Zwei Millionen "Studenten"
Die Archäologin Sabine Ladstätter ist diese Woche als „Wissenschaftlerin des Jahres“ ausgezeichnet worden. Diesen Preis erhält man vom Club der Bildungs- und Wissenschaftsjournalisten Österreichs für das „Bemühen, seine Arbeit einer breiten Öffentlichkeit verständlich zu machen“.
Die diesjährige Preisträgerin erfüllt dieses Kriterium in der Tat vorbildlich: Die Leiterin der Ausgrabungen in Ephesos hat es sich zur Aufgabe gemacht, die über 1,8 Millionen Touristen, die jedes Jahr durch die Ruinen der antiken Weltstadt pilgern, in den allerneuesten Stand der Forschung einzuweihen. Ein Service, das man nicht häufig findet.
„Wozu soll das gut sein?“
Seit sie sich für den Beruf der Archäologie entschied, hörte Sabine Ladstätter diese Frage bis zum Überdruss. Aber mit der Zeit hat sie gelernt, darauf Antworten zu geben. Und heute kommt ihr diese "Kommunikations-Schulung" zu Gute, denn in wirtschaftlich schwierigen Zeiten fragt die Gesellschaft genauer nach.
Das private Sponsoring muss vielerorts für die öffentliche Hand in die Bresche springen; deshalb gibt es gegenwärtig kaum eine Wissenschaft, die ihre Existenz nicht rechtfertigen muss. Unter diesen Vorzeichen hat sich Sabine Ladstätter bewusst dafür entschieden, die Medienarbeit als festen Bestandteil in ihre Tätigkeit zu integrieren.
„Der Wissenschaftler von heute ist nicht nur ein Forscher – er ist auch ein Manager und Kommunikator.“, so Ladstätter in einem Interview für den Standard. Neben der Frage nach neuen Erkenntnissen gibt es also immer auch die Herausforderung, komplexe Sachverhalte verständlich zu erklären, ohne dabei zu vereinfachen und unseriös zu wirken.
Veranschaulichung bringt Publikum
Natürlich hat die Archäologie in diesem Punkt gewisse Vorteile gegenüber anderen Wissenschaften: Sie holt versunkene Städte ans Tageslicht und kann diese rekonstruieren und für ein modernes Publikum erlebbar, ja regelrecht begehbar machen. Sie arbeitet mit dem Bild und mit der Aufdeckung von Geheimnissen. Damit lassen sich tatsächlich Blumentöpfe gewinnen, wie die letztjährige Niederösterreichische Landesausstellung in Carnuntum mit über 500.000 Besuchern beweist.
Aber die eigentlichen Erkenntnisse der Archäologie liegen nicht im Bild selbst, sondern in der Interpretation des Bildes. Wie haben die Menschen in Ephesos gelebt? Was haben sie gedacht, was haben sie geglaubt, was haben sie geliebt?
Und vor allem: Was bringt es uns heute, darüber Bescheid zu wissen?
Sabine Ladstätter wird nicht müde, den Besuchern von Ephesos dafür Erklärungen anzubieten. Sie will damit bewirken, dass den Menschen die Frage „Wozu soll das gut sein?“ überhaupt nicht mehr in den Sinn kommt. Dieses Ziel zu erreichen ist heutzutage für jede Wissenschaft lebensnotwendig. Das ist aber nur dann möglich, wenn es Menschen gibt, die die Disziplin der Kommunikation genauso ernsthaft betreiben wie die wissenschaftliche Feldforschung.
Dies den Forschern dieses Landes klar zu machen, ist das Ziel der Auszeichnung zum „Wissenschaftler des Jahres.“ Ein absolut berechtigtes Ziel.
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