Intomedia Blog: Alles zwischen Sendern und Empfängern
12.05.2011

Gar keine Angst vor dem Interview? - Vorsicht!

von Stefan Schimmel

Stellen Sie sich vor, Sie sitzen vor einem großen Bottich, der mit Spinnen oder Schlangen gefüllt ist – aber Sie empfinden nichts. Keine Angst, kein Ekel, keine Abscheu. Ganz im Gegenteil: Sie verhalten sich wie ein neugieriges kleines Kind und greifen mit beiden Händen hinein, um mit den Tierchen zu spielen.

So etwas gibt es nicht, denken Sie? – Doch, gibt es: Allerdings hatte die amerikanische Dame, die dieses Verhalten tatsächlich an den Tag legt, einen Autounfall, bei dem sie so schwere Kopfverletzungen erlitt, dass eine bestimmte Region ihres Gehirns beschädigt wurde.

Sie hatte Glück und wurde wieder ganz gesund, allerdings mit einer Ausnahme: Seit ihrem Unfall greift sie bedenkenlos in Schlangenbottiche, sieht sich Horrorschocker an oder streift des Nachts durch die Schauplätze des Blair Witch Projekts: die unheimlichen, tiefen Wälder von Maryland. Sie empfindet keine Angst mehr, vor nichts und vor niemandem (Mehr zu diesem interessanten neurologischen Fall übrigens hier oder hier).

Kuriose Geschichte, die ich Ihnen aus einem besonderen Grund erzähle: In unseren Trainings erlebe ich immer wieder Menschen, die sich nichts sehnlicher wünschen, als GAR KEINE Angst zu empfinden. Keine Angst vor dem nächsten Interview, vor der nächsten Präsentation, dem nächsten Bewerbungsgespräch, der nächsten Prüfung. „Wenn ich GAR KEINE Angst empfinden würde, dann würde ich das Interview, die Präsentation, das Bewerbungsgespräch, die Prüfung, was auch immer ... sicher glänzend meistern.“

Wenn etwas schiefgeht, wird gerne ausschließlich die Angst dafür verantwortlich gemacht.

Um diesen Menschen zu helfen, erzähle ich ihnen gerne von dieser Fallstudie aus Amerika. Die zeigt nämlich, dass es gar nicht hilfreich ist, vor nichts eine Angst zu haben. Denn damit fehlt auch jeglicher Schutzmechanismus, jegliche Fähigkeit, eine Gefahr zu erkennen und sich darauf einzustellen. „Es ist ein Wunder, dass die Dame noch am Leben ist.“, erzählen die Psychologen, die sich mit ihrem Fall beschäftigen. Klar, denn wenn Sie keine Angst vor dem Schlangenbottich haben, dann werden Sie auch keine Bedenken haben, hineinzugreifen – mit der Folge, dass Sie sich dabei verletzen.

Das bedeutet, übertragen auf Ihre Disziplin des öffentlichen Auftritts: Wenn Sie vor dem nächsten Interview gar keinen Respekt haben, werden Sie sich in einer Sicherheit wiegen, die trügerisch sein kann; Sie werden ohne Bedenken ins Studio gehen – und dann Gefahr laufen, dem Journalisten ins offene Messer zu rennen.

Keine Angst haben zu wollen, ist keine gute Idee. Die bessere Idee ist immer, die Angst zum Anlass zu nehmen, das Ereignis vernünftig einzuschätzen – und sich ausreichend darauf vorzubereiten.

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