Von Verkehrszeichen und der Kunst der Prägnanz
Andere Länder, andere Sitten. Und vor allem: andere Verkehrszeichen.
Eine Erhebung des Autovermieters Avis Europe (der Bericht dazu im ORF) hat unlängst ergeben, dass nur 12 Prozent (!) der heimischen Autofahrer die wichtigsten Verkehrszeichen in Frankreich richtig deuten können.
Das liegt auch an kulturellen Unterschieden: Wenn Sie sich zum Beispiel in diesen Tagen des Ferienbeginns wie viele unserer Zeitgenossen ins Auto setzen und ins Ausland rollen, könnte Ihnen dort ein gelbes Schild mit einer schwarzen Raute begegnen. Noch nie bei uns gesehen. In Großbritannien ist es aber Standard und zeigt eine Notausfahrt an.
Hier ist zwar kein Verkehrsblog, sondern immer noch ein Kommunikationsblog. Trotzdem möchte ich heute über Verkehrsschilder reden. Denn ich bin mir sicher: Wenn man solche Untersuchungen wie die der Firma Avis auch bei Präsentationen durchführen würde, käme man zu ähnlichen Ergebnissen. Die wenigsten könnten es richtig deuten. Autofahren ist manchmal wie einer Präsentation zuschauen. Vor allem dann, wenn man sich einem fremden unübersichtlichen Schilderwald ausgesetzt sieht, aus dem man nicht so richtig schlau werden will. Wie zum Beispiel hier in Japan:
Es macht Sinn, ein Präsentations-Slide mit einem Verkehrsschild zu vergleichen. Denn die Anforderungen sind dieselben. In beiden Fällen huschen die Informationen am Betrachter vorbei und müssen in der Zeitspanne eindeutig zu entziffern sein, die seiner Aufmerksamkeit zur Verfügung steht. Sonst ist ihr Informationswert verloren.
Und: In beiden Fällen ist die Aufmerksamkeit des Betrachters „geteilt“.
Der Autofahrer muss auf die Straße achten, zum Beispiel darauf, ob der Linkskommende an der nächsten Kreuzung ihm etwa den Vorrang stiehlt. Gleichzeitig muss er aber auch die Ampeln und Verkehrszeichen im Auge haben. Aus allen Eindrücken muss er rasch und präzise die richtigen Schlüsse ziehen, damit er keinen Unfall verursacht.
Der Zuschauer einer Präsentation muss den Worten des Sprechers folgen. Gleichzeitig wird er aber den einen oder anderen Blick in das Handout werfen. Und er wird innerlich das Gehörte mit eigenen Meinungen oder Erfahrungen abgleichen. Und ja: Er wird vielleicht zwischendurch sorgenvoll daran denken, dass sein 10jähriger Sohn am Vorabend das erste Mal alleine ins Ausland gefahren ist. Und dann – muss er auch noch die Informationen auf dem Slide beachten, wenn er den Sinn des Vortrags verstehen will. Auch hier gilt: das Produkt „Vortrag“ ist die Summe aller Eindrücke und Schlüsse, die der Betrachter aus dem Ereignis zieht.
All das stellt hohe Ansprüche an die Aufmerksamkeit – und damit an die Gestaltung der Visualisierungen.
Die Kunst der Prägnanz
1996 starben bei einem Großbrand am Flughafen Düsseldorf 17 Menschen. Sie starben unter anderem deshalb, weil das Leitsystem so unklar war, dass man die Fluchtwege nicht finden konnte. Dieser Unfall war eine der Geburtsstunden der „Signaletik“ – der Kunst, Hinweisschilder so prägnant zu gestalten, dass sie im selben Augenblick einwandfrei aufgefasst werden können, in dem man sie wahrnimmt. Der Amsterdamer Flughafen Schiphol gilt in dieser Hinsicht als benutzerfreundlichster Airport der Welt:
Der Gestalter dieses Leitsystems ist der niederländische Grafiker Paul Mijksenaar. Er ist weltweit die erste Anlaufstation, wenn es um effektives Informationsdesign geht. Seine Prinzipien zielen darauf ab, komplexe Informationen so zu verdichten, dass sie informativ bleiben, gleichzeitig aber die Aufmerksamkeit des Betrachters nicht überfordern.
Damit Sie bei Ihren Präsentationen „den Verkehr richtig steuern“ können, gebe ich Ihnen hier ein paar seiner Richtlinien:
1. Eindeutige Signale: Jede Visualisierung muss ohne Vorkenntnisse erkannt und interpretiert werden können.
2. Eindeutiges Motiv: Komplizierte Motive müssen auf ihren – einfachen – Kern gebracht werden.
3. Eindeutiger Weg: Der Betrachter wird Schritt für Schritt vom Startpunkt zum Ziel geführt, und zwar vom Allgemeinen zum Besonderen (also am Flughafen: Abflughalle, Buchstaben der Gates, Nummern der Gates, Ziel-Gate)
4. Eindeutige Farbe („Colour Coding“): Jedes Thema bekommt eine eigene Farbe (z. B. Sicherheit: grün). Dies vermittelt einen Wiedererkennungseffekt, und damit Sicherheit.
Korrektur am 30. 8. 2010:
Jasper van den Broek von "Mijksenaar WaySigning People" hat mich heute dankenswerter Weise auf einen Fehler hingewiesen: Das Foto oben zeigt wohl den Flughafen Schiphol, nicht aber eine Arbeit von Paul Mijksenaar, sondern ein älteres Hinweis-Schild, Design Benno Wissing. Wer die "echten Mijksenaars" sehen möchte, findet sie zum Beispiel hier. Vielen Dank!
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