Web 2.0: Jedes Spiel hat Regeln
Auch nackte Zahlen können sehr interessant sein, finde ich.
Also: Laut einer unlängst von der WKÖ veröffentlichten Studie nutzen zur Zeit 48% aller österreichischen Unternehmen soziale Netzwerke für ihre Kommunikation. Vergangenes Jahr waren es 39%. Tendenz also einigermaßen steigend.
Und weiter: Von diesen Unternehmen veröffentlichen 67% ihre Inhalte zumindest einmal pro Woche, 7% sogar mehrmals täglich. Auch wenn es sich bei letzteren wohl nur um kurze Twitter-Meldungen handelt: Am Fleiß scheint es nicht zu mangeln.
Aber: Nur 24,7% all dieser Unternehmen setzen sich klare Ziele für Ihre Internet-Aktivitäten.
Alle anderen schießen also offensichtlich aus der Hüfte. Das aber fleißig, nämlich mindestens einmal pro Woche. Eine ähnliche Befragung in Deutschland ergab übrigens ungefähr dasselbe Bild: Dort haben 81% aller im Netz aktiven Unternehmen keine klare Strategie. Und ganze 87% mussten nach einem Jahr ihre Erwartungen an das Medium korrigieren.
Setzen wir diesen Zahlen noch ein paar andere entgegen.
Das Hamburger Brand Science Institute interessierte sich für die Empfänger-Seite und befragte die User: Von denen gaben 58% an, sich mindestens einmal über Facebook oder Twitter mit Fragen, Beschwerden oder Anregungen an ein Unternehmen gewandt zu haben.
Von diesen waren 61% mit der Reaktion unzufrieden und hatten das Gefühl, dass man auf ihre Bedürfnisse nicht angemessen eingegangen war.
Man muss hier kein großer Detektiv sein. Und viel mehr als die nackten Zahlen braucht man auch nicht, um zu verstehen, dass hier ein wichtiges Spiel immer noch ohne Kenntnis der Regeln gespielt wird. Und das um viel Geld.
Facebook goes Hollywood
Was wir jetzt schon wissen:
Es wird darum gehen, wie eine Idee die Kommunikation revolutionierte und ihren Erfinder zu einem der reichsten Menschen der Welt machte.
Zweitens: Justin Timberlake spielt mit (aber nicht in der Hauptrolle).
Und drittens: Mark Zuckerberg himself mag ihn nicht, wie er in einem Interview mit Kara Swisher zu Protokoll gab - den Film „The Social Network", der am 1. Oktober in die amerikanischen und 1 Woche später in unsere Kinos kommt.
David Kirkpatrick, Journalist beim Magazin Fortune, hat es in seinem Buch „The Facebook Effect“ vorgemacht, jetzt zieht Hollywood nach: Wenn ein Produkt dermaßen die Massen anzieht, dann sind natürlich die Hintergründe interessant. Man will wissen: Wer hat es erfunden? Wie kam er darauf? Was denkt er? Und vor allem: Was ist an seiner Idee so sexy, dass sich (laut der letzten Veröffentlichung von Facebook im vergangenen Februar) weltweit 400 Millionen User von ihr angezogen fühlen?
Ich muss sagen: Ich bin einigermaßen neugierig, ob der Film auf diese Fragen interessante Antworten gibt. Inzwischen zeige ich Ihnen hier den Trailer, den Columbia Pictures vor ein paar Tagen veröffentlicht hat:
Tut mir leid. Ich nehme es zurück!
Hatten Sie auch schon einmal mit jemandem Streit und verwendeten dabei in der Hitze des Gefechts Worte, die Sie später bereuten? – Dem Ärger Luft machen tut manchmal gut, kann aber auch viel Porzellan zerschlagen. Und oft braucht es einige Zeit, bis gute Beziehungen wieder gekittet werden können.
Im Internet gibt es die Gelegenheit für Wiedergutmachung nicht. Eine Angestellte macht auf Facebook ihrem Ärger über ihren Chef Luft – der liest ihren Kommentar und kündigt sie, ohne ihr Gelegenheit zur Stellungnahme zu geben. So geschehen letztes Jahr in England.
Chatten macht Spaß. Aber das Netz ist ein öffentlicher Marktplatz, und kein Separee. Ich finde es gut, dass man immer wieder einmal daran erinnert wird. Ein sehr guter Artikel in der Zeitung „Die Presse“ hat das diese Woche getan.
Jeder Gedanke, den wir privat ins Netz stellen, kann von aktuellen oder potenziellen Arbeitgebern, Partnern oder Kunden gefunden und bewertet werden. Wenn man Worte, die man bereut, aus einer Website wieder zurücknehmen will, ist man auf den guten Willen der jeweiligen Betreiber angewiesen – und den bekommt man absolut nicht immer, wie in der Presse zu lesen ist!
Was liegt, das pickt!
Wenn ich mich in sozialen Netzwerken oder Foren bewege, muss ich immer an diese alte Kartenspieler-Regel denken – und mir vornehmen, dass ich im Netz immer zuerst über die Folgen nachdenke, bevor ich eine Karte ausspiele.
Und dass ich intime Gefühle doch lieber im direkten Kontakt mit Menschen austausche, und nicht im Netz.
Neue Medien:
Vom Aufbegehren der Empfänger
Wie sehr sich Kommunikation in den letzten Jahrzehnten verändert und erweitert hat, kann man an folgenden beiden Fotos erkennen:
21. Jahrhundert: Auf einer sogenannten „LAN-Party“ tauschen sich gleichzeitig Tausende von Usern aus.
Das Foto wurde 2004 auf der „Dream-Hack-Party“ in Jönköping/ Schweden aufgenommen. Diese Party findet dort zwei Mal im Jahr statt und ist laut „Guinness-Buch der Rekorde“ die größte LAN-Party der Welt.
In der klassischen Kommunikation sprach eine(r), und viele hörten zu. Heute wollen die Empfänger nicht mehr so passiv sein – sie wollen sich beteiligen und dabei ernst genommen werden. Heute sprechen viele, und viele hören zu. Die Welt der Kommunikation ist ein Dorf geworden, in dem sich gute wie schlechte Nachrichten in Windeseile verbreiten können.
Facebook – Youtube – Xing – Friendster – Weblogs – LinkedIn – Twitter – … Bei all diesen Namen kann man, wenn man nicht mit dem Internet aufgewachsen ist, schnell den Überblick verlieren. Wirtschaft und Politik stehen vor schwerwiegenden Fragen. Soll ich ins Netz? Soll ich nicht? Welchen Kanal wähle ich für meine Darstellung nach außen? Welche Zielgruppe erreiche ich mit welchem Format am besten? Wie stelle ich mein Produkt, mein Projekt, meine Idee in der Öffentlichkeit dar?
Auf diese Fragen haben vergangene Woche in unseren Trainingsstudios eine Kennerin und ein Kenner der Materie in zwei Vorträgen profunde Antworten gegeben. Mag. Konstanze Wagenhofer war Mitgründerin der Online-Redaktion des ORF und arbeitet als freie Trainerin mit speziellen Angeboten im Web-2.0-Bereich. Gerald Groß kennt der österreichische Fernsehkonsument aus der Nachrichtensendung „Zeit im Bild“. Auch er beschäftigt sich seit mehreren Jahren mit dem Phänomen der Massenkommunikation, und mit der Frage, wie Unternehmen auf diese Herausforderung am besten reagieren.
All jene, die letzte Woche die Zeit fanden, an diesen Vorträgen teilzunehmen, finden hier ein „Erinnerungsfoto“. Aber auch all jene, die interessiert sind und sich informieren möchten, finden hier das Material zu den Vorträgen als Pdf.
Web 2.0: "Drin sein" reicht nicht
Als ich vor mehr als acht Jahren mein Weblog begonnen habe, war es Freude am Experiment: Freunde von mir hatten die Software "Antville" entwickelt, und ich fing an, kleine bissige Glossen zu veröffentlichen. Es war ein neues und großartiges Gefühl, ohne „Vier-Augen-Prinzip“, ohne Chefredakteur und ohne „Blattlinie“ einfach per Knopfdruck publizieren zu können. Es gab mir Berge, dass Google mein kleines Girlscamp als ersten Treffer bei der Suche nach „Hühnerleberaufstrich“ ausspuckte.
Mittlerweile – oder besser: schon seit einigen Jahren - schreibe ich nur noch selten etwas hinein. Dafür zitiere ich die üblichen Gründe: Seit es Youtube gibt, bleibe ich dort öfter hängen (und poste die Videos dann nicht in meinem Weblog). Auf Facebook bin ich seit rund zwei Jahren auch aktiv, und dann gibt es noch das iPhone mit seinen nützlichen und unterhaltsamen „Applications“. Zeitungen, Radio und Fernsehen wollen täglich meine Aufmerksamkeit. Und nebenbei habe ich auch noch eine Karriere, die mich herausfordert.
Alles Ausreden. Wer wirklich schreiben will, schreibt. Oder wie es der US-amerikanische Schriftsteller F. Scott Fitzgerald ausdrückte: "You don‘t write because you want to say something, you write because you have something to say." Es ist peinlich, öffentlich zuzugeben, aber immer häufiger fehlt mir die Motivation, aus einem Gedanken ein Thema zu machen – und daraus einen pointierten Text. Lieber schnell ein paar Zeichen in die Facebook-Statuszeile tippen, dort fließen sie in den Nachrichtenstrom der FreundInnen – und erreichen sie ziemlich sicher. Mit dem Aufwand von oft nur ein paar Sekunden.
Heute katapultiert mich die Google-Suche nach Hühnerleberaufstrich nicht mehr auf den ersten Platz, aber immerhin noch unter die ersten Zehn. Warum? Google „liebt“ Blogs und reiht sie bevorzugt. Für viele Unternehmer ist das allein schon Grund genug, ein Weblog zu betreiben. Doch es gibt noch viele andere, mindestens ebenso gute Gründe: Mit einem authentisch und fundiert gemachten Weblog können Firmen sich mit ihrer Kompetenz positionieren und Themenführerschaft auf- und ausbauen. Der direkte Kontakt mit Userinnen und Usern, die auch Kundinnen und Kunden sein können, liefert wertvolle Informationen über die Bedürfnisse am Markt. Und Journalisten informieren sich zunehmend auch auf (Corporate) Blogs.
Allerdings gilt für Firmen wie für Private, die mit ihrem Weblog erfolgreich sein wollen: Es braucht Inhalte. Und Regelmäßigkeit. „Facebook ist das Bloggen von heute“, sagte kürzlich ein befreundeter Branchenkollege. Zumindest für viele private Ex-Blogger mag das gelten. Facebook ist aber viel mehr: „Eigentlich kann man Facebook als eigenes Web innerhalb des Web sehen“, ist ein anderer Branchenkollege überzeugt, „wer dort nicht vertreten ist, existiert für viele im Web nicht mehr.“ Statt den Versuch eines Wahrheitsbeweises zu unternehmen, weise ich auf die Meldung von Mitte Februar hin, dass Facebook Google als stärksten Trafficlieferanten den Rang abgelaufen hat (s. den Artikel in SFGate). Das heißt, dass mehr User über Facebook auf große Portale gelangen als durch den Suchgiganten. In Österreich nutzen mehr als 1,5 Millionen Menschen Facebook, Tendenz steigend.
Doch wie bei allen großen Ansammlungen reicht es auch auf Facebook nicht, einfach nur „drin“ zu sein. Das allein bringt noch keine „Fans“. Man muss etwas bieten: Als Privatperson kann das allein schon der virtuelle Draht sein, der die (vielleicht nur lose) Freundschaft aus dem wirklichen Leben verstärkt. Als Firma braucht man mehr: vor allem echte Kommunikationsangebote, die die UserInnen auch interessiert. Und – das wird gern verschwiegen – geeignete Werbung für die Facebook-Angebote. Wer sich nur auf Mundpropaganda verlässt, könnte am Ende mit weniger Fans dastehen als die Konkurrenz.



















