Wer's glaubt ...
„Carla Bruni: Präsidentengattin und Kampagnengroupie“. An dieses Bild wird man sich in Frankreich jetzt gewöhnen müssen. Denn vor den Augen des französischen Wahlvolks spielt sich derzeit eine interessante Image-Korrektur ab. Rechtzeitig vor den Präsidentschaftswahlen im April gibt sich das Präsidenten-Ehepaar Nicolas Sarkozy und Carla Bruni neuerdings brav und familienfreundlich.
Carla Bruni als sorgsames Weibchen statt wie früher als verführerisches Supermodel, das das Wort „Monogamie“ langweilig findet: An ihrer Person wird das Ausmaß der Kehrwendung besonders deutlich. Ein Video, das zurzeit im Netz kursiert, zeigt zunächst den Präsidenten kurz vor seinem Wahlkampfauftakt auf TV1, und dann, nach einigen Sekunden, seine Frau, die ihm den Orden zurechtmacht und schließlich ein kleines Küsschen auf den Mund drückt:
Die Aufgaben sind dabei klar verteilt: Sarkozy ist der „harte, aggressive, mutige Wahlkämpfer“, Mütterchen Carla sorgt für die Idylle zu Hause. Er verbreitet, dass sein Kontrahent Hollande „von morgens bis abends lügt“, sie erzählt den Journalisten, wie sie ihrem Ehemann „zu 100% zur Seite steht“, wie sie mit ihrem Baby auf dem Bauch am Sofa liegend fernsieht und selbstredend auf die Programmwünsche ihres Mannes eingeht, wenn der einmal Sportsendungen sehen will.
Ob der Imagewandel funktioniert, wird man am Wahltag sehen. Was ich an der Kampagne bisher vermisse, ist die Plausibilität: Wenn eine Inszenierung so grundlegend und radikal geändert werden soll, braucht es irgendwann auch eine nachvollziehbare Begründung, einen sinnvollen Anlass für den Wandel.
Was um alles in der Welt ist passiert, dass ich jetzt lieber zu Hause fernsehe als meine Liebes-Chansons ins Mikrophon hauche? – Einen Hinweis darauf habe ich in den Interviews von Carla Bruni bisher nicht gefunden.
Happy Rücktritt
Dass der deutsche Bundespräsident Christian Wulff einem Rücktritt nicht entgehen kann, stand schon länger zu befürchten. Auch hier im Blog war seine Geschichte schon einmal Thema.
Und so erlebte Deutschland heute wieder einmal eine Rücktrittsrede, bei der zu seiner berühmten Vorgängerin, der Rücktrittsrede von Karl-Theodor zu Guttenberg, eine bemerkenswerte Parallele festzustellen ist: die Bagatellisierung. Beide, sowohl der Bundespräsident, als auch der Verteidigungsminister, weichen dem Punkt ihrer Grenzüberschreitung aus.
Wulff kann, in seinen Worten, vor allem deshalb nicht mehr Bundespräsident sein, weil er „das Vertrauen der Bevölkerung eingebüßt“ hat. Aber nicht, weil der Staatsanwalt gegen ihn ermittelt. Guttenberg konnte nicht mehr Verteidigungsminister sein, weil er „am Ende seiner Kräfte“ war. Aber nicht, weil er sich seine Doktorarbeit erschwindelt hat.
Eine kleine Überlegung zum Thema. Ingeborg Bachmann hat einmal gesagt: „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.“ Und ich bin mir nicht sicher, ob man auf Dauer sein Image retten kann, indem man Fakten umdeutet, die ohnehin für alle offenkundig zutage liegen.
Perfektion ist fad
Heute erlaube ich mir, eine Headline zu kopieren. „Perfektion ist fad“: So betitelte die ZEIT unlängst ein Interview mit dem Kabarettisten Josef Hader.
Was mich an diesem Statement so begeistert: Darin steckt im Grunde alles, was man beherzigen muss, um sich mental bestmöglich auf die Herausforderungen eines Auftritts einzustellen. Langjährige Erfahrung eines Könners, komprimiert und verdichtet auf drei Worte.
Josef Hader steht seit mehr als 20 Jahren auf der Bühne oder vor einer Kamera. Sein erstes Soloprogramm, „Privat“, spielte er seit 1994 im deutschsprachigen Raum vor etwa 500.000 Zuschauern. Seit 1985 erhielt er für seine Arbeit 21 Auszeichnungen, darunter die Kainz-Medaille, den Nestroy-Ring oder den Deutschen Fernsehpreis. Der Mann weiß, was es heißt, Ängste zu überwinden und vor Publikum bei sich zu bleiben.
Ich kann Ihnen nur empfehlen: Genehmigen Sie sich das Interview in einer ruhigen Minute! Jedes einzelne Wort darin lässt sich vorbehaltlos unterstreichen.
Wirken ohne Worte
Vergangenen Freitag im Deutschen Bundestag, gegen 10.00 Ortszeit: Marcel Reich-Ranicki hat soeben seine Rede zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus beendet. Im vollbesetzten Plenarsaal rührt sich niemand. Einige Abgeordnete heben ihre Hände zum Applaus, aber das Klatschen würde im Augenblick nur die Stille stören, also halten sie inne. So sitzen der Redner und sein Publikum einander eine gefühlte Ewigkeit lang schweigend gegenüber.
Der 27. Januar ist Mitte der 90er von Roman Herzog zum nationalen Gedenktag erklärt worden, der jedes Jahr im deutschen Parlament mit einer Feierstunde begangen wird. Der Anlass lädt also von Natur aus zum In-sich-Gehen ein. Und doch: Diese Reaktion des Publikums war weit mehr als eine „verordnete Schweigeminute“. Hier war die persönliche Betroffenheit jedes einzelnen Menschen im Raum deutlich spürbar. Und in diesem Augenblick war klar – Marcel Reich-Ranicki war der richtige Redner am richtigen Platz, und er hatte seine Sache richtig gemacht.
Welcher Redner würde sich nicht eine solche Reaktion wünschen – wenn das Publikum sich scheut zu applaudieren, weil es Rücksicht darauf nimmt, die allgemeine Atmosphäre der Betroffenheit und des Respekts nicht zu verletzen? Da weiß er: Er hat es richtig gemacht.
Was kann man richtig machen?
Ich rede hier von Marcel Reich-Ranicki, weil man an diesem Beispiel eine interessante Beobachtung machen kann. Schauen Sie ein wenig in den 30minütigen Mitschnitt hinein: Sie werden sehen, dass Marcel Reich-Ranicki in seiner Rede vieles tut, was ihrer Wirkung streng genommen großen Schaden zufügt.
Man würde dem blutigen Anfänger Sepp Huber, der die Kunst der Rhetorik erlernen möchte, zum Beispiel nie raten: Reden Sie undeutlich. Nuscheln Sie. Verschlucken Sie ganze Wortsilben, sodass Ihr Publikum über weite Strecken Mühe hat, Ihren Gedanken zu folgen. Aber all dies tut Marcel Reich-Ranicki in seiner Rede.
Natürlich ist vieles davon seinem Alter geschuldet, sowie der Tatsache, dass er im Vergleich zu seinen Glanzzeiten als Literaturkritiker stark abgebaut hat. Diese Fehler sind natürlich menschlicher Natur und nicht absichtlich, aber es sind Fehler. Würde hier nicht Marcel Reich-Ranicki sprechen, sondern eben Sepp Huber – man würde seine Rede in der Luft zerreißen. Aber bei ihm, Reich-Ranicki, hängt man wie gebannt an den Lippen.
Da drängt sich natürlich die Frage auf: Warum?
Ich möchte hier den guten alten Aristoteles als Gewährsmann für ein wichtiges Wirkprinzip anführen, das im rhetorischen Tagesgeschäft heute leider oft sträflich vernachlässigt wird. Aristoteles nannte es das „Ethos“ und meinte damit: den Charakter des Redners. Seine Autorität. Seine Glaubwürdigkeit.
Ethos ist da – oder nicht
„Ethos“ ist durch Argumente oder dramaturgische Tricks nicht herstellbar. Es ist das, was der Redner zu seiner Rede mitbringt: die gelebte Erfahrung in dem Inhalt, über den er spricht. Erfahrung, die vom Publikum anerkannt wird, bevor er noch das erste Wort gesprochen hat.
Marcel Reich-Ranicki war vergangenen Freitag im deutschen Bundestag der richtige Mann am richtigen Ort, weil er „Ethos“ besaß. „Es gilt das gelebte Wort“, titelte die FAZ am Wochenende und meinte damit, dass hinter jedem Wort, das Reich-Ranicki im Parlament aussprach, eine lebendige Erfahrung steckte. Er brachte Erfahrung als Betroffener mit und machte diese in konsequenter Manier auch zum Thema seiner Rede: Ich soll heute hier die Rede halten zum jährlichen Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus. Doch nicht als Historiker spreche ich, sondern als ein Zeitzeuge, genauer: als Überlebender des Warschauer Ghettos. So fängt seine Rede an.
„Ethos“ wirkt hier also nicht nur als Qualität des Redners, sondern auch als Thema der Rede. Und hat somit die bekannte außerordentliche Wirkung erzeugt.
Wenn Sie als Vortragender geladen sind, stellen Sie sich also bitte auch immer wieder diese Fragen: Habe ich gelebte Erfahrungen zum Inhalt? Wie kann ich diese zum Thema meiner Rede machen?

















