit, dass Jean Ziegler als Festredner ausgeladen wurde“ schlug natürlich in der öffentlichen Wahrnehmung den wackeren Gauck bei weitem.
In Abwesenheit geisterte Ziegler an allen Ecken und Enden durch die Salzburger Altstadt. Die Grünen verteilten vor der Festspiel-Eröffnung auf der Straße ein Heftchen mit seiner nicht gehaltenen, aber fiktiv verfassten Festrede (die man übrigens auf YouTube ansehen kann). Und tatsächlich konnte man beobachten, dass während der Eröffnungsreden in der Felsenreitschule so mancher im Publikum verstohlen in diesem Heftchen blätterte.
Wahrlich keine angenehme Aufgabe für den Substituten.
Joachim Gauck ist jedoch seinem Ruf als meisterlicher Redner absolut gerecht geworden. Er hat sich seiner schwierigen Herausforderung wunderbar entledigt – durch einen einfachen Kniff. Er beantwortete mit Hilfe seiner Rede (im Wortlaut hier) eine einfache Frage: Warum ich? Aus welcher Welt komme ich, was habe ich erlebt, und welche Erfahrungen bringe ich mit, die mich dazu prädestinieren, hier und heute vor Ihnen zu sprechen?
„Ich erinnere Sie durch meine schiere Präsenz daran, dass es nicht selbstverständlich ist, dass freie Menschen in Freiheit und ohne Zensur, ohne den Nachweis des Wohlverhaltens durch die beteiligten Künstler einander in einem Festival begegnen – wie eben hier …“, das ist einer der Kernsätze aus dieser Rede.
Warum war dieser Kniff so erfolgreich? Weil sich das Publikum aus seiner Warte dieselbe Frage stellte: Warum er? Joachim Gauck hat gestern in seiner Rede nichts anderes getan, als eine drängende, stumme Frage seines Publikums zu beantworten.
Und während er sprach, passierte etwas Wunderbares: Die Heftchen mit Jean Zieglers Rede verschwanden in den Taschen der Damen und unter den Hosenbeinen der Herren. Man hörte zu, wie dieser Mann von seiner eigenen Geschichte der Befreiung erzählte, wie er darauf hinwies, welchen Anteil die Künste daran hatten, und dass man nicht aufhören soll, sich um diese Freiheit zu bemühen. Und das Publikum vergaß, dass Joachim Gauck ein Ersatzmann war.
In diesem Sinne: Daumen hoch für den Redner. Und dankeschön für das Lehrbeispiel.
Die Bundespräsidenten-Falle
Ich kann mir lebhaft vorstellen, wie vergangene Woche im Büro von Christian Wulff die Berater-Köpfe rauchten. Am Freitag stand die „Berliner Rede“ auf dem Programm, die seit mehr als einem Jahrzehnt traditionell vom deutschen Bundespräsidenten gehalten wird. Ergebnis der Beratungen: Die Rede wurde dem polnischen Staatspräsidenten Bronislaw Komorowski anvertraut.
Kurioser Vorgang, der nichts mit Politik zu tun hat und deshalb für diesen Blog interessant ist.
Die „Berliner Rede“ ist 1997 das erste Mal von Roman Herzog gehalten worden. Diese Rede ist in der Öffentlichkeit bis heute bekannt – als sogenannte „Ruck-Rede“, weil Herzog darin über das „Durchbrechen von Reformblockaden“ sprach, um Deutschland fit zu machen für das 21. Jahrhundert. Sehen Sie hier einen Ausschnitt:
„Durch Deutschland muss ein Ruck gehen!“ – Dieses Zitat ist ein geflügeltes Wort bis heute, und jeder deutsche Politiker, der ein Minimum an Einfluss und Gestaltungswillen besitzt, muss sich seither immer wieder diese Frage gefallen lassen: Ist er eingetreten, der Ruck?
Der Schachzug des Christian Wulff
Seither gilt die „Berliner Rede“ als Ereignis, bei dem sich die Medien zentrale Botschaften und große Visionen für das Land erwarten, die vom Redner aber auch bitte so serviert werden sollen, dass dabei jedes Mal ein Ruck durch das Publikum geht.
An diesem Anspruch haben sich die Nachfolger seither erfolglos die Zähne ausgebissen. Die Rede hat mit der Zeit den Spitznamen „Bundespräsidenten-Falle“ erhalten, weil der Redner dabei scheitern MUSS. Johannes Rau ist mit seinen Versuchen genauso blass geblieben wie Horst Köhler.
Und Christian Wulff? – Ist ein von Natur aus sehr ruhiger Mensch, der lieber repräsentiert als auf den Tisch haut. Seine letzte bemerkenswerte Rede hielt er am 3. Oktober 2010, zum Tag der deutschen Einheit; seither hat er sich mit größeren Wortspenden vornehm zurückgehalten. Er ist der richtige Mann zur richtigen Zeit für dieses Amt, aber er ist kein großer Redner.
Also ist der Schachzug, für die „Berliner Rede“ einen Polen zu engagieren, der beste, den er und seine Berater in dieser Situation finden konnten. Das Ansehen des Bundespräsidenten wird nicht beschädigt. Und die Medien bekommen ein großes Thema serviert: Die deutsch-polnische Aussöhnung als Motor für die Entwicklung der Europäischen Union. Die Süddeutsche Zeitung zum Beispiel nahm das Angebot gerne an.
Ich erzähle Ihnen von diesem Vorgang aus einem bestimmten Grund. Denn in gewissem Sinne teilen alle Redner das Schicksal von Christian Wulff: Niemand kann sich die Umstände seines Auftritts aussuchen. Der Anlass steht fest, und auch das Publikum mit seiner Erwartungshaltung ist nicht austauschbar.
Zugegeben: Jemand anderen sprechen zu lassen, ist ein Privileg von Bundespräsidenten. Aber das Beispiel zeigt deutlich, dass jeder Redner grundsätzlich die Freiheit besitzt, mit seinem Rede-Auftrag nach eigenem Gutdünken umzugehen. Sie haben zum Beispiel sehr wohl die Wahl, Ihre eigene Meinung einzubringen, wenn es darum geht, die Stoßrichtung Ihrer Rede und Ihre Botschaft zu definieren.
Der Erfolg einer Rede hängt oft genau davon ab: Wie ausführlich man sich damit beschäftigt, welche Haltung man als Redner zum Thema vermitteln möchte. Genau das hat Roman Herzog in der Vorbereitung zu seiner ersten "Berliner Rede" gut gemacht. Und damit einen Mythos begründet.
Redeangst: Hollywoods wundervoller Beitrag zum Thema
„Denken Sie sich das Mikrofon weg. Stellen Sie sich vor, Sie sprechen zu mir. Und jetzt sprechen Sie. Sprechen Sie zu mir als einem guten Freund.“
Letztes Wochenende habe ich endlich The King’s Speech gesehen, und ich muss sagen: Wenn Sie noch nicht dort waren, gehen Sie hin! Ich empfehle Ihnen den Film vor allem wegen dieser vier Sätze, die Geoffrey Rush (alias Lionel Logue) zu Colin Firth (König George VI.) sagt. Der Film spielt zwar vor 70 Jahren, aber diese vier Sätze sind – unter anderem – das Beste, was die moderne Psychologie zum Thema „Redeangst“ zu bieten hat.
Am 3. September 1939 hielt der englische König eine Radio-Ansprache, die in das ganze British Empire übertragen wurde. Dort lebten damals über 450 Millionen Menschen, was etwa einem Viertel der Weltbevölkerung entsprach. In der Ansprache sollte es darum gehen, die Menschen auf den Krieg einzustellen, der zwei Tage vorher begonnen hatte – ihnen Mut zu machen und Vertrauen zu geben in Erwartung harter Zeiten.
George VI. war ein Stotterer, und seine Voraussetzungen, diese Ansprache positiv zu bewältigen, waren nicht gut. Aber als er an diesem 3. September 1939 anfing, in sein Mikrofon zu sprechen, stand wirklich einiges auf dem Spiel, und ich möchte den Menschen kennenlernen, der in einem solchen Augenblick kein mulmiges Gefühl bekommt.
Genau deshalb haben mich diese vier Sätze des Sprachtherapeuten Lionel Logue so beeindruckt – weil sie von den Machern des Films verdammt gut erfunden sind. Weil sie eine Intervention darstellen, die gleichzeitig effektiv UND wertschätzend ist.
Innerlich "böse" durch "gut" ersetzen
Die Amerikaner nennen eine solche Intervention übrigens „magic if“. Das meint eine innere Vorstellung, die eine Bedrohung durch ein anderes Bild ersetzt, das Zutrauen erzeugt. Sie kennen sicher den landläufigen Tipp: Wenn man Lampenfieber hat, stelle man sich das Publikum in Unterhosen vor. Auch diese Vorstellung ersetzt eine Bedrohung durch ein anderes Bild. Aber dieses Bild lässt ein wesentliches Detail außer Acht: den Respekt vor dem Publikum.
Menschen, die Ihnen zuhören, nehmen nicht nur wahr, was Sie sagen, sondern auch: wie Sie es sagen. Wenn Sie Ihr Publikum innerlich abwerten, werden Sie anders zu ihm sprechen, als wenn Sie es innerlich aufwerten. Wenn Sie also vor einem Auftritt Angst empfinden sollten, lassen Sie die "Unterhosen" beiseite und sprechen Sie zu Ihrem Publikum wie zu einem guten Freund. Die Bedrohung wird für Sie schrumpfen. Und Ihr Publikum wird Ihnen dankbar sein.
Presenting with Confidence
Aber das ist nicht mein einziger Grund. Ich empfehle Ihnen den Film auch deshalb, weil er mit dem Thema „Redeangst“ ehrlich umgeht; weil er nicht vorgaukelt, man dürfe überhaupt keine Angst empfinden, um gute Auftritte zu absolvieren. Und weil er all jenen Menschen, die von Ängsten gepeinigt werden, Mut macht und zeigt, dass man sich überwinden und trotz widrigster Voraussetzungen ordentliche Reden halten kann.
Aus diesem Grund haben wir uns entschlossen, unser Training zum Thema „Lampenfieber“ nach diesem Film zu benennen: „The King’s Speech – Presenting with Confidence“. Es ist für all jene gedacht, die sich in Präsentationen, Vorträgen, Interviews, Reden, oder sonst in wichtigen Gesprächen, mehr Souveränität wünschen. Um mit ihr besser auf ihr Publikum zu wirken.
Der das Sparpaket stemmt
Mit Josef Pröll hätte ich vergangenen Dienstag nicht tauschen wollen.
Die Budgetrede ist zwar einer der wenigen großen Rede-Ereignisse, die es im politischen Betrieb Österreichs gibt, und damit ein gutes Auslagefenster für den Finanzminister. Aber sein Publikum kennt die Inhalte schon vor der Rede – und hat sich längst seine feste Meinung gebildet. Und die ist bei einer Budgetrede nie freundlich.
Josef Pröll hätte es vergangenen Dienstag noch so gut machen können; er hätte eine Rede-Leistung bringen können, die den großen Martin Luther King in seinem Grab vor Neid hätte erblassen lassen – kein oppositioneller Parlamentarier hätte seine Meinung geändert. Kein Kritiker hätte sich davon abbringen lassen, das Budget „hilflos und feige“ zu nennen.
Eine Budgetrede ist ein Himmelfahrtskommando. Selbst wenn der Redner es gut macht, gewinnt er keinen Blumentopf. Wenn er es aber schlecht macht, kann er alles zerstören – sein Image, seine Glaubwürdigkeit, seine politische Autorität.
Josef Pröll ist natürlich nicht Martin Luther King. Aber bei aller Kritik, die ihm von vielen Seiten entgegenschlug: Ein paar Dinge hat er als Redner gut gemacht. Schauen Sie sich zum Beispiel die Pressefotos in den Zeitungen der letzten Tage an, und Sie werden immer wieder ein besonderes finden:
Josef Pröll müsste seine kiloschweren Papierpacken nicht selbst zur Rede schleppen. Im Parlament gibt es Amtsdiener, die Akten auf Handwagen in den Plenarsaal schaffen. Indem er diese Arbeit selbst übernimmt, gestaltet er für das Publikum eine Inszenierung – das Bild eines Mannes, der hart arbeitet.
Fakten und Beziehung
Dass diese Inszenierung bewusst gewählt wurde, zeigen die ersten Worte der Rede (den Wortlaut finden Sie hier): „2010 war und ist ein hartes Jahr der Bewährung für Europa, für Österreich, für die Bundesregierung – und auch für mich persönlich.“
Beachten Sie vor allem den letzten Satzteil – hier wird sehr elegant eine zweite Beziehungsebene zum Publikum aufgemacht. Gewöhnlich tritt der Redner hinter sein Pult und spricht dort zum Publikum wie der „Pfarrer von der Kanzel“. Das ist in Ordnung, denn so bekommen die offiziellen Inhalte seiner Rede ihre angemessene Form. Das ist die erste Beziehungsebene des Redners zu seinem Publikum.
Gleichzeitig baut sich dadurch aber eine große Distanz auf, die das Publikum nicht nur dem Redner, sondern auch dem Inhalt gegenüber empfindet. Um diese Distanz aufzulösen, kann der Redner eine zweite, persönliche Beziehungsebene herstellen: indem er über persönliche Motive spricht, die mit dem Inhalt in Zusammenhang stehen.
Dadurch schafft er eine größere Nähe zu seinem Publikum und verstärkt damit die Aufmerksamkeit. Beweis dafür? – Genau die Stellen, in denen Pröll von persönlichen Motiven sprach, wurden von den Medien bevorzugt aufgegriffen, zum Beispiel: „Wenn Österreich im Rating verliert, kostet uns das alle Milliarden. Wenn ich in Meinungsumfragen zurückfalle, ist das ehrlich gesagt mein Problem, und nicht das Problem Österreichs. Ich weiß in diesen Stunden und Tagen bei beiden, wovon ich rede; aber ich weiß auch, wofür ich mich entschieden habe.“
Das ist gute Rhetorik: Hier wird nicht nur über Fakten geredet, sondern auch darüber, wie der Redner als Person zu den Fakten steht. Dadurch wird der Mensch „aus Fleisch und Blut“ für das Publikum greifbar – und eine Tür geöffnet, durch die Vertrauen eintreten kann.
Kurz gesagt …
Wenn Sie bei einer Präsentation, einem Vortrag, einem Interview starken Gegenwind zu befürchten haben: Sprechen Sie nicht nur darüber, was sie tun; sprechen Sie auch darüber, warum Sie es tun.
Der bescheidene Herr Sörensen
Vielleicht liegt es daran, dass sein Beruf ihn vom Rampenlicht der Öffentlichkeit fernhielt. Dass er seine Fäden meist im Hintergrund zog. Dass er die kraftvollen Worte, die er seinem Präsidenten in den Mund legte, nicht selbst aussprechen durfte.
Vielleicht ist deshalb die Meldung vom Tod des Ted Sörensen in der allgemeinen Nachrichtenflut der letzten Wochen ein wenig untergegangen. Das ist schade, denn dieser Mann hat es verdient, dass man ihn ins rechte Licht rückt.
Sörensen ist 11 Jahre lang Redenschreiber von John F. Kennedy gewesen. „Kein Berater hatte mehr Einfluss auf die Botschaft des Präsidenten, und darauf, wie sie zum Ausdruck kam.“, sagt die Washington Post in ihrem Nachruf. Viele meinen, er war sozusagen das „alter Ego“ des Präsidenten, denn Kennedy, der heute den Ruf als einer der genialsten Rhetoriker des 20. Jahrhunderts genießt, bezog in Wahrheit jedes einzelne Wort, jede einzelne Phrase, jede einzelne Formulierung aus der engen Zusammenarbeit mit ihm, Ted Sörensen.
„Don’t ask what your country can do for you; ask what you can do for your country.”
„Ich bin ein Berliner!“
“We choose to go to the moon.”
Diese Sätze, die sich heutzutage jeder Feinschmecker der Redekunst mit Genuss auf der Zunge zergehen lässt, diese und tausende andere – sie stammen aus Sörensens Feder. Sie haben ein wesentliches Merkmal, das gute Rhetorik ausmacht: Sie sind so formuliert, dass sie eingängig sind und im Gedächtnis bleiben.
Sein Meisterstück war aber wahrscheinlich nicht eine Rede, sondern ein Brief. Sörensen verfasste ihn für Kennedy im Oktober 1962; der Adressat war Nikita Chruschtschow. Russische Atomwaffen waren abschussbereit auf Kuba gerichtet, und ein falsches Wort in diesem Brief hätte wahrscheinlich den dritten Weltkrieg bedeutet. Dass die Sache glimpflich ausging und die Welt verschont blieb – all das war auch das Verdienst des Herrn Sörensen.
Er selbst hat seinen Anteil an Kennedys Leistung stets heruntergespielt. Und doch ist sein Wirken ein gutes Beispiel dafür, welchen Einfluss das richtige Wort haben kann, wenn es zur richtigen Zeit ausgesprochen wird. Deshalb sollten wir ihn, wenn es um erfolgreiche Kommunikation geht, ohne zu zögern zum Lehrmeister nehmen.
Ich zeige Ihnen hier den Mitschnitt eines Interviews, das er noch Anfang dieses Jahres dem amerikanischen Sender TVO gegeben hat. Sörensen spricht darin über seine Zusammenarbeit mit Kennedy – und darüber, wie eine gute Rede entsteht. Schauen Sie sich das an; diese 11 Minuten sind ein seltenes und kostbares Dokument über einen bescheidenen Mann, der sonst kaum im Scheinwerferlicht eines Fernseh-Studios gesessen ist, der aber die besten Reden des 20. Jahrhunderts geschrieben hat:
Herrn Barack Obamas "Kriegserklärung" gegen das Öl
Als Barack Obama am Dienstagabend, um 20.17 Uhr Washingtoner Ortszeit, im Oval Office des Weißen Hauses seine Rede zur Ölkrise im Golf von Mexiko beendet hatte, rieben sich die Kommentatoren der amerikanischen Medien gehörig die Augen. Ihre Enttäuschung konnte man an den Schlagzeilen der folgenden Tage ablesen, zum Beispiel: „Obama’s Curiously Flat Gulf Speech“ (Newsweek), oder: „Obama Faces Gusher Of Criticism“ (Washington Post), oder: „President Obama’s BP Speech Blunders“ (Boston Herald). Howard Kurtz von der Washington Post brachte die Stimmung unter den Kritikern auf den Punkt: „Endlich hat Präsident Obama das Land geeint – jedermann hasste seine Rede.“
Ich finde: Der Auftritt war nicht grundsätzlich schlecht. Der Mann hat nicht über Nacht das Reden verlernt. Mit fast chirurgischer Präzision erklärte Obama den Amerikanern seinen Plan im Kampf gegen die „schlimmste Katastrophe, die Amerika je erlebt hat.“ Er beschrieb die Arbeiten der Säuberungs-Kommandos vor Ort, übte den längst fälligen Tadel an BP und kündigte an, dass man die Ursache der Katastrophe restlos aufklären würde. Er benützte den Anlass sogar für eine „Flucht nach vorne“: Er warb für seine Energiepolitik, die langfristig den Ausstieg aus den fossilen Brennstoffen vorsieht. Er beschloss seine Rede, ohne dabei kitschig oder melodramatisch zu werden, mit einem „Gebet“ um Mut und Ausdauer in der Krise. Good evening.
Wunderbar. Und doch.
Sehen Sie sich die Rede hier im YouTube-Video an. Nachdem ich Mittwoch früh um 02.17 Uhr Wiener Ortszeit mein Fernsehgerät ausgeschaltet hatte, blieb auch bei mir das Gefühl: Irgendwie stimmt der Ton, den Obama da anschlägt, so gar nicht zur Situation und zu dem, was man von ihm gewohnt ist, oder was man von ihm erwartet hätte:
Am Tag danach spazierte ich, aus einer eher spontanen Laune heraus, auf dem Nachhauseweg durch die Gärten des Belvedere. Da fiel mein Blick ganz zufällig auf den Balkon des Marmorsaals, und ich dachte: Vielleicht lässt sich der schale Nachgeschmack, den ich nach Obamas Rede empfand, einfach mit dem Ort erklären, an dem er die Rede gehalten hatte?
Es gibt Orte, die für das Bewusstsein der Anrainer grundsätzlich emotional aufgeladen sind. Man betrachtet den Ort und hat sofort ein starkes inneres Bild dazu. Das Belvedere ist dafür ein Musterbeispiel: Das Bild des Bundeskanzlers Leopold Figl, der dort auf dem Balkon mit dem Staatsvertrag in Händen der unten wartenden Menge „Österreich ist frei!“ zuruft, ist aus dem kollektiven Gedächtnis der Österreicher kaum wegzudenken.
Jetzt stellen Sie sich aber vor, es käme in unseren heutigen Tagen Bundeskanzler Faymann auf die Idee, auf eben diesem Balkon eine Rede zu halten in der Absicht, uns ein neues Sparprogramm gegen die Finanzkrise zu verkaufen. Er könnte absolut plausible, ja sogar unschlagbare Argumente vorbringen, die wir mit gesundem Menschenverstand gar nicht ablehnen können – er würde ernsthaft Gefahr laufen, damit unterzugehen. Denn der Ort ist für uns Österreicher nun einmal mit „Freiheit“ besetzt, und nicht mit „Beschränkung“.
Genauso verhält es sich mit dem „Heiligtum des Weißen Hauses“, dem Oval Office: Der Raum ist für die Amerikaner emotional aufgeladen.
Hinter dem klobigen Schreibtisch dieses „Machtzentrums der Welt“ hat George W. Bush nach dem 11. 9. 2001 Vergeltung für die Anschläge auf das World-Trade-Center geschworen. Hier hat John F. Kennedy eine Rede gehalten, als die Kuba-Krise auf ihrem Höhepunkt war und man einen Krieg gegen Russland fürchten musste. Hier hat Bill Clinton im Jahr 1995 die NATO-Luftangriffe auf Serbien angekündigt, und wiederum hier hat George Bush im Jahr 2003 dem Irak den Krieg erklärt. Dieser Ort gilt für das amerikanische Publikum als Stätte der Kriegserklärung. Wenn nun Barack Obama seine Rede zur Ölpest im Oval Office hielt, musste das amerikanische Publikum eine Kriegserklärung erwarten.
Doch würde man als Amerikaner, der sich nichts sehnlicher wünscht als einen Sieg in dieser Sache, einem Kriegsherrn vertrauen, der dermaßen zahm sprach wie Obama an diesem Abend? Und der noch dazu selbst als Krisenmanager in dieser Katastrophe bis dato nicht gut weggekommen war? Und der seine Kriegserklärung viel zu spät – mehr als zwei Monate nach dem Beginn der „Kampfhandlungen“ – abgab? Und der äußerst vage blieb, wenn es darum ging, zu beschreiben, wie denn der Sieg (der vollständige Ausstieg aus dem Öl) genau zu bewerkstelligen sei? - „I don’t think he aimed low, I don’t think he aimed at all about this.“, kritisierte der Moderator Keith Olbermann auf MSNBC – zu Recht.
Der beste Redner, die beste Rede kann scheitern, wenn an der Situation vorbei gesprochen wird. “Zielen” heißt: die Situation einschätzen und darauf reagieren. Akkurat alle latenten Vorwürfe entkräften, die im Raum stehen.
Mit einer guten Einschätzung hätte Obama versucht, die Vorwürfe von seiner Person zu nehmen. Er hätte einen anderen Ton eingeschlagen – dazu ist dieser Mann nun wirklich fähig, wie wir alle wissen. Und er hätte sich die Leidenschaft eines Franklin Roosevelt zum Vorbild genommen, der ebenfalls im Oval Office den Eintritt der Vereinigten Staaten in den 2. Weltkrieg erklärt hatte. Auch dieser Mann hatte wie Obama wenig Erfolgversprechendes zu bieten, aber er hatte mit einer Detailkenntnis über alle Kriegsvorgänge gesprochen, die allen Amerikanern Vertrauen einflößte – und letztlich dazu führte, dass Amerika zu den Siegermächten gehörte.
Lampenfieber: In Zaum halten, nicht beseitigen
Heute bin ich auf YouTube über einen wirklich guten Ratgeber gestolpert, den ich Ihnen nicht vorenthalten möchte: Der Mann heißt Bill Lampton und spricht darüber, wie man lernen kann, mit Lampenfieber umzugehen.
Was mir wirklich gut an ihm gefällt: Der Mann gibt sich nicht als Wunderheiler. Er verspricht nicht, dass Sie Ihr Lampenfieber von heute auf morgen wegzaubern können. Aber genau dadurch beweist er, dass ihm wirklich etwas daran liegt, dass Sie vor Ihrem Publikum Erfolg haben:
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