Intomedia Blog: Alles zwischen Sendern und Empfängern
11.05.2012

Info-Krieg ums Essen

von Stefan Schimmel

So wird Faschiertes vom Rind produziert: Fleischreste vom Schlachthof werden vom Knochen gelöst, in einer beheizten Zentrifuge geschleudert und anschließend mit Ammoniumhydroxid behandelt, um Salmonellen abzutöten.

Wenn Sie davon in einer Zeitung lesen – könnten Sie dann zu diesem Lebensmittel Zutrauen fassen?

Die US-Firma Beef Products Inc., die ihr „mageres, fein strukturiertes Rindfleisch“ auf diese Art herstellt, hat in den vergangenen Monaten vergeblich um das Image ihrer Produkte gekämpft und musste jetzt drei seiner vier Werke schließen und über 600 Mitarbeiter kündigen.

Da half es nichts, dass einiges für die Abwehrschlacht aufgeboten wurde: Aufklärung auf einer eigens dafür eingerichteten Website; Experten, die dem Produkt Sicherheit und Unbedenklichkeit attestierten; Gouverneur Terry Branstad, der vor versammelter Presse einen Hamburger mit Rindfleisch der Firma Beef Products degustierte und dabei den Tag der Werks-Schließung als „einen traurigen Tag für Iowa“ bezeichnete; der Hinweis, dass Ammoniumhydroxid in allen Lebensformen der Erde zu finden sei und in der Produktion vieler Lebensmittel eingesetzt werde.

Allein die Art der Herstellung ist irritierend, und den Amerikanern ist der Appetit auf ihr Rinds-Faschiertes gründlich vergangen. Und für das Unternehmen führen wohl keine Kampagne und kein Spin mehr aus diesem Tal heraus.


Tempo-Beschleunigung durch das Web 2.0


Das Schicksal der Firma Beef Products ist ein anschauliches Beispiel dafür, wie dynamisch und rasch gegenwärtig die Meinungsbildung über soziale Netzwerke funktioniert. Vor zehn Jahren ging alles noch gemächlich: Der Mikrobiologe Gerald Zirnstein untersuchte das Produkt im Jahr 2002 für das US-Landwirtschaftsministerium und nannte es „Pink Slime“, „rosa Pampe“ – auch das ist eine Bezeichnung, die nicht gerade Sympathie hervorruft. Und doch geschah lange nichts.

Bis Jamie Oliver das Thema aufs Tapet brachte und auf YouTube ein Video hochlud, das mit Hilfe einer Life-Demonstration zeigt, wie Pink Slime produziert wird:

Beobachten Sie die Reaktionen der Zuschauer im Video – life zur Schau gestellter Ekel ist in der Wirkung immer noch unübertroffen. Und führte dazu, dass das Thema in die Blogosphäre und bei Twitter Einzug hielt, zum Beispiel bei „The Lunch Tray“ mit einer Petition an den amerikanischen Kongress, Pink Slime an den Schulen nicht mehr zu verkaufen.

Schließlich sprangen auch die klassischen Medien wie der US-Sender ABC auf das Thema auf, alle mit dem gleichen Tenor: Pink Slime muss aus dem Speiseplan verschwinden. Worauf hin amerikanische Supermarkt- und Fastfood-Ketten die Konsequenzen zogen und das Produkt aus ihrem Sortiment nahmen.

Ist „Pink Slime“ also für die Gesundheit des Konsumenten schädlich? Keine Ahnung. Das Web 2.0 hat jedenfalls entschieden.

17.04.2012

News aus der Twitter-Sphäre

von Stefan Schimmel

Schöne Fundsache der letzten Wochen: Die Studie „Twitterpolitik“, die an der Universität Wien durchgeführt wurde und unlängst veröffentlicht worden ist. Für die Medien-Arbeit deshalb interessant, weil viele Journalisten den Nachrichtendienst Twitter als Informationsquelle nutzen, der bekannteste in Österreich ist sicher Armin Wolf.

Über das Thema wird in diesem Blog garantiert noch die Rede sein, im Augenblick gebe ich Ihnen zum Einlesen die Links zur Studie und zu den Kommentaren, die dazu in diversen Medien und Blogs erschienen sind:

die Studie im Wortlaut
Die Presse
Die Presse
Kurier
guensblog
Alexander Stocker

 

23.03.2012

Was für ein schöner Sonntag!

von Stefan Schimmel

Mit diesem Satz nahm Joachim Gauck vergangenes Wochenende seine Wahl zum deutschen Bundespräsidenten an.

Damit demonstrierte er eines seiner besonderen Talente: Große Gefühle in einfache, prägnante Worte zu kleiden, die viel mehr aussagen, als es im ersten Augenblick den Anschein hat – wenn man zum Beispiel weiß, dass Gauck denselben Satz auch am 18. März vor 22 Jahren gesprochen hatte, als er das erste Mal in senem Leben an freien, demokratischen Wahlen teilnehmen konnte.

Was für ein Satz! Was für eine Welt, die hinter diesen einfachen Worten steckt! Sie umfassen nicht weniger als mehrere Jahrzehnte gelebter Erfahrung im Bemühen um Freiheit und Bürgerrechte.

Foto: Sebastian Hillig

Genau diesen Ruf genießt Gauck bei vielen Deutschen: Dass er einer ist, der weiß, was es heißt, in Unfreiheit zu leben. Dass er kein Populist ist und mit einigem Aufwand an Pathos um Gerechtigkeit kämpft. Gauck ist ein Guter – so dachten und schrieben viele User auf Twitter bei seiner ersten Kandidatur im Jahr 2010.

Die Wahrheit steckt – wie immer dahinter

Aber dieses Talent der scharfzüngigen Prägnanz scheint für Gauck nicht nur ein Segen zu sein, denn es hat seine Gegner oft dazu eingeladen, an der Oberfläche hängenzubleiben. Twitter-Nachrichten der letzten Tage haben Gauck zum Beispiel jegliches Gespür für Probleme unserer Zeit abgesprochen, weil er die Occupy-Bewegung als „unsäglich albern“ bezeichnete.

Aber dabei unterschlug man geflissentlich, wie er seine Haltung begründet hatte: nämlich, dass eine Besetzung allein das Problem der Banken und der leeren Staatskassen nicht lösen könne.

Man hat Gauck vorgeworfen, er stecke mit Thilo Sarrazin unter einer Decke, weil er ihn „mutig“ finde. Dabei „vergaß“ man jedoch darauf hinzuweisen, dass dieses Zitat verkürzt aus einem Interview wiedergegeben wurde, das er 2010 der Süddeutschen Zeitung gegeben hatte. In diesem Interview identifizierte er sich keineswegs mit Sarrazins Ansichten – aber er attestierte ihm den Mut, sich aktiv mit kontroversiellen Themen auseinanderzusetzen.

Und die Lösung?

Ich möchte hier festhalten: Joachim Gauck hat ein Problem der Kommunikation, nicht der Persönlichkeit. Er ist ein Mann, dem man ein bisschen länger zuhören muss. Der die Tendenz hat, mehr zu sagen, als in einer 140 Zeichen umfassenden Twitter-Nachricht Platz findet. Joachim Gauck teilt damit das Schicksal aller Menschen, die in der Öffentlichkeit komplexe Zusammenhänge erklären sollen: Wie können sie ihre Inhalte so darstellen, dass sie einerseits anregend (und twittertauglich) sind, aber gleichzeitig ihre Tiefe nicht verleugnen?

Am Beispiel Joachim Gauck können wir sehen: Eine garantierte Lösung für dieses Problem gibt es nicht. Gauck IST ein absoluter Medien-Profi; er muss medientaugliches Sprechen nicht mehr lernen.

Aber er kann sich trotzdem die Frage stellen: Wenn ich einen Inhalt prägnant darstelle – kann er dann von Menschen, die mir übelwollen, gegen mich verwendet werden?

09.03.2012

Web 2.0: Das Vertrauen der Follower

von Stefan Schimmel

Wenn man eine Wahl gewinnen will, tut man gut daran, in sozialen Netzwerken präsent zu sein. Barack Obama hat das vor vier Jahren vorgemacht.

Und doch kommt man nicht darum herum, auf Volksfeste zu gehen, Hände zu schütteln, Babies zu küssen und den Apfelkuchen der Oma zu essen. Das soziale Netzwerk ersetzt nicht den zwischenmenschlichen Kontakt. Sagt der amerikanische Politikberater Jason Johnson, der zum Thema diese Woche an der Bayerischen Akademie der Presse einen Vortrag hielt.

Aber wie kann ich das Vertrauen meiner Follower im virtuellen Raum erringen?

Was für die Politik gut ist, ist für die Wirtschaft nicht ganz verkehrt. Also können wir von dem, was Jason Johnson sagt, ein paar Dinge mitnehmen. Zum Beispiel: Wenn man sich für die Präsenz in einem sozialen Netzwerk entscheidet, sollte man es mit ehrlicher Hingabe tun. Nicht so wie Mitt Romney, der einen Twitter-Account hat aber dort im Augenblick nicht viel mehr mitteilt als Präsident Obama zu widersprechen (no na!).

Oder: Man sollte achtgeben, welche Informationen man teilt. Man muss ja nicht gleich aufs Ganze gehen wie der Abgeordnete des US-Repräsentantenhauses Anthony Weiner (s. auch einen früheren Eintrag in diesem Blog), der seiner Herzallerliebsten über Twitter Fotos von gewissen Körperteilen sandte – und zurücktreten musste, weil er sie aus Versehen öffentlich gepostet hatte.

Da genügen auch schon viel "unscheinbarere" Dinge – etwa, dass verschiedene Twitterfeeds aus ein und demselben Büro widersprüchliche Botschaften enthalten. Der Demokrat Creigh Deeds, der 2009 für den Gouverneursposten in Virginia kandidierte, verbreitete zum Beispiel über Twitter, er wolle „die KFZ-Steuer senken“; sein Wahlkampfbüro sah es nicht ganz so eindeutig und verkündete gleichzeitig: „Creigh Deeds hat noch keine endgültige Meinung zu diesem Thema.“ Auf diese Weise hat sich Deeds seine Kampagne ruiniert und die Wahl verloren.

Seien Sie mitteilsam und seien Sie konsistent – dann wird man Sie in sozialen Netzwerken auch so wahrnehmen, wie Sie sich selbst gerne sehen. Und Ihnen mit Vertrauen begegnen.

03.11.2011

Menschen wollen mit Menschen sprechen

von Konstanze Wagenhofer

Geredet und getratscht wurde immer schon: Im Wirtshaus, am Kirchenvorplatz, an der berühmten Bassena. Auch vernetzt waren die Menschen immer schon: Die Neuigkeiten vom Kirchenvorplatz wanderten nicht selten beim Frühschoppen in neue Ohren. Es geht um Tratsch, um Gefühle, um den Ärger auf „die da oben“, um Besserwisserei, um Meinungsaustausch, oft einfach auch nur um die Suche nach Nähe.

Mit den Sozialen Netzwerken im Internet hat sich inhaltlich nicht viel verändert. Und dennoch bringt die Vernetzung von Millionen von Menschen in Sozialen Netzwerken einen Paradigmenwechsel. Unterhaltungen im virtuellen Raum sind teilweise öffentlich einsehbar wie auf twitter.com und den meisten Weblogs, oder zumindest einem viel größeren „FreundInnen“-Kreis zugänglich wie auf Facebook.com. Gerüchte können sich schneller verbreiten, Nachrichten finden schneller eine Öffentlichkeit. Nicht mehr das flüchtige gesprochene Wort regiert. Unterhaltungen sind heute für eine zumindest gefühlte Ewigkeit in Datenbanken gespeichert und abrufbar. Jeder kann publizieren. Unternehmen verlieren zunehmend die Kontrolle darüber, was über sie zu lesen ist. Es ist spielentscheidend, wie Unternehmen damit umgehen.

Auch ohne Krise: Das Ohr an der Community

Man stelle sich die Unterhaltungen in den Sozialen Netzwerken wie eine große Klangwolke vor, an die Unternehmen ihr Ohr legen können. Was wird über ihre Marken gesprochen? Was über die Mitbewerber? Welche Irrtümer sind im Umlauf? Welche Bedürfnisse und Anliegen hat die Zielgruppe und welche Trends setzt sie gerade? Monitoring heißt das – und ist das Minimum an Aktivität, das jede Firma betreiben sollte, um an der großen Unterhaltung teilzunehmen.

Zuhören heißt heute „Monitoring“

Ein gutes Gespräch beginnt immer noch mit Zuhören. Relevante Beiträge „herauszuhören“ wird durch zahlreiche Software-Produkte für Monitoring erleichtert. Was dabei aber nicht übersehen werden darf: Hard- und Software ermöglicht die Unterhaltungen in Sozialen Netzwerken. Das Gespräch findet aber zwischen Menschen statt (nicht etwa zwischen Unternehmen und ihrer Zielgruppe). Was ich damit meine? Unternehmen müssen sich von der Idee verabschieden, dass sie im Dialog mit den vielen (Many-to-Many-Communication) die Kontrolle über die Information behalten können. Sie müssen ihre Wahrnehmung dafür schärfen, dass die Zielgruppe aus Individuen mit eigenen Gefühlen, Ansichten und Bedürfnissen besteht und dass sich jeder Einzelne danach sehnt, als dieses Individuum, das er ist, wahr- und ernstgenommen zu werden. In sonnigen Tagen – und erst recht in Krisenzeiten.

Menschen brauchen Respekt

Wenn Menschen mit Menschen sprechen, dann erwarten sie im Gespräch Antworten auf ihre Fragen. Dann erwarten sie, dass ihre Gesprächsbeiträge – ob Lob oder Kritik – nicht arrogant vom Tisch gewischt werden. Sie erwarten Respekt. Und wenn sie sich selbst damit schwer tun, in ihren Beiträgen Respekt zu zeigen, kann es daran liegen, dass sie das Unternehmen als großes, gefühlloses, vielleicht sogar feindliches Ungeheuer empfinden und nicht als Verbund von Menschen, die in ihrer Arbeit ihr Bestes geben. Als Faustregeln kann ich nur raten, was jede menschliche Beziehung verbessert und vertieft: Zeigen Sie sich als Menschen.

Auf kritische Beiträge reagieren

Lassen Sie uns konkreter werden: Beim Monitoring finden Sie ein kritisches Posting, eine Beschwerde. Insbesondere, wenn der Beitrag krisenrelevant ist, reagieren Sie schnell. Damit meine ich im ersten Schritt nur, dass Sie zeigen sollen, dass Sie das Posting zur Kenntnis genommen haben. Menschen wollen gehört werden. Machen Sie keine voreiligen Versprechungen, stellen Sie keine Lösungen in Aussicht, die Sie vielleicht nie umsetzen können, versprechen Sie keine Antworten, die Sie nie liefern können. Widerstehen Sie Vertuschungen: Die Gefahr, erwischt zu werden, ist zu groß. Seien Sie ein Mensch, aber nehmen Sie nichts persönlich (die Wut bezieht sich nicht auf Sie, sondern auf das Unternehmen). Lassen Sie sich nicht auf ein Ping-Pong ein („schon wahr“ – „gar nicht wahr“). Verschanzen Sie sich nicht hinter der Macht Ihres Unternehmens und drohen Sie Ihren Kritikern nicht (mit Klagen, Zensur). Schüsse nach vorn gehen oft nach hinten los. Versuchen Sie die Motivation ihrer Kritiker zu verstehen: Einfach nur das Bedürfnis nach Aufmerksamkeit? Persönliche Betroffenheit? Empörung über Missstände? Versuchen Sie, aus den Beiträgen ein Einsicht zu gewinnen, wie Sie ihr Produkt oder Ihre Dienstleistung noch weiter verbessern können.

Zuhören – Aufklären – Lernen

Auch im (idealisierten) Krisenverlauf unterscheiden sich Soziale Netzwerke nicht so stark von der „real world“. Zuerst hören Sie zu und warten ab, bis sich die Aufregung gelegt hat. Dass Sie zuhören, signalisieren Sie durch Postings in den entsprechenden Foren. In der zweiten Phase informieren Sie: Übernehmen Sie Verantwortung, liefern Sie Fakten und Argumente, erklären sie Zusammenhänge – und wenn nötig, geben Sie Fehler zu. Damit leiten Sie bereits Phase 3 ein: Aus der Krise lernen und die Unternehmensperformance dadurch verbessern. Klar ist, dass angekündigte Verbesserungen auch umgesetzt werden müssen. Vergessen Sie nicht: The community is watching you!

Auch Mitarbeiter sind im Netz

Noch ein Wort zu den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Glaubt man den unterschiedlichen Statistiken über die Motiviertheit österreichischer Angestellter, dann liegt diese nie über 50 Prozent. Dieser Frust kann auch in Sozialen Netzwerken ihren Niederschlag finden. Denn auch Ihre Kolleginnen und Kollegen können zu jenen gehören, die in ihrer Freizeit vor dem Computer sitzen und sich mit der Welt verbinden. Es kann Naivität sein oder Verunsicherung, Mitteilungsdrang oder eben Frust, wenn Mitarbeiter ihr Unternehmen in Postings in ein schlechtes Licht rücken.

Motivierte, informierte Mitarbeiter, die wissen, wie sie sich in Sozialen Netzwerken bewegen, können – nicht zuletzt in einer Krise – wertvolle Stützen für ihr Unternehmen werden. Die Pflicht für Unternehmen sind Social Media Guidelines, denen alle Mitarbeiter verpflichtet sind. Die Kür ist „Empowerment“: Mitarbeiter mit Schulungen, Aufklärung und Information dabei zu unterstützen, wie sie sich an der großen Unterhaltung zum Vorteil des Unternehmens beteiligen können.

21.04.2011

Zurück zu den Wurzeln?

von Stefan Schimmel

In Amerika ist wieder Wahlkampf – das merkt man daran, dass Barack Obama seine Liebe zu Facebook erneuert. Gestern hat er in der Unternehmens-Zentrale in Palo Alto ein Interview gegeben, das per Live-Stream in die Community übertragen wurde.

Noch 2008 hatte er als Präsidentschaftskandidat das soziale Netzwerk unter seinen Konkurrenten mit Abstand am cleversten genutzt: Über Facebook generierte sich ein nicht unbeträchtlicher Teil seiner Wahlkampfspenden, und die junge Wählerschaft ließ sich auf diese Weise effektiv mobilisieren. „Grassroot-Kampagne“ nennen das die Strategen. Aber jetzt melden einige Medien Zweifel an, ob sich diese Bewegung so leicht wieder in Gang setzen lässt.

Das liegt nun definitiv nicht daran, dass der Auftritt an sich unprofessionell gewesen wäre – das war er ganz und gar nicht, wie immer bei Obama.

Er nannte das Ereignis „Town Hall Meeting“, in der amerikanischen Politik eine gängige Bezeichnung für eine Bürgerversammlung, bei der jedermann sich auf Augenhöhe mit Amtsträgern treffen und wichtige Themen bereden kann. Der Facebook-User konnte das Interview mit Mark Zuckerberg live verfolgen und Fragen posten, die der Präsident dann beantwortete. Auch thematisch kam die Zielgruppe sicher nicht zu kurz: Dass die zur Budgetsanierung fälligen Ausgabenkürzungen nicht zu Lasten der Jüngeren gehen würden, war ebenso mit dabei wie Steuererhöhungen für die Reichen – womit sich Mark Zuckerberg himself medienwirksam einverstanden erklärte.

Nein, das Problem liegt woanders: Wahlkampf, sagen die Amerikaner landläufig, ist Poesie. Regieren ist Prosa. Und vor lauter Regieren, sagen seine Kritiker, hat Obama vergessen, den Menschen seine Visionen zu erklären – also die Poesie fortzusetzen. Er hat aufgehört, die Bedürfnisse der einfachen Amerikaner, die ihn gewählt haben, wahrzunehmen und anzusprechen. Er hat die Beziehung zur Facebook-Community gänzlich abreißen lassen. Ein Kardinal-Vergehen gegen die Netzwerk-Etikette.

Alles wird jetzt davon abhängen, ob die Nutzer, die gestern am Meeting teilnahmen, die Veranstaltung als ehrliche Kontaktaufnahme wahrnehmen – oder als kalkuliertes Product Placement.

Verwandter Artikel:

Die Midterm-Abrechnung

09.03.2011

Web 2.0: Jedes Spiel hat Regeln

von Stefan Schimmel

Auch nackte Zahlen können sehr interessant sein, finde ich.

Also: Laut einer unlängst von der WKÖ veröffentlichten Studie nutzen zur Zeit 48% aller österreichischen Unternehmen soziale Netzwerke für ihre Kommunikation. Vergangenes Jahr waren es 39%. Tendenz also einigermaßen steigend.

Und weiter: Von diesen Unternehmen veröffentlichen 67% ihre Inhalte zumindest einmal pro Woche, 7% sogar mehrmals täglich. Auch wenn es sich bei letzteren wohl nur um kurze Twitter-Meldungen handelt: Am Fleiß scheint es nicht zu mangeln.

Aber: Nur 24,7% all dieser Unternehmen setzen sich klare Ziele für Ihre Internet-Aktivitäten.

Alle anderen schießen also offensichtlich aus der Hüfte. Das aber fleißig, nämlich mindestens einmal pro Woche. Eine ähnliche Befragung in Deutschland ergab übrigens ungefähr dasselbe Bild: Dort haben 81% aller im Netz aktiven Unternehmen keine klare Strategie. Und ganze 87% mussten nach einem Jahr ihre Erwartungen an das Medium korrigieren.

Setzen wir diesen Zahlen noch ein paar andere entgegen.

Das Hamburger Brand Science Institute  interessierte sich für die Empfänger-Seite und befragte die User: Von denen gaben 58% an, sich mindestens einmal über Facebook oder Twitter mit Fragen, Beschwerden oder Anregungen an ein Unternehmen gewandt zu haben.

Von diesen waren 61% mit der Reaktion unzufrieden und hatten das Gefühl, dass man auf ihre Bedürfnisse nicht angemessen eingegangen war.

Man muss hier kein großer Detektiv sein. Und viel mehr als die nackten Zahlen braucht man auch nicht, um zu verstehen, dass hier ein wichtiges Spiel immer noch ohne Kenntnis der Regeln gespielt wird. Und das um viel Geld.

01.09.2010

Social Media: Beratung ja, aber richtig

von Stefan Schimmel

Der „1. Social Media Summit“ in Wiesbaden geht zwar erst heute Abend zu Ende. Aber erste Nachrichten davon gehen selbstverständlich schon jetzt durchs Netz. Und die zeigen, dass die Grundfrage „Soll ich oder soll ich nicht?“ noch lange nicht gegessen ist.

Der Untertitel der Veranstaltung, „Social Media – Das neue Megathema für Marketing und Kommunikation“, stimmt zwar nicht ganz. Megathema: freilich, auch wenn es hier ziemlich großartig daherkommt; neu: das sicher nicht. Aber der Ansatz vieler Vortragender ist durchaus in Ordnung: „Social Media wird erwachsen.“

Das bedeutet: Der Hype der ersten Jahre ist vorbei, das Thema aber nicht. Die Möglichkeiten sind nach wie vor interessant. Aber: Unternehmen sollten keinen Beratern vertrauen, die sich als Gurus geben und ihnen das Blaue vom Himmel versprechen. Wer auf diesem Terrain sinnvoll als Berater tätig sein will, muss die Disziplin „Kommunikation“ von Grund auf verstehen, und Social Media als einen Teil davon, der fallweise sinnvoll angewandt werden kann.

Der - erfahrene - Berater Wolfgang Lünenburger-Reidenbach (hier sein Blog) hat dazu auf der Konferenz einen feinen Vortrag gehalten; er formuliert seine Meinungen mit einer wunderbaren Polemik und trifft daher sehr genau. Ich habe dem nichts hinzuzufügen:

19.07.2010

Facebook goes Hollywood

von Stefan Schimmel

Was wir jetzt schon wissen:

Es wird darum gehen, wie eine Idee die Kommunikation revolutionierte und ihren Erfinder zu einem der reichsten Menschen der Welt machte.

Zweitens: Justin Timberlake spielt mit (aber nicht in der Hauptrolle).

Und drittens: Mark Zuckerberg himself mag ihn nicht, wie er in einem Interview mit Kara Swisher zu Protokoll gab - den Film „The Social Network", der am 1. Oktober in die amerikanischen und 1 Woche später in unsere Kinos kommt.

David Kirkpatrick, Journalist beim Magazin Fortune, hat es in seinem Buch „The Facebook Effect“ vorgemacht, jetzt zieht Hollywood nach: Wenn ein Produkt dermaßen die Massen anzieht, dann sind natürlich die Hintergründe interessant. Man will wissen: Wer hat es erfunden? Wie kam er darauf? Was denkt er? Und vor allem: Was ist an seiner Idee so sexy, dass sich (laut der letzten Veröffentlichung von Facebook im vergangenen Februar) weltweit 400 Millionen User von ihr angezogen fühlen?

Ich muss sagen: Ich bin einigermaßen neugierig, ob der Film auf diese Fragen interessante Antworten gibt. Inzwischen zeige ich Ihnen hier den Trailer, den Columbia Pictures vor ein paar Tagen veröffentlicht hat:

29.03.2010

Medien sind wichtig. Freie Zeiteinteilung auch

von Stefan Schimmel

Dass das Web 2.0 sich zielstrebig gegenüber den „klassischen Medien“ wie Fernsehen, Radio und Zeitung emanzipiert, ist schon länger klar. Dass dies aber in so deutlichem Ausmaß geschieht, überrascht mich dann doch einigermaßen. Das Klagenfurter Humaninstitut hat heute in einer Studie zur Moral und zum Missbrauch von Medien ein paar interessante Zahlen veröffentlicht:

•  91% der Befragten gaben an, dass sich ihr „Mediengebrauchsverhalten generell von traditionellen Medien in Richtung der Neuen Medien“ geändert habe.

•  72% der Befragten gaben an, dass die Neuen Medien „mehr demokratische Bandbreite für eine objektive Berichterstattung“ bieten als die traditionellen Medien.

Technische Umschreibungen für ein hartes Faktum: Die Zahl der Fernseher, Radiohörer und Zeitungleser schwindet massiv. Gleichzeitig geht diesen Medien das Vertrauen in die Qualität der Inhalte verloren.

Aber noch eine Zahl ist interessant: Für 44% der Befragten ist „Zeitunabhängigkeit“ das wichtigste Argument für das Web 2.0. Ich kann ins Netz gehen, wann ich will, und muss mich nicht mehr an Programme halten, geschweige denn an fixe Orte wie etwa mein Wohnzimmer, wo mein Fernseher steht.

Ich denke: Das kann für die traditionellen Medien nur gut sein. Sie werden gegen die Neuen Medien den gleichen Kampf ausfechten müssen wie früher die Malerei gegen die Fotografie, das Theater gegen den Film, oder der Film gegen das Fernsehen. Sie werden ihre Qualitäten neu finden, ihre Trümpfe genau ansehen, ihre Alleinstellungsmerkmale sorgsam pflegen müssen.

Dann können sie eigentlich nur gewinnen.