Intomedia Blog: Alles zwischen Sendern und Empfängern
05.01.2012

Menschenrechte für Bundespräsidenten?

von Stefan Schimmel

„Man ist ein Mensch und macht Fehler.“

So rechtfertigte Christian Wulff gestern in einem Interview für die ARD seinen Anruf bei Kai Diekmann, dem Chefredakteur der BILD-Zeitung: Auch ein Bundespräsident mache Fehler und habe daher das „Menschenrecht“ auf eine zweite Chance.

Zur Erinnerung: Christian Wulff hatte dem Journalisten in einem Telefonanruf angeblich sogar mit einer Anzeige gedroht für den Fall, dass er Nachrichten über seinen umstrittenen Privatkredit veröffentlichen würde. Wulff sprach seine Nachricht wenig clever auf Band – und steht seither als Feind der Pressefreiheit medial unter Dauer-Beschuss.

Diese Argumentation ist ja grundsätzlich nachvollziehbar. Wenn Wulff im Interview weiter erzählt, er habe sich vor seine Familie stellen wollen, als er erfahren habe, dass die BILD Details aus seinem Privatleben an die Öffentlichkeit bringen wollte, dann kommt für das Opfer, als das er sich fühlt, sogar eine leichte Brise Mitgefühl auf. Der Bundespräsident war gut beraten, sich als fehlbar darzustellen.

Befreiungsschlag geglückt?

Was er allerdings nicht zustande brachte: Deutlich zu machen, dass er ein Bewusstsein für sein Unrecht besitzt. Beim Ansehen des Interviews habe ich mich ständig gefragt: Warum ist es für einen erwachsenen, intelligenten Menschen und erfahrenen Politiker wie Christian Wulff so schwer zu verstehen, dass er viele Menschen enttäuscht hat?

Und dies angesichts folgender Fakten:

•   Der Bundespräsident, der die Grundrechte aller Deutschen vertritt,
     ist in den Geruch gekommen, selbst das Gesetz gebrochen zu
     haben.

•   Der Bundespräsident agiert doppelzüngig: Er bekennt sich dezidiert
     zur Pressefreiheit und beschneidet sie beinahe im selben Atemzug
     hinter dem Rücken des Publikums.

•   Der Bundespräsident legt an sich selbst äußerst hohe Maßstäbe an.
     2007 veröffentlichte er, gleichsam als „Richtschur“ seines politischen
     Handelns, das Buch „Besser die Wahrheit“. In der
     „Düsseldorfer Flugaffäre“ zählte Wulff zu den schärfsten Kritikern
     des davon betroffenen damaligen Bundespräsidenten Johannes Rau
     und forderte vehement seinen Rücktritt.

So ist es kein Wunder, dass die Angriffe der Opposition weitergehen. Und ich kann mir dieses Verhalten von Christian Wulff nur so erklären, dass ihm nicht ganz klar ist, welche Rolle sein Amt von ihm verlangt, und welches Bild er dabei in der Öffentlichkeit abgibt.

Wenn er Präsident bleiben will, sind ihm zwei Dinge zu wünschen:
Erstens, dass er seine Lernfortschritte unter Beweis stellen und so seine zweite Chance nützen kann. Und zweitens: Dass nicht noch irgendwelche Leichen in irgendwelchen Kellern liegen.

Sonst wird man ihm als Bundespräsidenten wohl auch noch die Menschenrechte absprechen.

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