Die kühlen Experten und ihr Herz
„Ich habe mich entschieden, einen Schlussstrich zu ziehen.“
Die Österreicher unter Ihnen erinnern sich vielleicht an die höchst emotionale Abschieds-Pressekonferenz, die Hermann Maier vor zwei Jahren gab. Weiter als bis zum Wort „Schlussstrich“ kam er nicht, denn da versagte ihm für eine Minute die Stimme, und er verlor den Kampf gegen die Tränen. Das Wort „Schlussstrich“ ist seither gleichsam im kollektiven Gedächtnis Österreichs hängen geblieben.
Gestern fand in Italien eine Pressekonferenz statt, die stark daran erinnerte. Die Sprecherin heißt in diesem Fall Elsa Fornero und ist seit Kurzem italienische Arbeitsministerin. Sie schickte sich an, den Pensionisten zu erklären, dass ihre Rente künftig nicht mehr jährlich um die Inflationsrate erhöht wird (was sie de facto sinken lässt), aber sie kam nicht weiter als bis zum Wort „Opfer bringen“, dann … siehe oben. Fornero brach in Tränen aus und konnte nicht weitersprechen.
Und falls Sie es nicht glauben: Wir sprechen hier tatsächlich über echte Gefühle - nicht über Krokodilstränen! Sehen Sie hier zum Beweis den Mitschnitt (… und beachten Sie daneben auch die sehr angenehme Reaktion des Kollegen auf dem Podium, seines Zeichens Regierungschef Mario Monti: „Du darfst Gefühle zeigen – aber korrigiere mich bitte!“):
Ist das also schlimm? Peinlich? Stören solcherart Gefühlsausbrüche die Glaubwürdigkeit oder das Image des Sprechers?
Ich würde sagen: Kommt darauf an.
Stefan Petzner zum Beispiel hat sein öffentlicher Weinkrampf nach dem Tod Jörg Haiders wohl nicht genützt. Sein Verhalten hat die Frage, in welcher Beziehung die beiden zu einander standen, eigentlich erst interessant und drängend gemacht. Und heute, drei Jahre danach, ist „der einstige politische Star von Haiders Gnaden tief gefallen“, wie die ZEIT unlängst schrieb.
Elsa Fornero muss sich davor eher nicht fürchten. Ganz im Gegenteil: Sie gilt im Augenblick als „Symbol für die Schmerzen Italiens“. Ihr Gefühlsausbruch war umso erstaunlicher, als die neue italienische Regierung bis gestern als „kühles Expertenkabinett“ galt. Aha! Die haben ja richtig Mitgefühl! – Das war jedenfalls DIE Entdeckung des Sonntags.
Sie sehen: Wenn Sie bei einem Interview oder einer Pressekonferenz ehrliche Gefühle zeigen, dann erzählt das dem Publikum etwas Wichtiges, nämlich: Sie sind mit dem Herzen dabei. Es erhöht also grundsätzlich Ihre Glaubwürdigkeit – aber nur unter der Voraussetzung, dass das Publikum sich mehrheitlich mit Ihnen identifizieren und Ihre Gefühle nachvollziehen kann.
Stefan Petzners Weinkrampf wurde vom Publikum als unangemessen empfunden, weil hier ein Gefühl geäußert wurde, das zwischen Liebhabern Platz hat, aber nicht zwischen Arbeitskollegen. Herrmann Maiers oder Elsa Forneros Tränen hingegen sind nachvollziehbar. Wenn ich eine Tätigkeit aufgebe, die ich geliebt habe, kann ich traurig sein. Wenn ich jemandem etwas wegnehmen muss, kann ich traurig sein. Und meine Trauer darüber auch zeigen.
Elsa Fornero hat jedenfalls erreicht, dass das Wort „Opfer bringen“ wahrscheinlich im kollektiven Gedächtnis der Italiener hängenbleibt.
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