Intomedia Blog: Alles zwischen Sendern und Empfängern
02.02.2012

Wirken ohne Worte

von Stefan Schimmel

Vergangenen Freitag im Deutschen Bundestag, gegen 10.00 Ortszeit: Marcel Reich-Ranicki hat soeben seine Rede zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus beendet. Im vollbesetzten Plenarsaal rührt sich niemand. Einige Abgeordnete heben ihre Hände zum Applaus, aber das Klatschen würde im Augenblick nur die Stille stören, also halten sie inne. So sitzen der Redner und sein Publikum einander eine gefühlte Ewigkeit lang schweigend gegenüber.

Der 27. Januar ist Mitte der 90er von Roman Herzog zum nationalen Gedenktag erklärt worden, der jedes Jahr im deutschen Parlament mit einer Feierstunde begangen wird. Der Anlass lädt also von Natur aus zum In-sich-Gehen ein. Und doch: Diese Reaktion des Publikums war weit mehr als eine „verordnete Schweigeminute“. Hier war die persönliche Betroffenheit jedes einzelnen Menschen im Raum deutlich spürbar. Und in diesem Augenblick war klar – Marcel Reich-Ranicki war der richtige Redner am richtigen Platz, und er hatte seine Sache richtig gemacht.

Welcher Redner würde sich nicht eine solche Reaktion wünschen – wenn das Publikum sich scheut zu applaudieren, weil es Rücksicht darauf nimmt, die allgemeine Atmosphäre der Betroffenheit und des Respekts nicht zu verletzen? Da weiß er: Er hat es richtig gemacht.

Was kann man richtig machen?

Ich rede hier von Marcel Reich-Ranicki, weil man an diesem Beispiel eine interessante Beobachtung machen kann. Schauen Sie ein wenig in den 30minütigen Mitschnitt hinein: Sie werden sehen, dass Marcel Reich-Ranicki in seiner Rede vieles tut, was ihrer Wirkung streng genommen großen Schaden zufügt.

Man würde dem blutigen Anfänger Sepp Huber, der die Kunst der Rhetorik erlernen möchte, zum Beispiel nie raten: Reden Sie undeutlich. Nuscheln Sie. Verschlucken Sie ganze Wortsilben, sodass Ihr Publikum über weite Strecken Mühe hat, Ihren Gedanken zu folgen. Aber all dies tut Marcel Reich-Ranicki in seiner Rede.

Natürlich ist vieles davon seinem Alter geschuldet, sowie der Tatsache, dass er im Vergleich zu seinen Glanzzeiten als Literaturkritiker stark abgebaut hat. Diese Fehler sind natürlich menschlicher Natur und nicht absichtlich, aber es sind Fehler. Würde hier nicht Marcel Reich-Ranicki sprechen, sondern eben Sepp Huber – man würde seine Rede in der Luft zerreißen. Aber bei ihm, Reich-Ranicki, hängt man wie gebannt an den Lippen.

Da drängt sich natürlich die Frage auf: Warum?

Ich möchte hier den guten alten Aristoteles als Gewährsmann für ein wichtiges Wirkprinzip anführen, das im rhetorischen Tagesgeschäft heute leider oft sträflich vernachlässigt wird. Aristoteles nannte es das „Ethos“ und meinte damit: den Charakter des Redners. Seine Autorität. Seine Glaubwürdigkeit.

Ethos ist da – oder nicht

„Ethos“ ist durch Argumente oder dramaturgische Tricks nicht herstellbar. Es ist das, was der Redner zu seiner Rede mitbringt: die gelebte Erfahrung in dem Inhalt, über den er spricht. Erfahrung, die vom Publikum anerkannt wird, bevor er noch das erste Wort gesprochen hat.

Marcel Reich-Ranicki war vergangenen Freitag im deutschen Bundestag der richtige Mann am richtigen Ort, weil er „Ethos“ besaß. „Es gilt das gelebte Wort“, titelte die FAZ am Wochenende und meinte damit, dass hinter jedem Wort, das Reich-Ranicki im Parlament aussprach, eine lebendige Erfahrung steckte. Er brachte Erfahrung als Betroffener mit und machte diese in konsequenter Manier auch zum Thema seiner Rede: Ich soll heute hier die Rede halten zum jährlichen Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus. Doch nicht als Historiker spreche ich, sondern als ein Zeitzeuge, genauer: als Überlebender des Warschauer Ghettos. So fängt seine Rede an.

„Ethos“ wirkt hier also nicht nur als Qualität des Redners, sondern auch als Thema der Rede. Und hat somit die bekannte außerordentliche Wirkung erzeugt.

Wenn Sie als Vortragender geladen sind, stellen Sie sich also bitte auch immer wieder diese Fragen: Habe ich gelebte Erfahrungen zum Inhalt? Wie kann ich diese zum Thema meiner Rede machen?

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05.01.2012

Menschenrechte für Bundespräsidenten?

von Stefan Schimmel

„Man ist ein Mensch und macht Fehler.“

So rechtfertigte Christian Wulff gestern in einem Interview für die ARD seinen Anruf bei Kai Diekmann, dem Chefredakteur der BILD-Zeitung: Auch ein Bundespräsident mache Fehler und habe daher das „Menschenrecht“ auf eine zweite Chance.

Zur Erinnerung: Christian Wulff hatte dem Journalisten in einem Telefonanruf angeblich sogar mit einer Anzeige gedroht für den Fall, dass er Nachrichten über seinen umstrittenen Privatkredit veröffentlichen würde. Wulff sprach seine Nachricht wenig clever auf Band – und steht seither als Feind der Pressefreiheit medial unter Dauer-Beschuss.

Diese Argumentation ist ja grundsätzlich nachvollziehbar. Wenn Wulff im Interview weiter erzählt, er habe sich vor seine Familie stellen wollen, als er erfahren habe, dass die BILD Details aus seinem Privatleben an die Öffentlichkeit bringen wollte, dann kommt für das Opfer, als das er sich fühlt, sogar eine leichte Brise Mitgefühl auf. Der Bundespräsident war gut beraten, sich als fehlbar darzustellen.

Befreiungsschlag geglückt?

Was er allerdings nicht zustande brachte: Deutlich zu machen, dass er ein Bewusstsein für sein Unrecht besitzt. Beim Ansehen des Interviews habe ich mich ständig gefragt: Warum ist es für einen erwachsenen, intelligenten Menschen und erfahrenen Politiker wie Christian Wulff so schwer zu verstehen, dass er viele Menschen enttäuscht hat?

Und dies angesichts folgender Fakten:

•   Der Bundespräsident, der die Grundrechte aller Deutschen vertritt,
     ist in den Geruch gekommen, selbst das Gesetz gebrochen zu
     haben.

•   Der Bundespräsident agiert doppelzüngig: Er bekennt sich dezidiert
     zur Pressefreiheit und beschneidet sie beinahe im selben Atemzug
     hinter dem Rücken des Publikums.

•   Der Bundespräsident legt an sich selbst äußerst hohe Maßstäbe an.
     2007 veröffentlichte er, gleichsam als „Richtschur“ seines politischen
     Handelns, das Buch „Besser die Wahrheit“. In der
     „Düsseldorfer Flugaffäre“ zählte Wulff zu den schärfsten Kritikern
     des davon betroffenen damaligen Bundespräsidenten Johannes Rau
     und forderte vehement seinen Rücktritt.

So ist es kein Wunder, dass die Angriffe der Opposition weitergehen. Und ich kann mir dieses Verhalten von Christian Wulff nur so erklären, dass ihm nicht ganz klar ist, welche Rolle sein Amt von ihm verlangt, und welches Bild er dabei in der Öffentlichkeit abgibt.

Wenn er Präsident bleiben will, sind ihm zwei Dinge zu wünschen:
Erstens, dass er seine Lernfortschritte unter Beweis stellen und so seine zweite Chance nützen kann. Und zweitens: Dass nicht noch irgendwelche Leichen in irgendwelchen Kellern liegen.

Sonst wird man ihm als Bundespräsidenten wohl auch noch die Menschenrechte absprechen.

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02.08.2010

Anleitung zum Jobverlust (frei nach Watzlawick)

von Stefan Schimmel

Einmal noch Tony Hayward – zum letzten Mal, denn der BP-Chef hat vergangene Woche seinen Rücktritt angekündigt. Und auch dieses Mal ist der Anlass wieder zwingend: Denn die Serie an Pannen und Fettnäpfchen in den Medienauftritten des Tony Hayward ist für BP nach wie vor existenzgefährdend und kostete ihn selbst jetzt den Job.

Foto: Lance Page

Ich bin mir sicher: In zukünftigen PR-Lehrbüchern wird der „Fall Hayward“ als Musterbeispiel herangezogen werden. Als Lektion, die deutlich macht, dass professionelle Kommunikation in Krisenzeiten unverzichtbar ist.

Paul Watzlawicks geniale Parodie auf die Ratgeberliteratur, seine „Anleitung zum Unglücklichsein“, ist sicher vielen von Ihnen bekannt - eine Sammlung von Tipps, wie man garantiert ins Verderben rennt. Tony Haywards Verhalten in der Öffentlichkeit könnte man taxfrei für eine solche Anleitung heranziehen. Hier also ein kleines „Job-Vernichtungs-Rezept“ à la Hayward/Watzlawick:

  1. Ignorieren Sie die Betroffenen des Unfalls.
    Mögen Hunderttausende Fischer und Tourismusbetriebe ihre Wirtschaftsgrundlage verlieren und unzählige Pelikane mit ölverklebten Flügeln unter Qualen im Meer ertrinken – egal: Spielen Sie den Vorgang herunter. Das funktioniert zum Beispiel mit folgender Aussage: „Der Golf von Mexiko ist ein sehr großer Ozean. Die Menge an Öl und Chemikalien, die wir dort hineintun, ist winzig im Vergleich zur gesamten Wassermenge“ („Guardian“ vom 14. Mai).
  2. Konzentrieren Sie sich in Ihren Botschaften ausschließlich auf Ihre Aktionäre.
    Werden Sie nicht müde, stolz zu verkünden, welch gewaltige Technik BP bewegt, um das Ölleck zu schließen. Zeigen Sie all jenen, die ein Verbot von Tiefseebohrungen fordern, die Muskeln: „Apollo 13 hat das Raumfahrtprogramm auch nicht gestoppt!“ (z. B. in „Blick“ vom 14. Mai).
  3. Wenn das Öl dann trotz Ihrer zur Schau gestellten Zuversicht weiter sprudelt und die Vorwürfe immer noch nicht verstummen, beleidigen Sie die Angehörigen der 11 Arbeiter, die bei dem Unfall ihr Leben verloren. Antworten Sie den Journalisten auf ihre Frage, was Sie denn jetzt den Menschen in Louisiana sagen, wenn das Öl dort die Küste erreicht: „Niemand will mehr als ich, dass das ein Ende hat. Ich hätte gern mein Leben zurück.“
  4. Und wenn man Sie dann vor den Kongress zitiert, stehlen Sie sich aus der Verantwortung. Antworten Sie auf die Fragen der amerikanischen Senatoren immer wieder mit Sätzen wie: „Darüber weiß ich nichts.“, „Ich bin kein Ingenieur.“, oder: „Ich war nicht an dem Entscheidungsprozess beteiligt.“ Vermitteln Sie auf diese Weise den Eindruck, als ob Sie ein Schüler wären und sich auf Ihre Prüfung nicht vorbereitet hätten. (Einen Mitschnitt davon gibt es in mehreren Folgen auf YouTube.)
  5. Und wenn Ihre Aufsichtsräte schließlich die Notbremse ziehen und Sie als Kommunikator abberufen: Gehen Sie segeln. Stellen Sie sich ans Steuer Ihrer millionenschweren Luxusyacht und werfen Sie sich ins Regatta-Getümmel. Auch wenn die amerikanische Regierung unterdessen vor Wut schäumt, und wenn die ganze Welt darüber den Kopf schüttelt, bleiben Sie cool. Lassen Sie Ihren Pressesprecher ausrichten, Sie hätten sich auch einmal ein wenig Urlaub verdient.
  6. Tja, und sonst? – Der Phantasie sind keine Grenzen gesetzt. Schütten Sie Gallonen von Corexit ins Meer, um das Öl möglichst lange vom Ufer fernzuhalten, und ziehen Sie sich damit den Zorn von Greenpeace zu. Bezahlen Sie Fotografen, die die Fotos von den Aufräumarbeiten retuschieren. Oder geben Sie Wissenschaftlern sehr viel Geld für Studien zur Ölpest, verweigern Sie ihnen aber die Veröffentlichung – die Vorwürfe von einigen Wissenschaftlern, sie fühlten sich gekauft scheinen jedenfalls nicht ganz aus der Luft gegriffen.

Mit diesen Ideen schaffte es Tony Hayward an die Spitze der Charts. Die „New York Daily News“ nannte ihn den „meistgehassten Menschen Amerikas“, „The Guardian“ in London warf ihm „titanische Inkompetenz“ vor, und ganz allgemein wurde er in den Medien als das „Gesicht der Ölpest“ bezeichnet.

Was sollen wir nun davon halten?

Wenn es jemand auf den Vorstandssessel eines Weltkonzerns schafft, ist er mit Sicherheit kein dummer Mensch. Und ich möchte Tony Hayward auch nicht unterstellen, dass er bösartig ist. Bei BP soll man ihn bis zur Öl-Katastrophe wegen seiner umgänglichen Art und seiner Kompetenz gerne als Chef gesehen haben.

Verschwörungstheoretiker (zum Beispiel hier) behaupten, Haywards Fettnäpfchen seien Teil einer bewusst gesteuerten PR-Strategie gewesen, um ihn systematisch abzumontieren und den Nachfolger mit einer reinen Weste erscheinen zu lassen. Klingt zwar hochspannend wie ein Thriller, aber beweisen kann man das nicht.

Ich denke eher, dass wir hier einen ganz normalen Menschen vor uns haben, der in einer extremen Ausnahmesituation Fehler gemacht hat. Tony Hayward hat sich ganz einfach im Stress der Interviews von seiner Botschaft entfernt.

Die einzige Botschaft, die in dieser Situation Sinn gemacht hätte, wäre gewesen: "Wir sind für diese Katastrophe verantwortlich, und es tut uns aufrichtig leid. Unser Beileid gilt den Angehörigen der Toten und den betroffenen Wirtschaftstreibenden der Region. Wir werden alles tun, was in unserer Macht steht, um den Schaden wieder gutzumachen. Und wir werden dafür sorgen, dass so etwas in Zukunft nicht wieder passiert."

Vor solchen Fehlern ist im Medienalltag niemand gefeit. Nicht einmal ein sonst mit allen Wassern gewaschener Vorstand. Tony Hayward wird in zukünftigen Lehrbüchern auch als Beispiel dafür angeführt werden, dass selbst einem CEO ein bisschen Training nicht schadet.

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