Intomedia Blog: Alles zwischen Sendern und Empfängern
11.05.2012

Info-Krieg ums Essen

von Stefan Schimmel

So wird Faschiertes vom Rind produziert: Fleischreste vom Schlachthof werden vom Knochen gelöst, in einer beheizten Zentrifuge geschleudert und anschließend mit Ammoniumhydroxid behandelt, um Salmonellen abzutöten.

Wenn Sie davon in einer Zeitung lesen – könnten Sie dann zu diesem Lebensmittel Zutrauen fassen?

Die US-Firma Beef Products Inc., die ihr „mageres, fein strukturiertes Rindfleisch“ auf diese Art herstellt, hat in den vergangenen Monaten vergeblich um das Image ihrer Produkte gekämpft und musste jetzt drei seiner vier Werke schließen und über 600 Mitarbeiter kündigen.

Da half es nichts, dass einiges für die Abwehrschlacht aufgeboten wurde: Aufklärung auf einer eigens dafür eingerichteten Website; Experten, die dem Produkt Sicherheit und Unbedenklichkeit attestierten; Gouverneur Terry Branstad, der vor versammelter Presse einen Hamburger mit Rindfleisch der Firma Beef Products degustierte und dabei den Tag der Werks-Schließung als „einen traurigen Tag für Iowa“ bezeichnete; der Hinweis, dass Ammoniumhydroxid in allen Lebensformen der Erde zu finden sei und in der Produktion vieler Lebensmittel eingesetzt werde.

Allein die Art der Herstellung ist irritierend, und den Amerikanern ist der Appetit auf ihr Rinds-Faschiertes gründlich vergangen. Und für das Unternehmen führen wohl keine Kampagne und kein Spin mehr aus diesem Tal heraus.


Tempo-Beschleunigung durch das Web 2.0


Das Schicksal der Firma Beef Products ist ein anschauliches Beispiel dafür, wie dynamisch und rasch gegenwärtig die Meinungsbildung über soziale Netzwerke funktioniert. Vor zehn Jahren ging alles noch gemächlich: Der Mikrobiologe Gerald Zirnstein untersuchte das Produkt im Jahr 2002 für das US-Landwirtschaftsministerium und nannte es „Pink Slime“, „rosa Pampe“ – auch das ist eine Bezeichnung, die nicht gerade Sympathie hervorruft. Und doch geschah lange nichts.

Bis Jamie Oliver das Thema aufs Tapet brachte und auf YouTube ein Video hochlud, das mit Hilfe einer Life-Demonstration zeigt, wie Pink Slime produziert wird:

Beobachten Sie die Reaktionen der Zuschauer im Video – life zur Schau gestellter Ekel ist in der Wirkung immer noch unübertroffen. Und führte dazu, dass das Thema in die Blogosphäre und bei Twitter Einzug hielt, zum Beispiel bei „The Lunch Tray“ mit einer Petition an den amerikanischen Kongress, Pink Slime an den Schulen nicht mehr zu verkaufen.

Schließlich sprangen auch die klassischen Medien wie der US-Sender ABC auf das Thema auf, alle mit dem gleichen Tenor: Pink Slime muss aus dem Speiseplan verschwinden. Worauf hin amerikanische Supermarkt- und Fastfood-Ketten die Konsequenzen zogen und das Produkt aus ihrem Sortiment nahmen.

Ist „Pink Slime“ also für die Gesundheit des Konsumenten schädlich? Keine Ahnung. Das Web 2.0 hat jedenfalls entschieden.

13.04.2012

Die Grausamkeit der Journalisten

von Stefan Schimmel

Er fragte Ayatollah Khomeini, ob er wahnsinnig sei. Dass er vom Zustand der russischen Demokratie nichts halte, sagte er Wladimir Putin direkt ins Gesicht. Yassir Arafat warf er vor, für die Gewalt in Palästina verantwortlich zu sein. Politisch korrekt war der Mann sicher nicht. Er war schließlich Journalist.

Seine Kollegen nannten ihn den "Pitbull der Medien" und beschrieben seine Fragetechniken so: „Er fragte nicht, er verhörte.“ Er selbst wollte „hart aber fair“ auf seinen Grabstein geschrieben haben und bekannte sich stets zu seinen zwei Grundsätzen: der Suche nach der Wahrheit und der Frage, wie diese für das Publikum spannend aufzubereiten sei.

Am Sonntag ist Mike Wallace, Inbegriff des „rasenden Fernsehreporters“, im Alter von 93 Jahren gestorben.

Foto: Terry Ballard

Mike Wallace ist bekannt dafür, die Grausamkeit des investigativen Journalisten erfunden zu haben. Wobei er sich als Wolf im Schafspelz verhielt: Seine Interview-Sendung „60 Minutes“, Höhepunkt des Sonntagabends auf CBS, gestaltete er wie ein privates Gespräch unter Freunden, bei dem er nach eigenen Worten sogar die Kameras und das Fernseh-Publikum vergaß, um bei seinen Gästen die Illusion der Vertraulichkeit zu erzeugen.

Aber wenn er einmal eine Frage mit einem unverfänglichen „forgive me“ einleitete oder ganz beiläufig die Redewendung „unter uns gesagt“ einflocht, dann taten die Interviewpartner gut daran, ernsthaft auf der Hut zu sein. Was sie oft genug nicht taten. „Ganz unter uns gesagt: Sie haben recht.“, antwortete etwa ein Geschäftsmann, den Wallace mit einer solchen Frage der Steuerhinterziehung bezichtigte.

Was wir daraus lernen können: Mike Wallace, die Person gewordene Grausamkeit, tat nichts weiter als seinen Job. Er tat das, wozu Journalisten gesetzlich verpflichtet sind: die Wahrheit aufzuspüren. Und das tat er gut. In seinem Privatleben hatte er die gleichen Sorgen und Freuden wie alle anderen auch.

Der Journalist ist nicht grundsätzlich grausam. Er tut nur seinen Job. Denken Sie beim nächsten Interview daran.

24.02.2012

Wer's glaubt ...

von Stefan Schimmel

Carla Bruni: Präsidentengattin und Kampagnengroupie“. An dieses Bild wird man sich in Frankreich jetzt gewöhnen müssen. Denn vor den Augen des französischen Wahlvolks spielt sich derzeit eine interessante Image-Korrektur ab. Rechtzeitig vor den Präsidentschaftswahlen im April gibt sich das Präsidenten-Ehepaar Nicolas Sarkozy und Carla Bruni neuerdings brav und familienfreundlich.

Carla Bruni als sorgsames Weibchen statt wie früher als verführerisches Supermodel, das das Wort „Monogamie“ langweilig findet: An ihrer Person wird das Ausmaß der Kehrwendung besonders deutlich. Ein Video, das zurzeit im Netz kursiert, zeigt zunächst den Präsidenten kurz vor seinem Wahlkampfauftakt auf TV1, und dann, nach einigen Sekunden, seine Frau, die ihm den Orden zurechtmacht und schließlich ein kleines Küsschen auf den Mund drückt:

Die Aufgaben sind dabei klar verteilt: Sarkozy ist der „harte, aggressive, mutige Wahlkämpfer“, Mütterchen Carla sorgt für die Idylle zu Hause. Er verbreitet, dass sein Kontrahent Hollande „von morgens bis abends lügt“, sie erzählt den Journalisten, wie sie ihrem Ehemann „zu 100% zur Seite steht“, wie sie mit ihrem Baby auf dem Bauch am Sofa liegend fernsieht und selbstredend auf die Programmwünsche ihres Mannes eingeht, wenn der einmal Sportsendungen sehen will.

Ob der Imagewandel funktioniert, wird man am Wahltag sehen. Was ich an der Kampagne bisher vermisse, ist die Plausibilität: Wenn eine Inszenierung so grundlegend und radikal geändert werden soll, braucht es irgendwann auch eine nachvollziehbare Begründung, einen sinnvollen Anlass für den Wandel.

Was um alles in der Welt ist passiert, dass ich jetzt lieber zu Hause fernsehe als meine Liebes-Chansons ins Mikrophon hauche? – Einen Hinweis darauf habe ich in den Interviews von Carla Bruni bisher nicht gefunden.

17.02.2012

Happy Rücktritt

von Stefan Schimmel

Dass der deutsche Bundespräsident Christian Wulff einem Rücktritt nicht entgehen kann, stand schon länger zu befürchten. Auch hier im Blog war seine Geschichte schon einmal Thema.

Und so erlebte Deutschland heute wieder einmal eine Rücktrittsrede, bei der zu seiner berühmten Vorgängerin, der Rücktrittsrede von Karl-Theodor zu Guttenberg, eine bemerkenswerte Parallele festzustellen ist: die Bagatellisierung. Beide, sowohl der Bundespräsident, als auch der Verteidigungsminister, weichen dem Punkt ihrer Grenzüberschreitung aus.

Wulff kann, in seinen Worten, vor allem deshalb nicht mehr Bundespräsident sein, weil er „das Vertrauen der Bevölkerung eingebüßt“ hat. Aber nicht, weil der Staatsanwalt gegen ihn ermittelt. Guttenberg konnte nicht mehr Verteidigungsminister sein, weil er „am Ende seiner Kräfte“ war. Aber nicht, weil er sich seine Doktorarbeit erschwindelt hat.

Eine kleine Überlegung zum Thema. Ingeborg Bachmann hat einmal gesagt: „Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar.“ Und ich bin mir nicht sicher, ob man auf Dauer sein Image retten kann, indem man Fakten umdeutet, die ohnehin für alle offenkundig zutage liegen.

19.01.2012

Eine Auszeit ist – eine Auszeit

von Stefan Schimmel

Der Mann liebt seinen Job über alles. Und er ist gut und erfolgreich darin wie kaum ein zweiter. Dass der Hype um seine Person allerdings auch Schattenseiten hat, musste Gregor Schlierenzauer in den letzten Wochen hinnehmen. Mit der Ehrlichkeit, die ihm eigen ist, antwortete er in Sport am Sonntag auf die Frage von Boris Kastner-Jirka: „Ich habe seit 27. Dezember jeden Tag ein Interview gegeben. Es ist mir momentan ein bisschen zu viel.“

Zustände der Erschöpfung kennt jeder, und jeder wird sie diesem Hochleistungssportler gerne zugestehen. Und natürlich ist das in seinem Fall ein Luxusproblem – das gab Schlierenzauer beim Interview auch unumwunden zu. Trotzdem ist es kein Fehler, auch mit dieser Situation sorgsam umzugehen. Denn die Medien lässt so etwas natürlich aufhorchen: „Sorgen um Gregor Schlierenzauer“ titelte etwa die PRESSE gleich am Montag.

Was ist los mit ihm? Ist er krank? Hat er Burnout? Andere schwerwiegende Probleme, die wir nicht kennen? Die Phantasie lässt hier Spielraum für mannigfaltige Spekulationen. Dabei ist Schlierenzauer höchstwahrscheinlich tatsächlich einfach nur müde und wird beim nächsten Wettkampf wieder fliegen wie eh und je.

Als der Schweizer Weltklasse-Schifahrer Pirmin Zurbriggen zwei Wochen vor der WM in Bormio am Meniskus operiert wurde, sprach die eidgenössische Presse vom „Knie der Nation“. Als sich Andreas Herzog vor der Fußball-WM 1998 seinen Fuß verletzte, hieß dieser die „Zehe der Nation“. Und Michael Ballacks Unterschenkel, der sich kurz vor dem EM-Finale 2008 verhärtete, hieß „Wade der Nation“.

Auf diese Weise bekommen alle möglichen Körperteile von berühmten Sportlern den Beinamen „der Nation“, wenn sie vor wichtigen Wettkämpfen verletzt werden. Daran können Sie sehen: Sportler werden zu „Besitztümern“ einer ganzen Nation hochstilisiert. Diese Gefahr ist ein fester Bestandteil des Berufsalltags von Gregor Schlierenzauer. Wenn er einmal nicht kann, sorgt sich die Nation.

Dies ist einerseits eine schöne „Bestätigung“ für seine Leistung, aber andererseits auch eine Herausforderung: nämlich der Öffentlichkeit sorgfältig die Hintergründe von Auszeiten zu erklären, damit diese nicht zu viel Nahrung für Spekulationen bekommt.

05.01.2012

Menschenrechte für Bundespräsidenten?

von Stefan Schimmel

„Man ist ein Mensch und macht Fehler.“

So rechtfertigte Christian Wulff gestern in einem Interview für die ARD seinen Anruf bei Kai Diekmann, dem Chefredakteur der BILD-Zeitung: Auch ein Bundespräsident mache Fehler und habe daher das „Menschenrecht“ auf eine zweite Chance.

Zur Erinnerung: Christian Wulff hatte dem Journalisten in einem Telefonanruf angeblich sogar mit einer Anzeige gedroht für den Fall, dass er Nachrichten über seinen umstrittenen Privatkredit veröffentlichen würde. Wulff sprach seine Nachricht wenig clever auf Band – und steht seither als Feind der Pressefreiheit medial unter Dauer-Beschuss.

Diese Argumentation ist ja grundsätzlich nachvollziehbar. Wenn Wulff im Interview weiter erzählt, er habe sich vor seine Familie stellen wollen, als er erfahren habe, dass die BILD Details aus seinem Privatleben an die Öffentlichkeit bringen wollte, dann kommt für das Opfer, als das er sich fühlt, sogar eine leichte Brise Mitgefühl auf. Der Bundespräsident war gut beraten, sich als fehlbar darzustellen.

Befreiungsschlag geglückt?

Was er allerdings nicht zustande brachte: Deutlich zu machen, dass er ein Bewusstsein für sein Unrecht besitzt. Beim Ansehen des Interviews habe ich mich ständig gefragt: Warum ist es für einen erwachsenen, intelligenten Menschen und erfahrenen Politiker wie Christian Wulff so schwer zu verstehen, dass er viele Menschen enttäuscht hat?

Und dies angesichts folgender Fakten:

•   Der Bundespräsident, der die Grundrechte aller Deutschen vertritt,
     ist in den Geruch gekommen, selbst das Gesetz gebrochen zu
     haben.

•   Der Bundespräsident agiert doppelzüngig: Er bekennt sich dezidiert
     zur Pressefreiheit und beschneidet sie beinahe im selben Atemzug
     hinter dem Rücken des Publikums.

•   Der Bundespräsident legt an sich selbst äußerst hohe Maßstäbe an.
     2007 veröffentlichte er, gleichsam als „Richtschur“ seines politischen
     Handelns, das Buch „Besser die Wahrheit“. In der
     „Düsseldorfer Flugaffäre“ zählte Wulff zu den schärfsten Kritikern
     des davon betroffenen damaligen Bundespräsidenten Johannes Rau
     und forderte vehement seinen Rücktritt.

So ist es kein Wunder, dass die Angriffe der Opposition weitergehen. Und ich kann mir dieses Verhalten von Christian Wulff nur so erklären, dass ihm nicht ganz klar ist, welche Rolle sein Amt von ihm verlangt, und welches Bild er dabei in der Öffentlichkeit abgibt.

Wenn er Präsident bleiben will, sind ihm zwei Dinge zu wünschen:
Erstens, dass er seine Lernfortschritte unter Beweis stellen und so seine zweite Chance nützen kann. Und zweitens: Dass nicht noch irgendwelche Leichen in irgendwelchen Kellern liegen.

Sonst wird man ihm als Bundespräsidenten wohl auch noch die Menschenrechte absprechen.

30.11.2011

Frage vertrackt - Gegner k.o.

von Stefan Schimmel

„Stuttgart 21“ wird also doch gebaut – entschied das Volk in einer Befragung am Sonntag.

Schön für die Deutsche Bahn, schlecht für Winfried Kretschmann, den ersten grünen Ministerpräsidenten Deutschlands. Aber abgesehen davon möchte ich mich an dieser Stelle ein bisschen über das Ausmaß der Zustimmung wundern.

60%?

Und das nach all den Protesten, die über mehrere Monate hinweg mit voller Härte auf der Straße ausgetragen worden sind? Hat all die wütenden Gegner in den Wahlurnen plötzlich der Mumm verlassen? Oder haben die Fernsehbilder über das wahre (geringe) Ausmaß des Widerstandes hinweggetäuscht?

Ich biete hier noch ein anderes Erklärungsmodell an. Sehen Sie dazu den Stimmzettel, der dem Wahlvolk am Sonntag zur Abstimmung vorgelegt worden ist:

Diese Frage möchte man sich auf dem Mund zergehen lassen. Stimmen Sie der Gesetzesvorlage „Gesetz über die Ausübung von Kündigungsrechten“ bei den vertraglichen Vereinbarungen für das Bahnprojekt Stuttgart 21 (S 21 Kündigungsgesetz) zu?

Wie meinen?

Also langsam, Schritt für Schritt erklärt: Die Deutsche Bahn hat offenbar mit dem Land Baden-Württemberg einen Vertrag abgeschlossen, der den Bau des Bahnhofsprojekts regelt. Wie in jedem Vertrag, so gibt es auch hier bestimmte Ausstiegsklauseln, das heißt, es sind besondere Gründe festgelegt, die einen der beiden Partner zum Ausstieg aus dem Vertrag berechtigen. Wenn die Landesregierung also das Projekt stoppen möchte, muss sie, rein rechtlich gesehen, aus dem Vertrag mit der Deutschen Bahn aussteigen.

Diese Frage ist also beamtendeutsch korrekt gestellt – aber ist sie auch fair?

Wenn der Wähler der Frage zufolge dagegen stimmt, dass die Landesregierung aus dem Projekt aussteigt, stimmt er in Wahrheit für das Projekt. Wenn er aber dafür stimmt, dass die Landesregierung aus dem Projekt aussteigt, stimmt er in Wahrheit gegen das Projekt.

Also ja heißt nein, und nein heißt ja, capiche?

Die Frage, die sich mir hier aufdrängt, lautet: Kommen die 60% Zustimmung vielleicht schlicht und einfach daher, dass viele Gegner von der Frage in die Irre geführt wurden und „nein“ mit „ja“ verwechselt haben?

Die zweite Frage, die sich mir aufdrängt, lautet: Kann man die Wähler nicht auf einfache Art fragen, also zum Beispiel: „Sind Sie für den Bau von Stuttgart 21?" "Oder sind Sie dagegen?“ "Bitte ankreuzen!"?

Wäre es nicht eigentlich die Aufgabe eines demokratischen Rechtsstaates, dass er seinen Wählern klare und verständliche Entscheidungen ermöglicht? Oder habe ich da etwas falsch verstanden?

18.11.2011

Spiel verloren, Zeit gewonnen

von Stefan Schimmel

Im Fußball ist das eben so.

Bisher war ich immer der Meinung: Wenn die Mannschaft verliert, darf der Trainer nicht mit der Freundlichkeit der Journalisten rechnen. Geduld gibt es keine in diesem Geschäft. Schon gar nicht, wenn es um ein Nationalteam geht.

Vergangenen Dienstag jedoch trat dieses Gesetz außer Kraft. Der neue Teamchef Marcel Koller hatte mit der österreichischen Nationalmannschaft gleich sein erstes Spiel mit 1:2 verloren. Der Mann trat vor die ORF-Kamera zum Interview – und nichts geschah. Keine untergriffigen Fragen, keine Unterstellungen, keine Kritik. Nichts dergleichen.

Ganz im Gegenteil: Er wurde sorgfältig in Plüsch gepackt und mit Samthandschuhen gestreichelt. „Herr Koller, wie bewerten Sie dieses Spiel?“, hieß die erste Frage. Noch netter kann ein Journalist ein Interview nicht beginnen, dachte ich vor meinem Fernseher. Dietmar Constantini wurde nicht einmal dann so nett gefragt, wenn sein Team Spiele gewann.

Nachdem mein patriotischer Weltschmerz wegen des späten Siegestors der Ukrainer einigermaßen abgeklungen war, wurde ich durch dieses Interview doch ganz gehörig in Erstaunen versetzt. Denn ich erinnerte mich wieder, mit welchen Vorbehalten der Schweizer Koller zu kämpfen hatte, als er Anfang Oktober in Wien seinen Dienst antrat.

Da waren die zu kurz gekommenen Konkurrenten auf den Job, die auf jegliche Fairness vergaßen. Da war die Meinung der über 8 Millionen Teamchefs, die es nach wie vor in diesem Land gibt. Und da waren last but not least die Medien, die diese Stimmung natürlich öffentlich machten.

Hier eine kleine (unvollständige) Liste der Zitate, die damals gesprochen wurden:

Bei uns stehen die Spieler im Mittelpunkt, nicht ein Facebook-Trainer.
Ich habe mehr Titel geholt als Koller.
Ich schätze Marcel Koller, aber seine Bestellung verstehe ich nicht. Er war zwei Jahre lang arbeitslos.
Warum Marcel Koller Trainer der Nationalmannschaft wurde? – Er ist kleiner als ÖFB-Boss Windtner.
Solche Trainer haben wir bei uns genügend.

Natürlich war das alles kindisch und unter der Gürtellinie. Aber es war eine Form der Vorverurteilung, die in der Öffentlichkeit weitererzählt wurde und für Marcel Koller ein Problem darstellte. Denn wie viel Zeit gibt man einem Menschen dafür, seine Ideen und Visionen umzusetzen, wenn man von Vorneherein schon nicht an ihn glaubt?

Der Start des Himmelfahrtskommandos

Die unaufgeregte Art und Weise, wie Marcel Koller mit dieser Situation umgegangen ist, war für mich DAS Kommunikations-Highlight der letzten beiden Monate.

Ich kann auch sagen, warum: Weil er zunächst einmal gar nichts tat. Kommentarlos hat er seine Kontrahenten sich das Maul zerreißen lassen, bis ihnen die Lust verging. Er hat sich am Fußballplatz gezeigt und diese Besuche auf Facebook gepostet.

Marcel Koller bei Rapid gegen Wiener Neustadt im Hanappi-Stadion, Marcel Koller bei einem Spiel der U18-Nationalmannschaft, Marcel Koller bei den Nationalspielern in Deutschland. Das sind zwar vielleicht nur kleine Farbtupfer, aber sie vermittelten dem Fußballfan eine wichtige Information: Der Mann geht auf seine Spieler zu. Er kümmert sich.

Dann kam die Antritts-Pressekonferenz, und weil er sich bis dahin nicht geäußert hatte, war die Spannung natürlich groß: Was wird Koller sagen? Nun, er sagte: „Grüß Gott!“, und auch das war ein Highlight, denn damit zeigte er wieder: Seht her, ich gehe auf euch zu!

Ruhe bezwingt die Hysterie

Aber nicht nur damit erwies er sich als Meister der Diplomatie: „Österreich spielt einen guten Fußball.“, so Koller weiter, „Es gibt viele junge Spieler. Dietmar Constantini hat einen guten Job gemacht. Es hat nur an Kleinigkeiten gefehlt, dass die Mannschaft selten gewonnen hat.“ Wenn man genau hinsah, konnte man an seinen Mundwinkeln erkennen, dass sich der gute Mann bei diesen Sätzen nur schwer das Lachen verkniff. Aber niemanden hat’s gestört.

Koller präsentierte sich erfolgreich als ein nüchterner, sachlicher, kompetenter, ehrlicher Mensch, als ein sympathischer Facharbeiter, wie der Kurier es ausdrückte. Als einer, der an seiner Arbeit gemessen werden will. Einer, der Angriffe, so ungerecht sie auch sind, nicht verurteilt. Der aber zu Recht um Zeit und Vertrauen bittet. Der den Erfolg nicht garantieren kann, aber einen guten Weg kennt – und dem man genau deswegen vertrauen kann.

Diese Ruhe verlor er auch nicht im Gespräch mit dem Gottseibeiuns aller Interviewpartner, Armin Wolf. Der begann sein Interview provokant wie immer – aber sehen Sie sich das Interview an: Der Wolf wird gegen Ende des Interviews immer zahmer:

Seit diesem Interview ließ man den Trainer in Ruhe arbeiten. Das kann er noch immer, obwohl er verloren hat. All das ist das Verdienst des äußerst talentierten Kommunikators Marcel Koller. Diese Fähigkeit ist Gold wert: Denn mit seiner ruhigen und freundlichen Art zu reden hat er sich Zeit und Geduld erkauft.

Dinge, die vielleicht dazu führen, dass er in Zukunft mit seiner Mannschaft wirklich Erfolg hat.

11.11.2011

Was macht ein Ereignis zur Schlagzeile?

von Stefan Schimmel

Wenn auf der Wiener Südost-Tangente – sagen wir: Prater Hochstraße – ein Unfall passiert und der Stau Kilometer lang zurückreicht bis zum Altmannsdorfer Ast, dann ist das zwar schlimm für die Autofahrer. Den Wiener Journalisten entlockt ein solches Ereignis aber maximal ein mildes Gähnen, denn es ist alltäglich und höchstens ein Fall für den Verkehrsfunk.

Warum aber kommen manche Unfälle dann doch in den Medien vor (wie etwa dieser hier)? Und allgemein gefragt: Was muss passieren, damit ein Ereignis zu einer ausgewachsenen Krise wird, die auf den Titelseiten der Zeitungen und an den besten Sendeplätzen von Radio und Fernsehen aufscheint? Diese Frage beantwortete der ZIB-Moderator Tarek Leitner in einem Vortrag in unseren Studios.

Das Wort „besonders“ ist entscheidend

Wenn Journalisten ein Ereignis nach seiner Medien-Wirksamkeit beurteilen, dann betrachten sie vor allem seinen „Umfang“ und seine „Nähe“. Eine Nachricht landet dann auf den Titelseiten, wenn besonders viele Menschen betroffen, besonders große Verluste zu verkraften oder besonders tragische Einzelfälle zu beklagen sind. Wenn die emotionale Betroffenheit besonders groß ist. Und wenn das Ereignis zeitlich und räumlich besonders nahe am Leser, Hörer oder Seher eingeordnet ist.

Daneben gibt es aber auch noch andere Umstände, die gar nicht die Nachricht selbst betreffen müssen. Die allgemeine Meldungslage wäre so ein Beispiel: Ein Auto-Unfall auf der Südost-Tangente wird im berühmten Sommer-Loch gute Chancen haben, aber kaum dann, wenn gleichzeitig Muammar al Gaddafi seinen Landsleuten den Krieg erklärt.

Ein ähnlich gelagerter Fall der Vergangenheit kann den aktuellen größer aufbauschen, als er vielleicht zunächst aussieht. Wenn ein noch so kleiner Unfall in einem Bergwerk passiert, wird man sich in Österreich mit Sicherheit immer an Lassing erinnert fühlen.

Zuletzt gibt es noch Gründe des Wettbewerbs: Medien und Geschichten stehen immer zu einander in Konkurrenz um die Aufmerksamkeit des Publikums. Wenn also ein Konkurrenz-Medium eine aufsehenerregende Nachricht behandelt, wird eine Redaktion sich kaum dagegen wehren können, genau dasselbe zu tun.

Das Rennen vom Schauplatz ins Studio

Lokal-Redakteure, etwa in den Landes-Studios des ORF, haben ihr Ohr verlässlich nahe an der Gesellschaft, die sie umgibt. Das ist ihr Job. Oft dauert es daher nicht länger als wenige Minuten, bis eine Nachricht ihren Weg vom originalen Schauplatz bis in die Redaktion der Zeit im Bild in Wien benötigt.

Dort trifft man zunächst die Entscheidung, welches Ressort für die Nachricht zuständig ist. Wenn das Ereignis als krisenhaft und äußerst brisant eingestuft wird, verdrängt es gewöhnlich das Alltags-Geschäft, das heißt: Es gibt aktuelle Sondersendungen. (Beispiel: Sondersendung zum Terror-Attentat in Oslo bei N24).

Diese liefern sofort und geballt alles an Informationen, derer die Journalisten in der Eile habhaft werden können. Dabei werden Emotionen vermittelt, und es wird der Frage nachgegangen: Wie konnte das passieren? Es werden Vergleiche gezogen zu ähnlichen Situationen, und es werden erste Einschätzungen von Experten gebracht.

Erst wenn sich die Aufregung gelegt hat, ist die Zeit gekommen, genauer die Hintergründe zu beleuchten. Der ORF bringt solche Hintergründe gerne in einem wöchentlichen Magazin. Aber auch hier steigt die Konkurrenz zu anderen Medien, was zur Folge hat, dass Informationen immer schneller an die Seher gebracht werden.

27.10.2011

Das Team, der Prozess, die Tools und der Krisenraum

von Stefan Schimmel

Bevor er sein Beratungsunternehmen gründete, war Wolfgang Bachler Leiter des Sondereinsatzkommandos „Cobra“. Die ist bekannt dafür, dass sie dort um Sicherheit kämpft, wo alle anderen das Weite suchen.

Wenn Wolfgang Bachler über Krisenkommunikation spricht, dann geht es also, seinen Erfahrungen entsprechend, vor allem um die Vorzüge eines klaren Konzeptes und einer strategischen Planung. Wie ist das Krisenteam am besten aufgestellt? Welche Prozesse gilt es in der Kommunikation zu beachten? Welche Werkzeuge helfen am besten? Brauche ich einen „War Room“? Diese Fragen stellte er vergangene Woche bei einem Vortrag in unseren Studios.

Erstens: Das Team

Das Team wird am besten nach Arbeitsschwerpunkten zusammengestellt. Das Organigramm eines Teams sieht dann so aus:

LKT:  Leiter des Krisenstabs.
         „Moderator“ des Teams, der den Überblick im Unternehmen hat und
         darauf achtet, dass die Prozesse funktionieren.

ASS:  Assistenz.
         Organisationsarbeit, Krisentagebuch

F1:    Kontakte und Ressourcen.
         Organisiert die Kommunikation zu den Behörden und Stakeholdern

F2:    Betroffene Einheiten.
         Experte im Unternehmen; hält die Verbindung zum Außendienst

F3:    Krisenkommunikation.
         Beratung und Entscheidungsfunktion

F4:    Pressesprecher.
         Liefert die Stellungnahmen nach außen. Die Trennung zwischen F3 und
         F4 ist sinnvoll, weil der Pressesprecher aufgrund seiner Aufgaben dem
         Stab selten zur Verfügung steht.

F5:    Care.
         Organisiert die akute Betreuung von Geschädigten.

F6:    Experts.
         Punktuell nach Bedarf hinzu gezogene Fachberater

Kernteam, das immer und auf jeden Fall einsatzbereit sein muss: LKT, F2, F3 und F4.


Zweitens: Die Prozesse.

Es gibt vier wichtige Prozesse, die im Krisenstab gut zu bewältigen sind:
der Informations-Verarbeitungsprozess, der Entscheidungsprozess, der Briefing-Prozess und der Kommunikationsprozess.

Informations-Verarbeitungsprozess.

Alle Informationen sollen formalisiert nach drei Kriterien aufgesetzt werden:
Information, gecheckte Information, Fakt

Entscheidungs-Prozess.

Der Entscheidungsprozess durchläuft fünf formalisierte Stufen:
Ist-Wert, Soll-Wert, Check, Handlungsalternativen, Entscheidung

Briefing-Prozess.

Ein Briefing dauert maximal 15 Minuten. Es gibt drei verschiedene Formen:
Ground Briefing: Rollenverteilung, Lagebild, Aufgabenmanagement, Stichzeit
                         für das nächste Briefing
Air Briefing: Laufende Aktualisierungen
De-briefing: Rückgabe an die reguläre Organisation

Kommunikationsprozess.

Festlegung: Wer sagt wann wo was? Wer darf nicht sprechen?


Drittens: Die Tools.

Das wichtigste Tool in der Krise ist ein sorgfältig aktualisiertes Krisen-Handbuch. Darin enthalten sind Check-Listen, Organisation und Reporting-Lines, Dokumentations-Formulare, Alarm-Pläne und aktuelle Telefonlisten. Weiteres wichtiges Tool ist ein Notfallhandbuch, das für dislozierte Bereiche auch als Booklet aufgelegt werden kann.

Viertens: Die Infrastruktur.

Seit jeher bekannt in Krisensituationen sind die sogenannten „War Rooms“ oder „Situation Rooms“. Gutes Beispiel dafür ist jener Raum im Weißen Haus, in dem Barack Obama und Hillary Clinton live beobachteten, wie ein amerikanisches Sonderkommando Osama Bin Laden tötete. Allerdings muss im Unternehmen nicht ein spezieller Raum extra für die Krisenkommunikation gewidmet sein; besser geeignet sind „flexible Krisenräume“, die ausreichend mit Kommunikationstechnik ausgestattet sind.

Weitergehende Information und Nachfragen:
bachler&partners crisis and security consulting GmbH