Eine Auszeit ist – eine Auszeit
Der Mann liebt seinen Job über alles. Und er ist gut und erfolgreich darin wie kaum ein zweiter. Dass der Hype um seine Person allerdings auch Schattenseiten hat, musste Gregor Schlierenzauer in den letzten Wochen hinnehmen. Mit der Ehrlichkeit, die ihm eigen ist, antwortete er in Sport am Sonntag auf die Frage von Boris Kastner-Jirka: „Ich habe seit 27. Dezember jeden Tag ein Interview gegeben. Es ist mir momentan ein bisschen zu viel.“
Zustände der Erschöpfung kennt jeder, und jeder wird sie diesem Hochleistungssportler gerne zugestehen. Und natürlich ist das in seinem Fall ein Luxusproblem – das gab Schlierenzauer beim Interview auch unumwunden zu. Trotzdem ist es kein Fehler, auch mit dieser Situation sorgsam umzugehen. Denn die Medien lässt so etwas natürlich aufhorchen: „Sorgen um Gregor Schlierenzauer“ titelte etwa die PRESSE gleich am Montag.
Was ist los mit ihm? Ist er krank? Hat er Burnout? Andere schwerwiegende Probleme, die wir nicht kennen? Die Phantasie lässt hier Spielraum für mannigfaltige Spekulationen. Dabei ist Schlierenzauer höchstwahrscheinlich tatsächlich einfach nur müde und wird beim nächsten Wettkampf wieder fliegen wie eh und je.
Als der Schweizer Weltklasse-Schifahrer Pirmin Zurbriggen zwei Wochen vor der WM in Bormio am Meniskus operiert wurde, sprach die eidgenössische Presse vom „Knie der Nation“. Als sich Andreas Herzog vor der Fußball-WM 1998 seinen Fuß verletzte, hieß dieser die „Zehe der Nation“. Und Michael Ballacks Unterschenkel, der sich kurz vor dem EM-Finale 2008 verhärtete, hieß „Wade der Nation“.
Auf diese Weise bekommen alle möglichen Körperteile von berühmten Sportlern den Beinamen „der Nation“, wenn sie vor wichtigen Wettkämpfen verletzt werden. Daran können Sie sehen: Sportler werden zu „Besitztümern“ einer ganzen Nation hochstilisiert. Diese Gefahr ist ein fester Bestandteil des Berufsalltags von Gregor Schlierenzauer. Wenn er einmal nicht kann, sorgt sich die Nation.
Dies ist einerseits eine schöne „Bestätigung“ für seine Leistung, aber andererseits auch eine Herausforderung: nämlich der Öffentlichkeit sorgfältig die Hintergründe von Auszeiten zu erklären, damit diese nicht zu viel Nahrung für Spekulationen bekommt.
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