Intomedia Blog: Alles zwischen Sendern und Empfängern
01.07.2010

König Fußball - und andere Kleinigkeiten

von Stefan Schimmel

In Zeiten der WM sind Staatsoberhäupter glühende Fans.

Klar, denn für Politiker ist eine Fußball-WM immer ein willkommener Anlass, sich volksnah zu geben. Kleines Beispiel? - Nachdem sich England und die USA in der Vorrunde 1:1 getrennt hatten, schuldete David Cameron Barack Obama ein Bier – und umgekehrt, denn beide hatten natürlich auf den Sieg ihrer Mannschaften gewettet. Als PR-versierte Männer, die sie nun einmal sind, beglichen sie vergangenen Freitag ihre Wettschulden beim G20 Gipfel vor laufender Kamera.

Dieser Trick zieht immer. Menschen, die bei einem Foto-Termin nichts weiter tun als miteinander reden, sind für Presse-Fotografen langweilig. Wenn sie aber mit Bier anstoßen, geben sie ein hübsches Motiv. Sehen Sie sich die ersten 2 Minuten des Mitschnitts an: Dort können Sie das Blitzlichtgewitter förmlich explodieren hören in dem Augenblick, in dem sich die Bierflaschen kreuzen:

Barack Obama spendete ein Chicagoer „Goose Island 312“, David Cameron revanchierte sich mit einem „Hobgoblin“. Noch nie davon gehört, aber immerhin: Wenn ich ein waschechter englischer oder amerikanischer Fan wäre, würde ich vor dem Fernsehgerät meinen Bierbauch kraulen und dabei das Gefühl haben: „Ey, die sind ja doch ein bisschen wie ich …!“

Zweifelhafte Inszenierung

Das ist zumindest das Kalkül. Aber gerade der G20-Gipfel ist ein wunderbares Beispiel dafür, dass man es mit solchen Inszenierungen namens "Wir-sind-doch-eh-alle-wie-ihr" auch ein bisschen zu weit treiben kann.

In Toronto sah das dann so aus: Angela Merkel und David Cameron schwänzen das Plenum, um sich – natürlich im Beisein der Journalisten – das Achtelfinale Deutschland gegen England anzusehen. Die Deutsche diktiert nachher den Kollegen der Medien ins Notizbuch, sie sei „sehr bewegt“. Trotzdem verhält sie sich natürlich politisch korrekt und drückt dem Engländer ihr Mitleid aus. Aber auch der türkische Premierminister Erdogan lässt sich nicht lumpen und äußert sich zum – türkischstämmigen – deutschen Teamspieler Mezut Özil: „Das ist unser Mann!“ Barack Obama fackelt sowieso nicht lange und verkündet bei der nächsten Gelegenheit einen "Trikottausch" mit seinem ghanaischen Amtskollegen John Atta Mills. Wieder zurück in der Sitzung, gratulieren alle anwesenden Staatsoberhäupter einhellig der glückstrahlenden deutschen Kanzlerin zum großen Erfolg.

Und sonst? – Gab es auch noch ein paar klitzekleine Entscheidungen zu treffen. Es galt, die Finanzmärkte neu zu ordnen, damit Millionen von Menschen auf der ganzen Welt eine sichere Lebensgrundlage bekommen.

Der G-20-Gipfel in Toronto kostete die kanadische Regierung fast 1 Milliarde Dollar. Die Ergebnisse werden zwar im Augenblick von den Teilnehmern konsequent schöngeredet, Ökonomen sind aber durchwegs enttäuscht und sprechen vom „Gipfel an negativer Klarheit“. Der Keim für die nächste Krise sei damit bereits jetzt gelegt.

Ob man in einer solchen Situation die Sympathien der Menschen dadurch gewinnt, dass man ihnen erzählt, man trinke das gleiche Bier und liebe den gleichen Sport wie sie – das überlasse ich Ihrem Urteil. Der ehemalige deutsche Bundeskanzler Helmut Schmidt sprach unlängst in einem ZDF-Interview vom großen Verlust an Vertrauen, den viele Regierungen dieser Welt in diesen Zeiten erleiden. Vielleicht liegt die Schuld daran ja nicht nur bei der Wirtschaftskrise – sondern einfach bei den Regierungen selbst?

Bei ihrem Kommunikationsverhalten? Bei der traurigen Tatsache, dass sie dem einfachen Bürger nicht mehr das Gefühl vermitteln können, dass sie imstande sind, seine Probleme zu lösen?

In den letzten Wochen war in diesem Blog immer wieder von der Zielgruppen-Orientierung die Rede (z. B. „Immer die gleiche Litanei?“ und „Dichands Vermächtnis“). Von der Pflicht eines Sprechers oder einer Sprecherin, dem Publikum möglichst nahe zu sein. Hier möchte ich noch einen kleinen Stammbuch-Eintrag hinzufügen: Zielgruppen-Orientierung heißt verdammt noch mal nicht Anbiederung. Die Lehre, die wir alle für unser Berufsleben aus diesem Beispiel ziehen können: Vertrauen gewinnt man in Krisensituationen nicht durch billige Tricks, sondern dadurch, dass man ernsthaft Bedürfnisse und Sorgen einschätzt und bereit ist, mit Worten ebenso ernsthaft darauf einzugehen.

 

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