Intomedia Blog: Alles zwischen Sendern und Empfängern
27.01.2011

Die Rückkehr des Königs

von Stefan Schimmel

Ich muss zugeben: Ich habe mich in den letzten Tagen auch ein bisschen einfangen lassen.

Die ganze Flut von Medien-Berichten über Bruno Kreisky und seinen 100. Geburtstag, all die Portraits, die Analysen und Interviews der letzten Tage haben in mir nostalgische Gefühle geweckt. Was mich dabei selbst ein wenig überrascht hat, war: das Ausmaß. Ich hätte zum Beispiel wunderbar in die Diskussionsrunde des Club 2 Spezial vom letzten Donnerstag gepasst, wo ein paar äußerst liebenswürdige Menschen eineinhalb Stunden lang einen knietiefen Hofknicks vor einem Mann absolvierten, den alle den „Sonnenkönig“ nennen.

Foto: Robert Jäger

Ich erkläre mir das so: Als ich geboren wurde, war Kreisky 5 Monate lang Kanzler, und als er zurücktrat, war ich 12 Jahre alt. Dieser Mann hat meine Kindheit geprägt, neben meinen Eltern und meinen ersten Schulfreuden natürlich. Ihm habe ich es zu verdanken, dass ich gratis in die Schule fahren und dort Bücher lesen durfte, die ebenso gratis waren. Von der großen Politik, von Vollbeschäftigung, Wochenarbeitszeit oder der Palästinenserfrage verstand ich damals zwar noch nichts. Aber wenn ich seine sonore Stimme und seinen immer leicht schnoddrigen Tonfall im Radio hörte, hatte ich – dessen bin ich mir heute noch absolut sicher – das unverbrüchliche Gefühl, in der besten aller Welten zu leben.

Warum erzähle ich Ihnen hier meine Kindergeschichten? – Weil diese Erfahrungen ein wunderbares Beispiel für gelungene Kommunikation darstellen. Kommunizieren heißt: Fakten und Emotionen vermitteln. Für Fakten war ich damals noch zu jung. Aber das Gefühl des Vertrauens, das mir dieser Mann einflößen konnte, ist mir über die ganzen Jahre hinweg lebhaft im Gedächtnis geblieben bis heute. Und dafür gehört ihm mein allergrößter Respekt.

Wie kann man im Publikum Emotionen wecken? – Indem man sie beim Sprechen auch zulässt. Ich zeige Ihnen hier das Beispiel einer Fernsehdebatte aus dem Jahr 1975. Sein damaliger Kontrahent Josef Taus erinnert sich heute daran, damals als Herausforderer von Kreisky genau aus diesem Grund gescheitert zu sein: Weil er in der Debatte als kühler Experte auftrat. Er konnte zwar alles präzise erklären, aber niemanden vor den Fernsehgeräten wirklich berühren – und wurde von Kreisky gnadenlos abgekanzelt: „Manchmal kommen’S mir vor wie a Gouvernante.“, war einer von Kreiskys kräftigen Sagern in dieser Debatte, die das Herz eines jeden Journalisten höher schlagen lassen – und dafür sorgen, dass Teile des Mitschnitts bis heute auf YouTube lebendig bleiben:

22.10.2010

Die BAWAG-Affäre oder: Was ist ein Gerichtsurteil?

von Stefan Schimmel

Was ist eine „subjektive Tatseite“? Was ist ein „Beitragstäter“? Was bedeutet das, wenn von einem Richter in einem Schuldspruch „Feststellungen nicht ausreichend begründet“ worden sind?

Diese Fragen kann ein Richter oder ein Anwalt ordentlich beantworten. Wir anderen juristisch nicht gebildeten Österreicher wissen nur, dass hinter diesen sperrigen Fachbegriffen zurzeit explosive Antworten schlummern: Ein Gerichtsurteil ist von einer Richterin so mangelhaft ausgefertigt worden, dass es teilweise revidiert werden muss. Sagt die Generalprokuratur. Es könnte sogar sein, dass der Prozess um den ehemaligen BAWAG-Chef Helmut Elsner neu aufgerollt wird.

Und wir wissen auch: Hier geht es nicht um irgendeine Richterin, sondern um die Justizministerin Claudia Bandion-Ortner. Und es geht nicht um irgendein Verfahren eines kleinen Bezirksgerichts, sondern um den umfangreichsten Wirtschaftsprozess der Zweiten Republik.

Also wollen wir juristisch nicht gebildeten Österreicher natürlich wissen, was hinter diesen Verdachtsmomenten steckt. Wir wollen nachvollziehen, wie dieser Vorwurf zustande kommt. Wir wollen die oben genannten Begriffe verstehen.

Also schalteten wir am Dienstagabend unsere Fernsehgeräte ein, um uns auf ORF mit Hilfe des „Runden Tisches“ schlau zu machen (den Mitschnitt der Sendung finden Sie hier). Und konnten dabei Ingrid Thurnher bei einer Schwerstarbeit beobachten: Nämlich dabei, die anwesenden Experten (Wilfried Seidl, Generalprokuratur, Christian Pilnacek, Sektion Strafrecht im Justizministerium, und Manfred Ainedter, Strafverteidiger) dazu zu bringen, das Problem in einer Sprache zu erklären, die jedermann versteht.

Worte wie „Befugnismissbrauchsfeststellung“, „materielle Wahrheitsforschung“ und „Feststellungsteile“ flogen da durch den Raum, dass es eine Freude war. Und als es endlich so weit war, dass entscheidende Begriffe (wie eben die „subjektive Tatseite“, der „Beitragstäter“ oder die „Begründung von Feststellungen“) erklärt werden sollten – wurden wir mit dem Hinweis abgespeist, dies sei für das normale Publikum zu kompliziert.

Man hatte das Gefühl: Die Sendung informiert den Seher vor allem darüber, dass es in diesem Land Menschen gibt, die das Rechtswesen gründlich studiert haben – nicht aber darüber, ob das Rechtswesen grundsätzlich in Ordnung ist. Erst etwa 1 Minute vor Schluss äußerte Manfred Ainedter die Meinung: Die Vorgänge um den Fall Elsner beweisen, dass es in Österreich eine „funktionierende Justiz“ gibt.

So etwas beruhigt natürlich.

Aber es wäre mir lieber gewesen, wenn mir dieses Gefühl schon früher in der Sendung vermittelt worden wäre. Indem einer der Anwesenden sich bemüht hätte, mir den Sachverhalt so zu erklären, dass ich ihn verstehe.

20.04.2010

Luftraumsperre: Geld oder Leben?

von Stefan Schimmel

Das Flugverbot und kein Ende: Eine interessante Konstellation ergab sich dazu gestern Abend in der Diskussions-Sendung des ORF „Runder Tisch“. Alle Anwesenden wollten grundsätzlich dasselbe. Und doch wurde fleißig gestritten. Sehen Sie hier einen Ausschnitt aus der Sendung:

Die Situation ist tatsächlich knifflig: Vulkanasche ist für die Triebwerke von Flugzeugen gefährlich, also sperren europäische Verkehrsminister wie Doris Bures in ihrer Verantwortung für Menschenleben vorsorglich den Luftraum. Airlines wie die AUA oder Flyniki verlieren durch diese Sperre täglich Beträge in Millionenhöhe, also sind sie daran interessiert, dass die Sicherheitsbedenken rasch und effektiv geklärt werden. Alles logisch und nachvollziehbar.

Niki Lauda (Flyniki), Peter Malanik (Austrian Airlines), Doris Bures, Heinz Sommerbauer (Austro Control), Axel Raab (Deutsche Flugsicherung) und Theodoro Cocca (Wirtschaftsuniversität Linz) haben diese beiden Standpunkte gestern auch sehr präzise und plausibel vertreten.

Und doch schwebte über der ganzen Diskussion das Phantom eines Arguments, das letztlich niemand vom Tisch wischen konnte: das Vertrauen des Fluggasts in die Sicherheit des Luftverkehrs. Dass man dieses Vertrauen niemals verspielen dürfe, darin waren sich erst am Ende alle einig. Der Fernsehzuschauer konnte sich mit Recht die Frage stellen: Warum eigentlich nicht gleich?

Als potenzieller Fluggast hätte ich diesen Hinweis zu Beginn gebraucht. Dann hätte ich der Diskussion folgen können, ohne permanent den Verdacht zu hegen, hier möchte jemand seine Interessen durchsetzen auf Kosten meines Lebens.