Konzentration gratis
Gestern Abend beim Sommernachtskonzert der Wiener Philharmoniker: An die 100.000 Menschen versammeln sich im Park des Schlosses Schönbrunn und konzentrieren sich für 2 Stunden gemeinsam auf ein und dieselbe Sache. Das ist echte Kommunikation!, dachte ich gestern auf meinem Sitzkissen in der Nähe der Gloriette – und da fiel mir à propos eines meiner Lieblings-Musikstücke ein, das ich heute mit Ihnen teilen möchte.
Eigentlich ist es gar kein richtiges Musikstück, zumindest nicht im herkömmlichen Sinn; es stammt von John Cage und heißt 4‘33‘‘, weil es vier Minuten und dreiunddreißig Sekunden dauert, ohne dass dabei ein einziger Ton angeschlagen wird. Und trotzdem erzeugt es, von einem Orchester „gespielt“, im Publikum genau dieselbe Konzentration wie gestern im Schlosspark von Schönbrunn. Ich zeige Ihnen hier einen Mitschnitt der BBC, bei dem man das deutlich sehen kann:
Achten Sie vor allem auf das Ende des „ersten Satzes“ nach 2.45 Minuten: Dort können Sie sehen, dass die Zuschauer zu hüsteln beginnen wie in der Satzpause eines gewöhnlichen Konzerts.
Nun ist dieses Hüsteln da wie dort ein Symptom der Entspannung; die Menschen konzentrieren sich auf eine Wahrnehmung, und wenn die Quelle der Wahrnehmung zu Ende ist, setzt die Entspannung ein: Man hüstelt, auch wenn man nicht erkältet ist.
Es gibt in diesem Stück keine Musik, und trotzdem konzentrieren sich die Leute genau so, wie wenn da Musik wäre – kurios, nicht?
Dazu fällt mir wiederum John Cage ein, der zu seiner Komposition einmal sagte: „Konzentration braucht nichts weiter als einen Rahmen.“ Also zum Beispiel die Verabredung, dass zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort ein Konzert stattfindet; aufgrund dieses Rahmens können sich die Musiker darauf verlassen, dass das Publikum seine Konzentration spendet – wenigstens zu Beginn.
Genauso wie das Publikum seine Konzentration spenden wird, wenn Sie eine Rede beginnen, oder einen Vortrag, eine Präsentation, ein Interview. Dies geschieht aufgrund des Rahmens, der Verabredung: Zu Beginn haben Sie die Aufmerksamkeit (fast immer) gratis.
John Cage lehrt uns, dass wir uns wenigstens zu Beginn kein Bein ausreißen müssen – und uns trotzdem auf die Konzentration unseres Publikums verlassen können.
Steve Jobs – ein Kunstwerk. Maximale Wirkung – Minimale Mittel
Wenn Sie an die Präsentationen des Steve Jobs denken und sich fragen, worin das Geheimnis seiner einzigartigen Ausstrahlung liegt –
dann stellen Sie sich einen Raum vor. Einen Raum mit einer Bühne.
Machen Sie ihn dunkel.
Erster Akt:
Nehmen Sie ein bisschen Licht und konzentrieren, bündeln Sie es auf einen Kreis.
Worauf werden die Augen gerichtet sein?
Richtig – auf den Kreis.
Wenn Sie nun diesen Lichtkreis bewegen. Langsam gleiten lassen. Von links nach rechts. Was wird passieren?
Richtig – die Augenpaare werden dem Kreis folgen.
Der Kreis ist das Zentrum. Der Kreis ist das Wichtigste. Der Kreis ist der „Star“.
Wenn sich nun Steve Jobs (oder Sie) fern jeder Ablenkung und ohne zusätzliches Angebot auf die Bühne stellt (stellen), worauf wird die Aufmerksamkeit gerichtet sein? – Sie (oder Steve Jobs) haben dann bei Ihren Auftritten alle Aufmerksamkeit der Welt.
Jobs stellt sich vor sein Publikum ohne Sakko, ohne Krawatte, ohne Gürtel. Nur mit Hose, Pullover und Turnschuhen. Bloß mit einer „zweiten Haut“. – Das ist sein Meisterstück.
Es heißt: Ich stehe “nackt“ vor euch. Ich bin, was ich bin.
Ich verzichte auf alle Insignien und Zeichen der Macht und des Erfolges.
Hier stehe ich. Ich, Steve Jobs.
Das ist ein Script für Reinheit. Für Unschuld. Für den puren, begabten Menschen, der unsere Würdigung verdient. Unsere Lebenszeit. Unsere Aufmerksamkeit.
Zuhören, zusehen, Aufmerksamkeit schenken heißt:
Lebenszeit schenken.
Dazu fällt mir ein Zitat von Emerson Walker ein.
„Wenn’s ums Leben geht, sollten Sie verdammt nochmal nicht langweilig sein.“
PS.
„Lernen von den Besten“:
Wenn Steve Jobs Apple-Neuheiten präsentiert, sieht das zwar immer leicht und spielerisch aus. Aber es ist perfekt geplant. Jeder Handgriff stimmt, jedes Argument sitzt am richtigen Platz.
Wirkung und Ausstrahlung basiert auf Prinzipien, die für jedermann lernbar sind.
Wir haben es uns zur Aufgabe gemacht, hier die Besten der Besten zu analysieren und daraus Anregungen abzuleiten, die für jeden und jede anwendbar sein können – selbst wenn sie von sich glauben, ganz und gar untalentiert zu sein.
Lesen Sie also hier in Kürze:
Zweiter Akt: Die Keynotes des Steve Jobs, und wie er seine Produkte inszeniert.

















