Intomedia Blog: Alles zwischen Sendern und Empfängern
07.10.2011

Stay hungry and foolish

von Stefan Schimmel

Leben Sie nicht das Leben von jemand anderem. Verraten Sie niemals Ihre Intuition. Und: Bleiben Sie hungrig und kühn.

Dieses Lebensideal ist im modernen Sprachgebrauch so geläufig, dass man fast vergessen hat, wer es prägte.

Steve Jobs hat es vor ein paar Jahren in einer Rede in Stanford den Studenten mit auf ihre Lehrjahre gegeben:

Heute kann man sagen: Dieses Lebensideal ist gleichsam sein Vermächtnis an die Welt. Aber das ist noch nicht alles.

Da ist natürlich noch das, was Jobs selbst mit dieser Einstellung in der Welt erreicht hat: Nämlich nichts Geringeres, als ein Produkt so weiterzuentwickeln, dass es die menschliche Arbeit revolutioniert. Nichts Geringeres, als dieses Produkt so zu gestalten, dass es zum Kultobjekt geworden ist. Nichts Geringeres, als der Öffentlichkeit über dieses Produkt so zu erzählen, dass seine Marke unter den zehn wertvollsten der Welt rangiert.

Das konnte Steve Jobs am besten: eine inspirierende Geschichte über ein inspirierendes Produkt erzählen. Das Erzählen hat ihn selbst zur Marke gemacht. Das Erzählen ist sein allergrößtes Vermächtnis an die Welt.

01.07.2011

Kleines Ding ganz groß

von Stefan Schimmel

Ein kleines Mädchen legt die Hand auf die Arme einer Frau, die eigentlich viel größer sein müsste – eine sehr hübsche optische Täuschung, wie ich finde:

Die Täuschung wird klar, wenn man die Perspektive auf das Motiv verändert:

Ich finde solche optischen Täuschungen deshalb lehrreich, weil sie zeigen, dass die Dimension eines Gegenstands nur im Verhältnis zu seiner Umgebung deutlich wird. Was ist groß? Was ist klein? Das menschliche Auge kann die Größe eines Gegenstandes nur im Vergleich mit anderen Gegenständen richtig einschätzen. Und manchmal muss man, um eine gute Einschätzung zu treffen, einfach die Perspektive ändern.

Genauso verhält es sich auch in der Kommunikation.

Auf www.ted.com findet sich seit Kurzem der Vortrag des kanadischen Epidemiologen Bruce Aylward, der auf dem Gebiet der Bekämpfung von Krankheiten wie Polio (Kinderlähmung) tätig ist. Der Impfstoff gegen diese Krankheit steckt in einem unscheinbaren Fläschchen, das kleiner ist als der Teller einer Hand. Aber die Bedeutung dieses Impfstoffs für die Weltgesundheit kann, angesichts des schrecklichen Verlaufs der Krankheit für die Betroffenen, nicht hoch genug eingeschätzt werden.

Polio gilt in unseren Breiten als ausgerottet, deshalb haben wir vergessen, dass es diese Krankheit überhaupt gibt. Es ist das Ziel von Bruce Aylward, daran zu erinnern, dass sie in mehreren Ländern dieser Erde immer noch quicklebendig ist – und jederzeit zurückkommen kann, wenn man nicht achtgibt.

Also beginnt er seinen Vortrag damit, das unscheinbare Fläschchen mit dem Polio-Impfstoff in das richtige Verhältnis zu setzen – in das Verhältnis seiner Bedeutung. So verfliegt die „optische“ Täuschung, und wir können die wahre Dimension des Gegenstandes erkennen. Ein wunderschöner Beginn für einen Vortrag:

21.06.2011

Die Bundespräsidenten-Falle

von Stefan Schimmel

Ich kann mir lebhaft vorstellen, wie vergangene Woche im Büro von Christian Wulff die Berater-Köpfe rauchten. Am Freitag stand die „Berliner Rede“ auf dem Programm, die seit mehr als einem Jahrzehnt traditionell vom deutschen Bundespräsidenten gehalten wird. Ergebnis der Beratungen: Die Rede wurde dem polnischen Staatspräsidenten Bronislaw Komorowski anvertraut.

Kurioser Vorgang, der nichts mit Politik zu tun hat und deshalb für diesen Blog interessant ist.

Die „Berliner Rede“ ist 1997 das erste Mal von Roman Herzog gehalten worden. Diese Rede ist in der Öffentlichkeit bis heute bekannt – als sogenannte „Ruck-Rede“, weil Herzog darin über das „Durchbrechen von Reformblockaden“ sprach, um Deutschland fit zu machen für das 21. Jahrhundert. Sehen Sie hier einen Ausschnitt:

„Durch Deutschland muss ein Ruck gehen!“ – Dieses Zitat ist ein geflügeltes Wort bis heute, und jeder deutsche Politiker, der ein Minimum an Einfluss und Gestaltungswillen besitzt, muss sich seither immer wieder diese Frage gefallen lassen: Ist er eingetreten, der Ruck?

Der Schachzug des Christian Wulff

Seither gilt die „Berliner Rede“ als Ereignis, bei dem sich die Medien zentrale Botschaften und große Visionen für das Land erwarten, die vom Redner aber auch bitte so serviert werden sollen, dass dabei jedes Mal ein Ruck durch das Publikum geht.

An diesem Anspruch haben sich die Nachfolger seither erfolglos die Zähne ausgebissen. Die Rede hat mit der Zeit den Spitznamen „Bundespräsidenten-Falle“ erhalten, weil der Redner dabei scheitern MUSS. Johannes Rau ist mit seinen Versuchen genauso blass geblieben wie Horst Köhler.

Und Christian Wulff? – Ist ein von Natur aus sehr ruhiger Mensch, der lieber repräsentiert als auf den Tisch haut. Seine letzte bemerkenswerte Rede hielt er am 3. Oktober 2010, zum Tag der deutschen Einheit; seither hat er sich mit größeren Wortspenden vornehm zurückgehalten. Er ist der richtige Mann zur richtigen Zeit für dieses Amt, aber er ist kein großer Redner.

Also ist der Schachzug, für die „Berliner Rede“ einen Polen zu engagieren, der beste, den er und seine Berater in dieser Situation finden konnten. Das Ansehen des Bundespräsidenten wird nicht beschädigt. Und die Medien bekommen ein großes Thema serviert: Die deutsch-polnische Aussöhnung als Motor für die Entwicklung der Europäischen Union. Die Süddeutsche Zeitung zum Beispiel nahm das Angebot gerne an.

Ich erzähle Ihnen von diesem Vorgang aus einem bestimmten Grund. Denn in gewissem Sinne teilen alle Redner das Schicksal von Christian Wulff: Niemand kann sich die Umstände seines Auftritts aussuchen. Der Anlass steht fest, und auch das Publikum mit seiner Erwartungshaltung ist nicht austauschbar.

Zugegeben: Jemand anderen sprechen zu lassen, ist ein Privileg von Bundespräsidenten. Aber das Beispiel zeigt deutlich, dass jeder Redner grundsätzlich die Freiheit besitzt, mit seinem Rede-Auftrag nach eigenem Gutdünken umzugehen. Sie haben zum Beispiel sehr wohl die Wahl, Ihre eigene Meinung einzubringen, wenn es darum geht, die Stoßrichtung Ihrer Rede und Ihre Botschaft zu definieren.

Der Erfolg einer Rede hängt oft genau davon ab: Wie ausführlich man sich damit beschäftigt, welche Haltung man als Redner zum Thema vermitteln möchte. Genau das hat Roman Herzog in der Vorbereitung zu seiner ersten "Berliner Rede" gut gemacht. Und damit einen Mythos begründet.

26.04.2011

3 Dinge, die ich lernte, während mein Flugzeug abstürzte

von Stefan Schimmel

Einschneidende Erlebnisse können unsere Einstellung zum Leben radikal verändern. Das ist mir wieder einmal richtig bewusst geworden bei diesem wunderbaren Vortrag des Marketing-Experten Ric Elias auf der TED-Konferenz 2011 in Long Beach.

Der Mann war einer der 155 Überlebenden der Maschine von „Flug 1549“, die im Jänner 2009 kurz nach dem Start in LaGuardia in einen Vogelschwarm geriet und im Hudson-River notlanden musste; Sie erinnern sich sicher daran, dass man damals den Piloten Chesley Sullenberger als Helden feierte, weil kein Passagier zu Schaden gekommen war.

Etwas mehr als zwei Jahre danach sind aber auch noch andere Dinge interessant: Was ist aus diesen 155 Menschen geworden? Wie hat dieses Erlebnis ihr Leben verändert? – Nun, ein Beispiel sehen Sie hier, erzählt von Ric Elias:

Vielleicht fällt Ihnen auf, dass der Marketing-Mann hier so gar nicht in glatten Slogans oder typischen Marketing-Floskeln spricht.

„Ich will nichts mehr aufschieben.“

„Ich will die Zeit mit den Menschen, die ich liebe, sinnvoll nutzen.“

„Ich will meinen Kindern ein guter Vater sein.“

Klingt kitschig, nicht aber aus dem Mund dieses Mannes. Klar, denn er redet hier über seine ureigensten Erfahrungen. Über Dinge, die sein Leben definieren. Einschneidende Erlebnisse können uns nicht nur bewusst machen, wie schön und wertvoll das Leben sein kann, sie können noch etwas: Sie können uns bewusst machen, zu welchen Überzeugungen, die tagtäglich aus unserem Mund kommen, wir 100%ig stehen können, und welche Sätze reine Floskeln sind.

Auch wenn Sie nicht mit dem Flugzeug abgestürzt sind: Welche einschneidenden Dinge definieren eigentlich Ihr Leben?

17.02.2011

Vorbei ist daneben

von Stefan Schimmel

Unter all den Bildern der Revolution ist mir letzte Woche ein einzelnes Pressefoto immer wieder ins Auge gefallen. Das Besondere daran: Es bringt wunderbar auf den Punkt, was passiert, wenn man an der Erwartungshaltung seines Publikums vorbeispricht; sehen Sie sich das an:

Foto: dpa

Sie erinnern sich sicher an letzten Donnerstagabend: Hosni Mubarak hatte eine Rede angekündigt. Auf dem Tahrir-Platz in Kairo versammelten sich, wie an den Tagen zuvor, Hunderttausende von Menschen. Fernsehstationen auf der ganzen Welt brachten stundenlange Sondersendungen und Live-Schaltungen nach Ägypten. Man erwartete einen „historischen Augenblick“, denn der Diktator war bereits definitiv angezählt. Die USA oder Deutschland hatten eine Übergabe der Amtsgeschäfte verlangt. Der ganze Tahrir-Platz hoffte, dass Mubarak in dieser Rede seinen Rücktritt bekanntgeben werde.

Und dann sprach Mubarak zu den Menschen – aber er trat nicht zurück. Seine Rede war keine Rücktrittsrede, sondern eine Durchhalterede. Das war der Augenblick, in dem Fotokameras aus aller Welt Reaktionen des Entsetzens in den Gesichtern der Menschen festhielten.

Aber das Bild erzählt nicht nur von einem Moment der menschlichen Enttäuschung – sondern auch davon, dass Worte sinnlos sind, wenn ein Redner an den Hoffnungen und Sehnsüchten seines Publikums vorbeiredet. Da kann eine Rede noch so perfekt vorbereitet sein, da kann der Redner sich noch so ins Zeug legen – er wird an den Erwartungen seiner Zuseher scheitern.

In diesem Sinne möchte ich Ihnen dieses Foto mit auf den Weg Ihrer Vortrags- oder Rednerlaufbahn geben. Natürlich sind Sie kein Staatschef, und Sie werden in Ihrem Auditorium auch niemals revoltierenden Massen gegenüberstehen. Womit Sie allerdings sehr wohl konfrontiert sind: Mit Erwartungshaltungen, die Sie bitte nicht enttäuschen.

Mögen Sie niemals in Ihrem Publikum Reaktionen auslösen wie auf diesem Bild – das wünsche ich Ihnen!

17.12.2010

Alle Jahre wieder ...

von Stefan Schimmel

… kommt die Weihnachtsansprache.

In diesen Tagen werden, wie alle Jahre wieder, in hunderttausenden Unternehmen dieser Welt hunderttausende Vorgesetzte vor Millionen von Mitarbeitern treten und ihre Worte der Besinnung sprechen. Auf dass sich in der Belegschaft eine Stimmung ausbreite wie auf diesem Foto:

Ich gebe zu: Der erste Gedanke daran hat ein wenig meine zynische Ader angebohrt. Aber ich kann Ihnen versichern: Ich bin kein bösartiger Mensch, wirklich nicht. Ich denke nur: Tief in ihrem Herzen geht es vielen Menschen wie mir. Sie fürchten sich vor dem Augenblick dieser Ansprache, und zwar auf beiden Seiten: Sowohl wenn sie Vorgesetzte, als auch wenn sie Mitarbeiter sind.

Es ist da wie im privaten Leben auch: Weihnachten ist ein Fest des Friedens, aber gerade vor der wunderschön geschmückten Tanne brechen in Familien oft die giftigsten Streitereien aus – ohne dass man es eigentlich will. Ganze Ratgeber-Bibliotheken wurden über dieses Phänomen verfasst (hier ein Beispiel).

Deshalb gilt meine vollste Hochachtung all jenen, die eine Weihnachtsansprache halten sollen. Diese Menschen haben es wirklich nicht leicht. Wie spricht man, wenn es darum geht, dieser riesigen Herausforderung gerecht zu werden: Liebe und Geborgenheit zu verbreiten? Wie tut man das, ohne pathetisch oder kitschig zu werden?

Wie tut man das, wenn man nichts zu verschenken hat? Wenn im Unternehmen vielleicht der Unfriede herrscht? Wenn einem in Wahrheit nach Sorge oder Ärger zumute ist?

Der Grat zwischen Kitsch und Langeweile

Ich möchte Ihnen hier einen grundsätzlichen Rat geben. Ich zeige Ihnen dafür zwei Beispiele. Das erste ist eine Weihnachtsansprache, die der Bürgermeister der steirischen Gemeinde Gratkorn im vergangenen Jahr gehalten hat. Bevor Sie das Video ansehen, möchte ich vorausschicken: Mein Respekt gilt selbstverständlich auch ihm. Man sieht, wie er sich um Dankbarkeit und Besinnung bemüht. Und doch: Irgendwie wird man den Eindruck nicht los, hier würde ein Schüler sitzen, der mit heiligem Ernst ein auswendig gelerntes Gedicht aufsagt:

Die Frage ist: Glaubt man diesem Menschen seine Worte? Berühren sie uns?

Hier ist mein zweites Beispiel. Es ist ein wenig älter und in Österreich fast schon ein Mythos. Ich meine die berühmte Ansprache des Bundeskanzlers Leopold Figl am Weihnachtstag 1945 im österreichischen Rundfunk. Dieser Mann hatte wirklich nichts zu verschenken. Er hatte nichts als Ärger und Sorgen. Und der Friede war kaum ein halbes Jahr alt. Da sprach er die Worte, die jedem Österreicher heute noch geläufig sind:

„Ich kann euch zu Weihnachten nichts geben, ich kann euch für den Christbaum, wenn ihr überhaupt einen habt, keine Kerzen geben, kein Stück Brot, keine Kohle, kein Glas zum Einschneiden. Wir haben nichts. Ich kann euch nur bitten, glaubt an dieses Österreich!“

Hören Sie sich hier den Originalton des Zitates an; Sie werden anhand dieser wenigen Worte deutlich spüren: Hier spricht kein „Schüler“. Hier spricht einer ehrlich aus, wie ihm zumute ist – und ist dabei weder kitschig, noch pathetisch, noch kehrt er Dinge, die den Weihnachtsfrieden stören könnten, unter den Teppich. Wie gelingt das? - Weil hier jemand ohne Umschweife ausspricht, was ihn wirklich bewegt.

Und man versteht, warum gerade diese Worte den Österreichern bis heute gut im Gedächtnis geblieben sind.

In aller Kürze …

Was auch immer Sie Ihren Mitarbeitern zu Weihnachten sagen: Erstens – seien Sie dabei verbindlich. Zweitens – sagen Sie, was Sie wirklich bewegt. Das Beispiel Figl zeigt, dass Sie dabei Probleme nicht aussparen müssen. Und drittens – sagen Sie es ehrlich, sodass Ihnen jeder im Raum Ihre Worte auch glauben kann.

13.10.2010

Was uns Chile lehrt

von Stefan Schimmel

Heute Früh um 5.10 Uhr mitteleuropäischer Zeit ist der Bergmann Florencio Avalos aus der Stahlkapsel gestiegen, die ihn aus etwa 650 Metern Tiefe an die Erdoberfläche transportiert hatte. Er war einer der 33 Kumpel, die in der chilenischen Kupfermine San José seit 69 Tagen eingeschlossen sind. Zum zweiten Mal in seinem Leben hat dieser Mann, im wahrsten Sinne des Wortes, „das Licht der Welt erblickt“.

Mit diesen oder ähnlichen Worten beginnen heute die Aufmacher von zig Tausenden TV-Nachrichten, Radiosendungen oder Online-Meldungen auf der ganzen Welt. Zeitungsartikel und Magazine, Interviews, Einschätzungen, Reportagen und Feuilleton-Kommentare werden in den nächsten Tagen und Wochen folgen. Bücher brauchen ein bisschen Zeit, aber sie kommen sicher, und ich wette, dass es später, wie oft bei solchen Ereignissen, auch einen Film geben wird.

Ich finde dieses Ausmaß des Interesses bemerkenswert und lehrreich, und darüber möchte ich hier sprechen. Und eines vorausschicken: Ich wünsche allen Bergarbeitern und ihren Angehörigen von Herzen, dass die Rettung gelingt. Dass die Sorge ein Ende hat und das Leben für diese Menschen weitergehen kann.

Aber trotzdem: dieses unglaubliche Interesse!

Als Florencio Avalos heute Früh aus seiner Stahlkapsel stieg, konnte buchstäblich die ganze Welt daran Anteil nehmen. Und das live. Man stelle sich vor: Die sonst menschenleere Gegend der Atacama-Wüste, in der das Bergwerk liegt, erlebt im Augenblick einen Ansturm von mehr als 1.600 Journalisten – das sind so viele, wie sonst nur bei Weltwirtschaftsgipfeln oder Olympischen Spielen anwesend sind.

Foto: Martin Bernetti

Die TV-Teams, die vom chilenischen Militär am Betreten des Bohrungsgeländes gehindert werden, haben aus Bauholz 10 Meter hohe Beobachtungstürme gebaut, damit sie die Rettung aus der Ferne filmen können. In der benachbarten Bergstadt Copiapó wurde eine Leinwand aufgebaut, auf der jede Minute des Geschehens übertragen wird. Sender wie N24 oder das ZDF liefern Live-Streams in die deutschen Wohnzimmer. Das „Wunder von Chile“ – eine Reality-Soap für die ganze Welt.

Warum ist dieses Ereignis imstande, so viel Aufmerksamkeit und Energie zu binden? – Ich gebe hier zu bedenken: Auf der ganzen Welt kommen Menschen ums Leben. Jede Stunde, jeden Tag. Und oft unter tragischen Umständen. So traurig die Todesgefahr in Copiapó auch auf uns wirkt: etwas Besonderes ist sie nicht. In Bagdad sterben fast täglich Dutzende unschuldige Menschen durch die Bomben von Selbstmordattentätern, aber die berühmten „embedded journalists“ des Irak-Kriegs sind schon längst weitergezogen. Kaum ein Reporter interessiert sich mehr für das Leben und Sterben in Bagdad.

Natürlich könnte man das kritisieren. Aber Journalisten sind nicht mutwillig böse Menschen. Sie sind Erzähler und Verkäufer von Geschichten. Sie verdienen ihren Lebensunterhalt damit, dass sich andere Menschen für das interessieren, was sie von sich geben. Sie sind ein verlässlicher Spiegel der menschlichen Neugier. Sie entwickeln im Laufe ihres Berufslebens ein Gespür dafür, was mehrheitlich als spannend empfunden wird und was nicht.

Und warum man, wenn man eine gute Geschichte sucht, im Augenblick in die Atacama-Wüste fährt und nicht nach Bagdad.

Am Beispiel des Grubenunglücks in Chile sieht man deutlich: Es gibt Ereignisse, die so beschaffen sind, dass sie grundsätzlich das menschliche Interesse wecken. Die Amerikaner sagen dazu: Spannung „by nature“. Das heißt: Ein Ereignis, eine Tatsache oder ein Argument ist von Natur aus spannend, ohne dass der Erzähler Kniffe und Tricks anwenden müsste, um das Ganze attraktiv zu machen.

Was sind aber die Zutaten eines solchen Ereignisses? - Natürlich spielen Aktualität und Superlative eine Rolle. Noch nie waren Menschen so lange Zeit auf so engem Raum von der Außenwelt abgeschnitten, noch nie wurde eine Rettungsaktion aus so großer Tiefe erfolgreich durchgeführt. Und das alles jetzt, vor unseren Augen. Natürlich spielt auch menschliche Anteilnahme eine Rolle: persönliche Schicksale von Männern, die unten um ihr Leben kämpfen, und ihren Frauen, die oben um sie bangen.

Aber es gibt etwas, das einzigartig ist für dieses Bergwerk in Chile: Das Eingeschlossensein der Bergleute in dieser Tiefe ist gleichsam ein „verlängertes Sterben“. Die Männer sind dem Tod geweiht, aber es gibt noch Hoffnung. Das Äußerste – das nackte Leben – steht auf dem Spiel, aber es ist noch nicht verloren. Man kann noch kämpfen.

Aus diesem Wechselspiel zwischen dem Bemühen um ein Ziel und den Hindernissen, die auf dem Weg dahin auftauchen, entsteht Spannung.

Denn wir, das Publikum, stehen an der Erdoberfläche, wissen um die Vorgänge in der Tiefe und fragen uns ängstlich: Wie geht das aus? – Das ist die einfache Grundfrage des „Suspense“, des entscheidenden Grundbestandteils von Spannung. Jeder Kriminalfilm, jedes Computerspiel, jede Sportveranstaltung arbeitet mit diesem Prinzip, dieser Grundfrage: Wird der Mörder gefunden, wie geht das aus? Kann ich die Insel Myst durchqueren und dabei alle Geister besiegen, wie geht das aus? Schießt meine Lieblingsmannschaft das entscheidende Tor, wie geht das aus?

Werden bis morgen alle Kumpel gerettet werden? Auch diejenigen, die an ihrer Gesundheit oder Psyche angeknackst sind? Wie geht das aus? Wir können darauf gespannt sein. Und darüber hinaus jederzeit auch menschlichen Anteil nehmen.

08.10.2010

Wie sagt ein Bild mehr als tausend Worte?

von Stefan Schimmel

Geschichten verstärken Botschaften. Gutes Storytelling ist aber nicht nur mit Worten zu bewerkstelligen, sondern auch mit Bildern. Beispiele dafür kann man seit gestern in der „World Press Photo“-Wanderausstellung in der Wiener Galerie Westlicht sehen. Etwa das diesjährige Siegerphoto des italienischen Bildjournalisten Pietro Masturzo:

Foto: Pietro Masturzo

Auf den nächtlichen Dächern von Teheran rufen im Juni 2009 drei Frauen mit „Allahu Akbar“-Gebeten zum Protest gegen die Wiederwahl des Präsidenten Ahmadinejad auf. Wie viele andere Iraner und Iranerinnen verdächtigten sie ihn des Wahlbetrugs und waren in den Tagen davor gegen seine Wiederwahl auf die Straße gegangen. Revolution lag in der Luft.

Das zeigt das Bild. Aber dahinter verbirgt sich noch eine Geschichte. Dieselben Szenen hatte man nämlich in Teheran im Jahr 1979 beobachten können, als der Schah Reza Pahlavi durch die „Islamische Revolution“ tatsächlich gestürzt worden war. Mit dieser Anspielung verstärkt das Motiv seine erzählerische Kraft: die Sehnsucht dieser Frauen nach einem besseren Leben.

Wenn Sie Bilder als Hilfsmittel von Interviews, Pressekonferenzen oder Präsentationen einsetzen möchten, suchen Sie vor allem solche Fotos, die genau diese Qualität besitzen: Dass sie sich nämlich nicht auf die Abbildung eines Motivs beschränken, sondern dazu noch Geschichten erzählen, die die Botschaft des Bildes verstärken.

30.09.2010

Wie ich lernte, die Physik zu lieben

von Stefan Schimmel

Am Montagabend habe ich ein paar interessante Dinge gelernt, zum Beispiel:

Die neuen, per EU-Gesetz vorgeschriebenen Energiespar-Lampen sind deswegen nicht ideal, weil sie – im Gegensatz zur guten alten Glühbirne – keine Wärme abstrahlen. Die Energie, die man durch den niedrigeren Wattverbrauch einspart, verbraucht man im Gegenzug dadurch, dass man im Winter mehr heizen muss.

Oder: Das im Augenblick hochgejubelte Himalaya-Salz erhält seine rote Farbe durch große Anteile an Eisenoxid. Statt den Salat mit diesem Salz zu würzen, könnte man genauso gut einen rostigen Nagel hinein reiben.

Meine Lehrmeister waren in diesem Fall die „Science Busters“, also: die Physiker Heinz Oberhummer und Werner Gruber, sowie der Kabarettist Martin Puntigam. Und hiermit möchte ich dieses Wissenschafts-Kabarett all jenen aufs Allerwärmste ans Herz legen, die beides lieben: ernste Wissenschaft UND richtig guten Humor. Gelegenheiten gibt’s jedenfalls hier: im Wiener Rabenhof-Theater, in Deutschland und auf FM4.

Foto: Science Busters

„Vor der Physik sind alle gleich“

Warum diese Empfehlung? – Einmal: Die drei Herren sind WIRKLICH lustig. Ihr Eintrittsgeld ist dort gut angelegt, versprochen. Aber dann gibt es noch einen handfesten Hintergrund. Die Science Busters sind der lebendige Beweis dafür, dass Wissenschaft nicht nur etwas für abgehobene Freaks ist. Sie schaffen es mühelos, komplizierte Dinge verständlich zu erklären, sodass der einfache Mann von der Straße ihre Bedeutung erkennt und Freude daran hat.

Wenn Sie in Ihrem Berufsleben komplexe Sachverhalte vor einem unkundigen Publikum zu erklären haben – bei den Science Busters erhalten Sie Anhaltspunkte dafür, wie das gehen kann.

Erinnern Sie sich an Ihre Schulzeit, und Sie werden finden, dass Physik damals eines der meistgehassten Fächer war. Mir selbst ist es nicht anders ergangen. Und doch ist Physik allgegenwärtig. Die physikalischen Gesetze haben im Leben eines jeden einzelnen Menschen Gültigkeit. Diese einfache Tatsache ist mir am Montagabend erst richtig bewusst geworden. Der Abend mit den Science Busters stellt aber auch die Ursache klar: Niemand macht sich die Mühe, komplexe Inhalte einfach zu erklären.

Eines ist aber sicher: In Zeiten knapper Budgets muss auch die Wissenschaft in der Öffentlichkeit immer wieder ihren Nutzen rechtfertigen. Wenn Sie Wissenschafter(in) sind, werden Sie sich immer wieder von Ihren geistigen Höhenflügen verabschieden und in die Niederungen einfacher Erklärungsmuster „hinabsteigen“ müssen, sonst bekommen Sie kein Geld für Ihre Experimente.

Margaret Thatcher und die Higgs-Teilchen

Ein anderer sehr guter Kommunikator ist der Physiker Brian Cox. Auch diesen Mann empfehle ich Ihnen hier wärmstens. Cox ist Mitarbeiter des Teilchenbeschleunigers CERN in Genf. Als Physiker in den 80er Jahren bei der britischen Regierung um finanzielle Unterstützung für dieses Monsterprojekt ansuchten, soll Margaret Thatcher zu ihnen gesagt haben: „Wenn ihr Jungs mir erklären könnt, was zum Teufel ihr da plant, und zwar in einer Sprache, die ein Politiker versteht, dann bekommt ihr das Geld.“

Nun, sie konnten. Und Brian Cox ist ihr würdiger Nachfolger. Seit Jahren ist er für die BBC die erste Anlaufstation, wenn es um die Erklärung von Wissenschaft in den Medien geht (z. B. hier).

Ok, Sie haben Recht: Der Mann sieht gut aus; man könnte ihn sich auch als Frontsänger einer Boygroup vorstellen, vielleicht als den besten Freund von Robbie Williams. Kein Wunder, dass die BBC ihn mag. Aber: Brian Cox hat das Talent, seine Zuseherinnen nicht nur in ihn selbst verliebt zu machen, sondern vor allem in die Physik. Auch ich lernte mit seiner Hilfe, die Physik zu lieben.

Wie er das tut? – Ganz einfach: Metaphern. Brian Cox erklärt komplizierte Dinge mit Hilfe von Vorstellungen, von denen er sicher ist, dass alle seine Adressaten sie kennen. Ein wunderschönes Beispiel für die Romantiker unter Ihnen: Das Universum ist ein komplexes Gebilde, war aber in seinen Anfängen ganz einfach. Wie soll man sich das vorstellen? – Anhand einer Schneeflocke. Auch diese ist ein sehr komplexes Gebilde, doch wenn sie in Ihrer Hand schmilzt, wird sie zu etwas ganz Einfachem, nämlich Wasser, H2O.

Sehen Sie hier, wie man Margaret Thatcher die Funktionsweise eines Higgs-Teilchens erklärte:

23.09.2010

Die Enttäuschung des Sensenmanns

von Stefan Schimmel

Wenn man den letzten Werbespot der Mercedes E-Klasse im Fernsehen sieht, kann man intuitiv spüren: Seine Schöpfer haben einen verdammt guten Job gemacht. Aber muss man, um eine Geschichte so erzählen zu können, ein vom Himmel gefallenes Kreativgenie sein? – Eigentlich nicht. Denn der Trick, der dahinter steht, ist recht einfach.

Vielleicht ist Ihnen das schon passiert: Sie fahren über eine Landstraße, und wie das halt beim Autofahren oft so ist, hängen Sie dabei Ihren eigenen Gedanken nach. Plötzlich springt von der Seite ein Reh auf die Fahrbahn. Dass Sie in diesem Augenblick alle störenden Gedanken sofort über Bord werfen, dass Sie mit einem Mal hellwach, aufmerksam und auf das Problem fokussiert sein werden, versteht sich von selbst.

Diesen Effekt gibt es auch in der Erzählkunst; man nennt ihn das „Brechen von Erwartungen“. Gute Erzähler setzen ihn ein, um ihr Publikum zu dieser Art von Aufmerksamkeit zu animieren. Der Mercedes-Spot baut innerhalb von 40 Sekunden sogar drei Mal Erwartungen auf, um sie dann zu brechen. Das ist in der Tat meisterlich, sehen Sie selbst:

Sehen wir einmal ein bisschen genauer hin. Was erwarten wir, wenn wir den Spot sehen?

Ein eleganter Mercedes fährt durch einen winterlich verschneiten Wald. Dazu gibt es angenehme Klaviermusik. Wir erwarten – einen dieser abertausenden gewöhnlichen Auto-Spots, in denen gezeigt wird, wie ein cooler Schlitten über eine Landstraße fährt. Wir erwarten, dass wir jetzt zu sehen bekommen, was das Auto alles kann, und wie toll es ist.

Doch plötzlich schlägt der Ton um. Die Musik wird schräg. Wir sehen, wie den Fahrer ein unangenehmes Gefühl beschleicht. Die amerikanische Version des Spots zeigt übrigens am Straßenrand die Ortstafel von Saltville, Virginia, das in Amerika bekannt dafür ist, dass dort oft Geister gesichtet werden. Und plötzlich – sitzt der Tod am Beifahrersitz. (1. Bruch)

Was erwarten wir jetzt? – Wir hoffen, dass alles doch irgendwie gut ausgeht. Oder vielleicht zweifeln wir daran, ob diese Geschichte überhaupt ernst gemeint ist. Jedenfalls lacht der Tod spöttisch. Doch dann – entschuldigt er sich („Sorry“!), und es wird definitiv ernst: die Kamera zeigt uns durch die Windschutzscheibe diesen LKW, der quer über der Landstraße steht. Ein Unfall erscheint unvermeidlich. (2. Bruch)

Was erwarten wir jetzt? – Natürlich, dass der Lenker ungebremst in den LKW kracht. Doch der Mercedes meistert eine Bremsung, die unmöglich scheint. Der Fahrer schickt die Kutsche retour: „Sorry“. Der Sensenmann ist enttäuscht. (3. Bruch)

Und jetzt – brauchen die Erzähler nur mehr die Botschaft anzufügen, um den Sack zuzumachen: "Der Bremsassistent in der E-Klasse erkennt Gefahren und verstärkt die Bremskraft." Zur Verstärkung der Wirkung erklingt dazu wieder die angenehme Klaviermusik vom Anfang des Spots. Das ist das eigentlich Meisterliche an diesem Spot: Das Produkt wird nicht über die Behauptung dargestellt, sondern über die Geschichte. Die Geschichte ist der Beweis für seine Qualität.

Diese Technik können Sie natürlich auch in Präsentationen, Vorträgen oder Moderationen einsetzen. Die Einschätzung, die Sie dabei treffen müssen: Was wird das Publikum von mir und meinen Inhalten erwarten? Und wie kann ich diese Erwartungshaltung dann in eine andere Richtung lenken?