Intomedia Blog: Alles zwischen Sendern und Empfängern
02.05.2012

Wissenschaft begreifbar

von Stefan Schimmel

Eine Zelle, die – zum Wohl des Menschen, den sie bevölkert – Selbstmord begeht.
Eine App, die den Touristen durch Rom an Orte führt, deren weltpolitische Bedeutung man auf den ersten Blick nicht erkennt: Wo wurde Caesar ermordet?
Speichelproben, die zur Diagnostik von Krankheiten herangezogen werden und dem Patienten damit die schmerzhafte Blutabnahme ersparen können.
Drei Beispiele aus Kurzvorträgen, mit denen zehn junge WissenschaftlerInnen ihr Forschungsgebiet erklären.

Beim Präsentations-Wettbewerb „Famelab“ haben sie drei bis fünf Minuten Zeit, einen anschaulichen und spannenden Einblick in die Erkenntnisse ihrer Arbeit zu geben. Eine Jury aus Wissenschafts-Journalisten bewertet die Ergebnisse und kürt den Sieger – der (oder die) zum „Times Cheltenham Science Festival“ eingeladen wird, um sich dort der internationalen Konkurrenz zu stellen.

Das Österreich-Finale steigt am 14. Mai im Wiener Haus der Industrie. Nutzen Sie die Gelegenheit und sehen Sie den WettkämpferInnen bei der Arbeit zu! Besuchen Sie die Website des Wettbewerbs und bewerten Sie ihre Video-Auftritte! Sie erleben hier zehn Menschen, die die komplexe Materie, mit der sie sich jeden Tag beschäftigen, dem einfachen Publikum begreifbar machen – sodass wir alle imstande sind zu verstehen, in wiefern sie für unser Leben sinnvoll und bedeutsam ist.

Allein für diesen Vorsatz haben sich alle zehn den Sieg verdient.

28.03.2012

Vorhang auf für die Zukunft der Medizin

von Stefan Schimmel

Er scheint so etwas wie der Daniel Düsentrieb der Medizintechnik zu sein. Er heißt Myshkin Ingawale und hat einen Bluttest erfunden, bei dem der Arzt kein Blut abnehmen muss.

Kurios, aber genial einfach und absolut nützlich – denn das Gerät hilft in jenen Gegenden dieser Erde, wo das nächste medizinische Labor Hunderte von Kilometern entfernt ist, und wo Menschen sterben müssen, weil die wichtigsten Blutwerte nicht rasch analysiert werden können.

Ich zeige Ihnen seine Produktpräsentation auf ted.com, weil sie ein wunderbares Beispiel für „Action am Set“ darstellt (also das Veranschaulichen einer Funktionsweise durch die Live-Vorführung).

Aber es ist auch ein wunderbares Beispiel für den richtigen Moment der Inbetriebnahme. Beobachten Sie bitte, wie Ingawale das Produkt vorstellt: Technisch gesprochen kommt in seinem Vortrag zuerst der Problemaufriss, und dann das Ziel der Erfindung, das für einen gewöhnlichen Menschen schwer zu realisieren scheint. Dies weckt die Neugier des Publikums, das jetzt natürlich wissen will, wie es möglich ist, ein solches Gerät zu bauen, und: wie es funktioniert. Ist dieses Interesse einmal geweckt, ist der optimale Zeitpunkt für den Auftritt des „Stars“ gekommen. Der Applaus des Publikums ist dem entsprechend warm und ehrlich. Sehen Sie selbst:

Ich erlebe oft, dass Menschen wirklich spannende Geräte als Material für ihre Interviews, Pressekonferenzen oder Präsentationen zur Verfügung haben. Es muss ja nicht gleich eine neue, sensationelle Erfindung sein; ein einfacher, technischer Vorgang, der das Leben des Publikums leichter macht, reicht vollkommen aus.

Aber nehmen Sie das Gerät zu Ihrem Auftritt mit, verstecken Sie es nicht! Holen Sie es vor den Vorhang! Der gute Myshkin Ingawale mag eine kleine Anregung dafür sein.

23.03.2012

Was für ein schöner Sonntag!

von Stefan Schimmel

Mit diesem Satz nahm Joachim Gauck vergangenes Wochenende seine Wahl zum deutschen Bundespräsidenten an.

Damit demonstrierte er eines seiner besonderen Talente: Große Gefühle in einfache, prägnante Worte zu kleiden, die viel mehr aussagen, als es im ersten Augenblick den Anschein hat – wenn man zum Beispiel weiß, dass Gauck denselben Satz auch am 18. März vor 22 Jahren gesprochen hatte, als er das erste Mal in senem Leben an freien, demokratischen Wahlen teilnehmen konnte.

Was für ein Satz! Was für eine Welt, die hinter diesen einfachen Worten steckt! Sie umfassen nicht weniger als mehrere Jahrzehnte gelebter Erfahrung im Bemühen um Freiheit und Bürgerrechte.

Foto: Sebastian Hillig

Genau diesen Ruf genießt Gauck bei vielen Deutschen: Dass er einer ist, der weiß, was es heißt, in Unfreiheit zu leben. Dass er kein Populist ist und mit einigem Aufwand an Pathos um Gerechtigkeit kämpft. Gauck ist ein Guter – so dachten und schrieben viele User auf Twitter bei seiner ersten Kandidatur im Jahr 2010.

Die Wahrheit steckt – wie immer dahinter

Aber dieses Talent der scharfzüngigen Prägnanz scheint für Gauck nicht nur ein Segen zu sein, denn es hat seine Gegner oft dazu eingeladen, an der Oberfläche hängenzubleiben. Twitter-Nachrichten der letzten Tage haben Gauck zum Beispiel jegliches Gespür für Probleme unserer Zeit abgesprochen, weil er die Occupy-Bewegung als „unsäglich albern“ bezeichnete.

Aber dabei unterschlug man geflissentlich, wie er seine Haltung begründet hatte: nämlich, dass eine Besetzung allein das Problem der Banken und der leeren Staatskassen nicht lösen könne.

Man hat Gauck vorgeworfen, er stecke mit Thilo Sarrazin unter einer Decke, weil er ihn „mutig“ finde. Dabei „vergaß“ man jedoch darauf hinzuweisen, dass dieses Zitat verkürzt aus einem Interview wiedergegeben wurde, das er 2010 der Süddeutschen Zeitung gegeben hatte. In diesem Interview identifizierte er sich keineswegs mit Sarrazins Ansichten – aber er attestierte ihm den Mut, sich aktiv mit kontroversiellen Themen auseinanderzusetzen.

Und die Lösung?

Ich möchte hier festhalten: Joachim Gauck hat ein Problem der Kommunikation, nicht der Persönlichkeit. Er ist ein Mann, dem man ein bisschen länger zuhören muss. Der die Tendenz hat, mehr zu sagen, als in einer 140 Zeichen umfassenden Twitter-Nachricht Platz findet. Joachim Gauck teilt damit das Schicksal aller Menschen, die in der Öffentlichkeit komplexe Zusammenhänge erklären sollen: Wie können sie ihre Inhalte so darstellen, dass sie einerseits anregend (und twittertauglich) sind, aber gleichzeitig ihre Tiefe nicht verleugnen?

Am Beispiel Joachim Gauck können wir sehen: Eine garantierte Lösung für dieses Problem gibt es nicht. Gauck IST ein absoluter Medien-Profi; er muss medientaugliches Sprechen nicht mehr lernen.

Aber er kann sich trotzdem die Frage stellen: Wenn ich einen Inhalt prägnant darstelle – kann er dann von Menschen, die mir übelwollen, gegen mich verwendet werden?

02.03.2012

Die Wirkung der Unbekümmertheit

von Stefan Schimmel

Fußball ist ein Hobby, das Teenager leicht ausüben können – sie nehmen einen Ball und treffen sich mit ihren Kumpels im Park. Auch Violine spielen ist im Bereich des Möglichen – sie gehen in eine Musikschule und nehmen Unterricht. Aber wohin geht ein 12jähriger Junge, der den dringenden Wunsch verspürt, in seiner Freizeit Apps zu programmieren? Gibt es dafür „App Clubs“?

Diese Frage beantwortet Thomas Suarez in einem kleinen Vortrag, der unlängst auf ted.com hochgeladen worden ist:

Dass ein 12jähriger sein Herz in die Hand nimmt und sich vor mehrere hundert Zuschauer hinstellt, um ihnen aus seinem Leben zu erzählen, und das noch dazu in einer anregenden und sympathischen Art und Weise – das ist sicher nur in Amerika möglich. Und auch wenn die Gefahr des Voyeurismus immer gegeben ist („Gehen wir Wunderkind schauen!“): Auch Rad fahren, schwimmen oder Ski fahren will in jungen Jahren gelernt sein, dann tut man sich damit später wesentlich leichter. Insofern sollte uns anderen Europäern dieser kleine Vortrag zu denken geben.

Aber ich zeige Ihnen den Mitschnitt hier auch noch aus einem anderen Grund: nämlich die Art, wie der Junge mit der Herausforderung umgeht. Er verwendet das iPad als Gedankenstütze, was clever ist, weil es gleichzeitig auch das Werkzeug ist, mit dem er seine Apps gestaltet. Er präsentiert sich seinem Publikum also als echter Handwerker mit seinem wichtigsten Utensil.

Und er tut gar nicht erst so, wie wenn er seine Gedächtnisstütze nicht brauchen würde: Er holt sich seine Gedanken immer wieder vom iPad, konzentriert sich kurz und erklärt seine Punkte dann so, wie wenn er mit seinem besten App-Kumpel darüber reden würde. Wie wenn es das Selbstverständlichste der Welt wäre, vor fremden Menschen zu sprechen.

Dieses Verhalten macht ihn für sein Publikum sehr sympathisch. Und würde durchaus auch einem Erwachsenen gut anstehen.

08.02.2012

Perfektion ist fad

von Stefan Schimmel

Heute erlaube ich mir, eine Headline zu kopieren. „Perfektion ist fad“: So betitelte die ZEIT unlängst ein Interview mit dem Kabarettisten Josef Hader.

Was mich an diesem Statement so begeistert: Darin steckt im Grunde alles, was man beherzigen muss, um sich mental bestmöglich auf die Herausforderungen eines Auftritts einzustellen. Langjährige Erfahrung eines Könners, komprimiert und verdichtet auf drei Worte.

Josef Hader steht seit mehr als 20 Jahren auf der Bühne oder vor einer Kamera. Sein erstes Soloprogramm, „Privat“, spielte er seit 1994 im deutschsprachigen Raum vor etwa 500.000 Zuschauern. Seit 1985 erhielt er für seine Arbeit 21 Auszeichnungen, darunter die Kainz-Medaille, den Nestroy-Ring oder den Deutschen Fernsehpreis. Der Mann weiß, was es heißt, Ängste zu überwinden und vor Publikum bei sich zu bleiben.

Ich kann Ihnen nur empfehlen: Genehmigen Sie sich das Interview in einer ruhigen Minute! Jedes einzelne Wort darin lässt sich vorbehaltlos unterstreichen.

02.02.2012

Wirken ohne Worte

von Stefan Schimmel

Vergangenen Freitag im Deutschen Bundestag, gegen 10.00 Ortszeit: Marcel Reich-Ranicki hat soeben seine Rede zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus beendet. Im vollbesetzten Plenarsaal rührt sich niemand. Einige Abgeordnete heben ihre Hände zum Applaus, aber das Klatschen würde im Augenblick nur die Stille stören, also halten sie inne. So sitzen der Redner und sein Publikum einander eine gefühlte Ewigkeit lang schweigend gegenüber.

Der 27. Januar ist Mitte der 90er von Roman Herzog zum nationalen Gedenktag erklärt worden, der jedes Jahr im deutschen Parlament mit einer Feierstunde begangen wird. Der Anlass lädt also von Natur aus zum In-sich-Gehen ein. Und doch: Diese Reaktion des Publikums war weit mehr als eine „verordnete Schweigeminute“. Hier war die persönliche Betroffenheit jedes einzelnen Menschen im Raum deutlich spürbar. Und in diesem Augenblick war klar – Marcel Reich-Ranicki war der richtige Redner am richtigen Platz, und er hatte seine Sache richtig gemacht.

Welcher Redner würde sich nicht eine solche Reaktion wünschen – wenn das Publikum sich scheut zu applaudieren, weil es Rücksicht darauf nimmt, die allgemeine Atmosphäre der Betroffenheit und des Respekts nicht zu verletzen? Da weiß er: Er hat es richtig gemacht.

Was kann man richtig machen?

Ich rede hier von Marcel Reich-Ranicki, weil man an diesem Beispiel eine interessante Beobachtung machen kann. Schauen Sie ein wenig in den 30minütigen Mitschnitt hinein: Sie werden sehen, dass Marcel Reich-Ranicki in seiner Rede vieles tut, was ihrer Wirkung streng genommen großen Schaden zufügt.

Man würde dem blutigen Anfänger Sepp Huber, der die Kunst der Rhetorik erlernen möchte, zum Beispiel nie raten: Reden Sie undeutlich. Nuscheln Sie. Verschlucken Sie ganze Wortsilben, sodass Ihr Publikum über weite Strecken Mühe hat, Ihren Gedanken zu folgen. Aber all dies tut Marcel Reich-Ranicki in seiner Rede.

Natürlich ist vieles davon seinem Alter geschuldet, sowie der Tatsache, dass er im Vergleich zu seinen Glanzzeiten als Literaturkritiker stark abgebaut hat. Diese Fehler sind natürlich menschlicher Natur und nicht absichtlich, aber es sind Fehler. Würde hier nicht Marcel Reich-Ranicki sprechen, sondern eben Sepp Huber – man würde seine Rede in der Luft zerreißen. Aber bei ihm, Reich-Ranicki, hängt man wie gebannt an den Lippen.

Da drängt sich natürlich die Frage auf: Warum?

Ich möchte hier den guten alten Aristoteles als Gewährsmann für ein wichtiges Wirkprinzip anführen, das im rhetorischen Tagesgeschäft heute leider oft sträflich vernachlässigt wird. Aristoteles nannte es das „Ethos“ und meinte damit: den Charakter des Redners. Seine Autorität. Seine Glaubwürdigkeit.

Ethos ist da – oder nicht

„Ethos“ ist durch Argumente oder dramaturgische Tricks nicht herstellbar. Es ist das, was der Redner zu seiner Rede mitbringt: die gelebte Erfahrung in dem Inhalt, über den er spricht. Erfahrung, die vom Publikum anerkannt wird, bevor er noch das erste Wort gesprochen hat.

Marcel Reich-Ranicki war vergangenen Freitag im deutschen Bundestag der richtige Mann am richtigen Ort, weil er „Ethos“ besaß. „Es gilt das gelebte Wort“, titelte die FAZ am Wochenende und meinte damit, dass hinter jedem Wort, das Reich-Ranicki im Parlament aussprach, eine lebendige Erfahrung steckte. Er brachte Erfahrung als Betroffener mit und machte diese in konsequenter Manier auch zum Thema seiner Rede: Ich soll heute hier die Rede halten zum jährlichen Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus. Doch nicht als Historiker spreche ich, sondern als ein Zeitzeuge, genauer: als Überlebender des Warschauer Ghettos. So fängt seine Rede an.

„Ethos“ wirkt hier also nicht nur als Qualität des Redners, sondern auch als Thema der Rede. Und hat somit die bekannte außerordentliche Wirkung erzeugt.

Wenn Sie als Vortragender geladen sind, stellen Sie sich also bitte auch immer wieder diese Fragen: Habe ich gelebte Erfahrungen zum Inhalt? Wie kann ich diese zum Thema meiner Rede machen?

23.01.2012

Einfach erklärt 3 – Warum ist der Himmel blau?

von Stefan Schimmel

Einmal im Jahr will es John Brockman genauer wissen: Er befragt Künstler und Intellektuelle nach ihrer Lieblingserklärung von komplizierten wissenschaftlichen Phänomenen.

What is your favorite deep, elegant or beautiful explanation?”, so der genaue Wortlaut der Frage, auf die er in diesem Jahr 192 Antworten namhafter Persönlichkeiten bekam, etwa vom Experimental-Psychologen Steven Pinker, vom Musiker und Produzenten Brian Eno oder vom Quantenphysiker Anton Zeilinger.

Die „Schönheitsköniginnen“ der Befragung sind zum Beispiel Einsteins Relativitäts-Theorie, Darwins Evolutions-Theorie oder Keplers Erklärung der Planetenbewegung.

Ist die Wahrheit schön?

Der Dichter John Keats sagte einmal: „Beauty is truth, and truth is beauty.“

Lässt sich diese Aussage auch auf die Wissenschaft anwenden? – Wenn man den Antworten der Befragung Glauben schenkt, auf jeden Fall: Ästhetische Kriterien, sagen die Befragten, sind für ein wissenschaftliches Urteil wichtig. Die Schönheit und Einfachheit einer These gelten als Indiz für deren Wahrheit.

Bestes Beispiel dafür ist Albert Einstein, der von seiner wahrlich bahnbrechenden Relativitätstheorie behauptete, dass sie keine experimentelle Bestätigung brauche – denn sie sei „so schön, dass sie wahr sein muss!“

Warum ist das so? – Weil Einfachheit und Schönheit Ergebnisse einer Durchdringung sind. Ich kann eine Lösung nur dann einfach und schön darstellen, wenn ich das Problem von Grund auf verstanden habe.

Eines der kompliziertesten Probleme der Wissenschaft ist zum Beispiel die Frage, warum der Himmel eine Farbe hat, wo doch die Luft vor unseren Augen transparent ist. Die Geschichte der Lösung dieser Frage würde ganze Bibliotheken von Erklärungsmodellen und physikalischen und mathematischen Formeln füllen. Und doch ist die letztgültige Antwort ganz einfach:

Kürzere Wellenlängen, wie zum Beispiel das blaue Licht, werden beim Eintritt in die Erdatmosphäre stärker gestreut als lange Wellenlängen. Wir sehen den Himmel blau, weil unsere Augen unter allen kurzen Wellenlängen auf das blaue Licht am empfindlichsten reagieren.

Einfach vs. vereinfacht

Dieses Beispiel passt hier deshalb so gut, weil das Problem die Menschheit seit Jahrtausenden beschäftigt. Die Frage, warum der Himmel blau ist, stellt sich jedes kleine Kind, aber auch die größten Wissenschaftler aller Zeiten von Aristoteles über Da Vinci, Newton, Kepler, Descartes, ja sogar Einstein haben sie zu beantworten versucht. Die einfache Lösung ist erst nach jahrhundertelangem Nachdenken und Durchdringen des Problems zustande gekommen.

Was lernen wir also daraus? – Einfachheit hat nichts mit Vereinfachung zu tun. Einfache und schöne Erklärungen sind nicht nur praktikabel für Journalisten im Interview, sie sind auch ein Indiz dafür, ob wir über das Problem genügend nachgedacht und es durchdrungen haben.

Ob wir überhaupt verstehen, wovon wir sprechen.

21.12.2011

Einfach erklärt 2: Das Gottesteilchen

von Stefan Schimmel

Das ominöse "Higgs-Teilchen" ist Kernphysikern zufolge für die Schwerkraft verantwortlich. Es ist die Ursache dafür, dass wir alle auf der Erde „klebenbleiben“ und nicht wie fliegende Urteilchen haltlos durch das Universum sausen.

Ein wichtiger Job. Aber mit Gott hat das Teilchen nichts zu tun.

Der Name geht auf eine Verballhornung zurück: Der Physik-Nobelpreisträger Leon Lederman scheint sich dermaßen in das umstrittene Problem der Schwerkraft verbissen zu haben, dass er das Higgs-Teilchen in einem Text als „gottverdammtes Teilchen“ („goddam particle“) bezeichnete – was den offensichtlich über den Kraftausdruck erschrockenen Lektor dazu veranlasste, den Begriff zu zähmen. Und dabei zu verfälschen.

Das „Gottesteilchen“ („God particle“) war geboren und ist seither aus der wissenschaftlichen Berichterstattung nicht mehr wegzudenken.

Die Erklärung von Unerklärlichem

Das Teilchen ist deshalb „gottverdammt“, weil es bisher noch niemand gesehen hat. Aber es muss existieren, sonst würden sämtliche Theorien und Rechenmodelle, die in den letzten 50 Jahren den Aufbau des Universums erklärten, nicht stimmen.

Wie sieht das Teilchen also aus? Wie kann ich es mir vorstellen?

Eine sehr hübsche Erklärung hat, wie ich finde, der britische Physiker David Miller gefunden. Auf diese Art erklärte man in den 80er Jahren Margaret Thatcher die Existenz des Higgs-Teilchens, um finanzielle Unterstützung für den Teilchenbeschleuniger LHC in Genf zu lukrieren:

Die Teilnehmer einer politischen Feier sind gleichmäßig in einem Raum verteilt. Da kommt Margaret Thatcher herein und schreitet durch die Menge:

Augenblicklich bildet sich um sie herum eine Menschentraube. Dadurch erhält sie eine größere Masse. Wenn sie sich nun weiter in den Raum hinein bewegt, treten neue Partyteilnehmer auf sie zu, während andere sich von ihr abwenden, um sich ihren ursprünglichen Gesprächspartnern zu widmen.

Diesen Weg der Margaret Thatcher durch den Partyraum kann man, so Miller, mit dem Weg eines „Higgs-Teilchens“ durch ein „Higgs-Feld“ vergleichen. Während sich das Teilchen durch den Raum bewegt, erhält es dadurch mehr Masse, dass sich andere Teilchen mit ihm verbinden.

Durch die Verbindung zwischen Teilchen wächst die Masse des Ganzen. Das könnte man glatt als schöne Metapher für Weihnachten verstehen.

25.11.2011

Einfach erklärt 1: Wie die Finanzkrise entstand

von Stefan Schimmel

Heute etwas für Menschen mit Galgenhumor – der „Finanz-Kabarettist“ Chin Meyer erklärt im ZDF bei Markus Lanz die Finanzkrise, so dass sie jedermann versteht; und mir obendrein das berühmte Lachen im Halse steckenbleibt. Sehen Sie selbst:

Man nehme einfache Worte und erkläre damit komplizierte Dinge. Dieser Satz von Arthur Schopenhauer ist hier vorbildlich durchexerziert. Natürlich sind wir nicht alle so talentierte Kabarettisten wie Chin Meyer. Aber wir haben alle einen gesunden Hausverstand und können uns auf die Suche machen nach sinnhaften Vergleichen, die dem Publikum das Verständnis erleichtern.

In diesem Sinne frohes Suchen!

Und einen herzlichen Dank an Volker Piesczek für den Hinweis!


Ähnliche Artikel:

Die BAWAG-Affäre oder: Was ist ein Gerichtsurteil?
Wie ich lernte, die Physik zu lieben

23.09.2011

Darf man denn das?

von Stefan Schimmel

„Das hatten wir schon einmal.“ Dieser Satz der Finanzministerin Maria Fekter ließ in den letzten Tagen in Österreich – wieder einmal – eine Uralt-Diskussion hochkochen.

Dabei geht es im Prinzip um zwei Grundwerte, die in allen demokratischen Gesellschaften gültig sind: die Meinungsfreiheit und die Menschenwürde. Die Frage, die in der Diskussion aufgeworfen wird, lautet so: Darf man, um in der Öffentlichkeit frei seine Meinung zu äußern, die Würde anderer Menschen verletzen?

Welcher dieser beiden Werte steht höher?

Beim Treffen der EU-Finanzminister vergangenen Freitag hatte Maria Fekter in einem Interview vor aktuellen Feindbildern gegen Banken, Reiche und Vermögende gewarnt: „So etwas hatten wir schon einmal, damals verbrämt gegen die Juden, aber damals waren ähnliche Gruppierungen gemeint. Das hat zwei Mal im Krieg geendet.“

Diese Aussage hat in der Öffentlichkeit heftige Reaktionen ausgelöst. Michael Spindelegger forderte am Sonntag in der Pressestunde des ORF seine Parteikollegin auf, sich zu entschuldigen. Was sie auf der Homepage der ÖVP auch prompt tat.

Aber damit war es noch nicht getan: Der Club 2 sah Gesprächsbedarf und lud am Mittwoch zu einer Diskussion mit dem Thema: „Politisch über-korrekt: Was darf man noch sagen?“. Bei dieser Diskussion konnte man über weite Strecken beobachten, wie eine politisch unkorrekte deutsche Eva Herman von sechs politisch korrekten Österreichern gedroschen wurde. Das machte alles einen moralisch recht hochwertigen Eindruck, hat aber zur Klärung der Frage kaum beigetragen.

Tabus sind Effekte

Ich finde, dass der Kern des Problems bei dieser Diskussion zu wenig beachtet worden ist: nämlich die Annahme der SprecherInnen, dass ihr Argument in der Öffentlichkeit nur dann Gehör findet, wenn es mit möglichst lautem Krach und Getöse vorgetragen wird. Hauptsache also, der Effekt stimmt.

Mit dem Ziel, ihren Aussagen Gehör zu verschaffen, verwenden SprecherInnen gerne tabuisierte Nazi-Vergleiche oder rassistische oder sonst irgendwie diskriminierende Aussagen. Mit diesem Ziel greifen sie zu Provokationen, die sie nachträglich zurücknehmen oder relativieren. Auch in diesem Blog wurde schon zwei Mal über solche Beispiele geschrieben, siehe hier und hier.

Das Problem dabei: Diese Taktik ist immer ein Schuss ins Knie. Warum? – Weil in der öffentlichen Aufmerksamkeit jedes noch so interessante oder nützliche Argument verlässlich hinter dem allgemeinen Geheul über den Tabu-Bruch verschwindet.

Schlag nach bei Maria Fekter: Das, was die Finanzministerin bei ihrem Interview eigentlich sagen wollte, macht absolut Sinn. „Es ging mir einzig und allein darum, auf die Wichtigkeit des gesellschaftlichen Zusammenhalts und des Friedens (in der EU) hinzuweisen und mahnende Worte gegen Feindbilder und Hetze zu finden.“ (Zitat aus ihrer Entschuldigung auf der ÖVP-Homepage)

Oho. Das ist doch interessant!

Da würde ich mir wünschen, dass es in der EU noch mehr prominente Menschen gäbe, die in Zeiten wie diesen Solidarität und inneren Zusammenhalt predigen. Aber Fekters Meinung ist in der öffentlichen Wahrnehmung der letzten Tage völlig unwichtig geworden, weil alle nur mehr über ihren Nazi-Sager debattieren. Da stellt sich mir die grundsätzliche Frage: Geht es nicht auch anders? Wie könnte man einem starken Argument Gehör verschaffen, ohne die Tabu-Keule zu schwingen?

Mein Fazit deshalb: Die Frage „Darf man denn das?“ ist nicht nur eine Frage nach demokratischen und moralischen Grundwerten. Es ist eine Frage der Kommunikationsstrategie. Und des gesunden Menschenverstandes.