Intomedia Blog: Alles zwischen Sendern und Empfängern
18.05.2012

Das Beste kommt zum Schluss

von Stefan Schimmel

Es war eigentlich ein alltägliches Interview, das der Parteichef der CSU, Horst Seehofer, am Montagabend dem ZDF gab: ein Schaltgespräch, das untertags aufgezeichnet wurde, damit es am Abend im „heute-Journal“ gesendet werden konnte. Das Besondere diesmal: Das Interview dauerte etwas länger, als der Interviewte glaubte.

Nach exakt 5 Minuten 18 Sekunden bedankte sich der Journalist Claus Kleber für das Gespräch, dann begann ein inoffizielles Nachgespräch, eine „nette Plauderei danach“, bei der der bayrische Ministerpräsident hübsch frei von der Leber weg über die Berliner Koalition und über Norbert Röttgen herzog, der am Tag zuvor bei der Wahl in Nordrhein-Westfalen gescheitert war. Claus Kleber wurde aufmerksam und sendete das Gespräch am Abend ungeschnitten und ohne Zensur – ein veritabler Fernseh-Coup, der ein beträchtliches Rauschen im Blätterwald verursachte:

Dürfen die das? Eigentlich nicht, es sei denn, der Interviewte gibt dem Journalisten persönlich die Erlaubnis dazu. Was Seehofer am Ende der Plauderei ja tatsächlich in launiger Art und Weise getan hat: „Sie können alles senden! Machen Sie eine Sondersendung draus!“

Für das ZDF ein Glücksfall – für uns ein hübsches Lehrbeispiel.

Denn trotz der kleinen „Ungeschicklichkeit“, die Seehofer unterlaufen war, hat er im Grunde nichts falsch gemacht und sich sehr professionell verhalten: Er hat dem Journalisten nichts gesagt, was er nicht in einem echten Interview auch gesagt hätte. Ganz im Gegenteil: Er ist auf das Angebot des Journalisten, das Nachgespräch ernst zu nehmen, eingestiegen und hat seine Aussagen als Provokation bewusst stehen gelassen  – „weil wir müssen da was ändern.“

Ein Journalist wird immer Anwalt der Geschichte sein, die er erzählt. Dafür wird er alle erdenklichen Mittel anwenden. Wir dürfen ihm bloß nichts erzählen, was wir nicht hören wollen. Dann kann er uns auch nicht schaden.

27.04.2012

Meinung ändern - leicht gemacht

von Stefan Schimmel

Manchmal hat’s auch ein Erwin Pröll nicht ganz leicht. Zum Beispiel am Mittwochvormittag: Als er mit Doris Bures und Franz Voves zum gemeinsamen Spatenstich für den Semmering-Basistunnel antrat, mag es nicht wenige Menschen gegeben haben, die sich vor ihren Fernsehgeräten bass erstaunt fragten: Was, der? Was ist bloß mit ihm los?

Foto: Jakob Hürner

Zur Erinnerung: Erwin Pröll war derjenige, der den Bau des Eisenbahntunnels durch den Semmering sage und schreibe 30 Jahre lang verhinderte. Weil er den Tunnel aus seiner Sicht für sinnlos hielt, blockierte das Land Niederösterreich den Bau-Beginn immer wieder durch negative Naturschutz-Bescheide, die wenig später durch den Verfassungsgerichtshof verlässlich aufgehoben wurden – ein endloses Spiel, das die damalige steirische Landeshauptfrau Waltraut Klasnic zur Weißglut trieb.

Und jetzt sollte plötzlich alles anders sein? Sie sehen: Da gab es Erklärungsbedarf. Den Erwin Pröll am Mittwoch auf Ö1 auch prompt einlöste.

Meinungsänderung kommunizieren, Vorwürfe ausräumen

Ich zeige Ihnen das Beispiel, weil ich mir sicher bin, dass Sie das eine oder andere Mal in eine ähnliche Situation kommen können: nämlich in der Öffentlichkeit eine andere Meinung vertreten zu müssen, als Sie es vielleicht noch vor ein paar Wochen oder Monaten getan haben. Und ja: Jeder Mensch darf natürlich seine Meinung ändern. Das Leben zwingt uns manchmal sogar dazu.

Das Beispiel Pröll zeigt aber: Wenn wir in einer solchen Situation das Vertrauen unseres Publikums nicht verspielen wollen, müssen wir auch plausible Gründe haben, und wir dürfen damit nicht hinter dem Berg halten. Dem entsprechend hieß die Geschichte, die Pröll dem Journalisten von Ö1 erzählte: „Warum ich jetzt nicht mehr dagegen bin – drei gute Gründe“.

Die da wären:
•   Es gibt jetzt mehr Rücksicht auf das Grundwasser.
•   Es sind jetzt zwei Röhren geplant statt einer.
•   Die alte Semmering-Bahn – immerhin Weltkultur-
     erbe – bleibt bestehen.

Sind diese Gründe gut? – Ich würde sagen: Sie sind nicht schlecht. Man versteht den Standpunkt, auch wenn man zum Thema eine andere Meinung hat.

Aber da ist noch etwas. Bei all den guten Gründen bleibt gegen Erwin Pröll der Vorwurf: Warum haben Sie das Projekt dermaßen lange mit dermaßen fadenscheinigen Argumenten verhindert? Auf diese Frage hatte Pröll eine wirklich gute Antwort: „Weil der Tunnel kein Prestigeprojekt war.“

Diese Antwort ist gut, weil sie von einer entwaffnenden Ehrlichkeit ist. Ich bin mir sicher, dass sogar die einstige Erzfeindin Waltraut Klasnic beim Hören der Nachricht zustimmend nickte.

13.04.2012

Die Grausamkeit der Journalisten

von Stefan Schimmel

Er fragte Ayatollah Khomeini, ob er wahnsinnig sei. Dass er vom Zustand der russischen Demokratie nichts halte, sagte er Wladimir Putin direkt ins Gesicht. Yassir Arafat warf er vor, für die Gewalt in Palästina verantwortlich zu sein. Politisch korrekt war der Mann sicher nicht. Er war schließlich Journalist.

Seine Kollegen nannten ihn den "Pitbull der Medien" und beschrieben seine Fragetechniken so: „Er fragte nicht, er verhörte.“ Er selbst wollte „hart aber fair“ auf seinen Grabstein geschrieben haben und bekannte sich stets zu seinen zwei Grundsätzen: der Suche nach der Wahrheit und der Frage, wie diese für das Publikum spannend aufzubereiten sei.

Am Sonntag ist Mike Wallace, Inbegriff des „rasenden Fernsehreporters“, im Alter von 93 Jahren gestorben.

Foto: Terry Ballard

Mike Wallace ist bekannt dafür, die Grausamkeit des investigativen Journalisten erfunden zu haben. Wobei er sich als Wolf im Schafspelz verhielt: Seine Interview-Sendung „60 Minutes“, Höhepunkt des Sonntagabends auf CBS, gestaltete er wie ein privates Gespräch unter Freunden, bei dem er nach eigenen Worten sogar die Kameras und das Fernseh-Publikum vergaß, um bei seinen Gästen die Illusion der Vertraulichkeit zu erzeugen.

Aber wenn er einmal eine Frage mit einem unverfänglichen „forgive me“ einleitete oder ganz beiläufig die Redewendung „unter uns gesagt“ einflocht, dann taten die Interviewpartner gut daran, ernsthaft auf der Hut zu sein. Was sie oft genug nicht taten. „Ganz unter uns gesagt: Sie haben recht.“, antwortete etwa ein Geschäftsmann, den Wallace mit einer solchen Frage der Steuerhinterziehung bezichtigte.

Was wir daraus lernen können: Mike Wallace, die Person gewordene Grausamkeit, tat nichts weiter als seinen Job. Er tat das, wozu Journalisten gesetzlich verpflichtet sind: die Wahrheit aufzuspüren. Und das tat er gut. In seinem Privatleben hatte er die gleichen Sorgen und Freuden wie alle anderen auch.

Der Journalist ist nicht grundsätzlich grausam. Er tut nur seinen Job. Denken Sie beim nächsten Interview daran.

06.04.2012

Anleitung zum Bau einer "Wuchtel"

von Stefan Schimmel

May the force be with you! (Möge die Macht mit dir sein!)
Here’s looking at you, kid. (Ich schau dir in die Augen, Kleines.)
E.T. phone home. (E.T. nach Hause telefonieren.)

In der medialen Kommunikation geht es immer auch darum, einen Inhalt mit Worten darzustellen, die im Gedächtnis bleiben. Hier haben wir drei wunderbare Beispiele dafür; denn ich bin mir sicher, Sie kennen diese drei Sätze, auch wenn Sie kein unverbesserlicher Kinofreak sind. Der Vollständigkeit halber, falls Sie sich nicht genau erinnern: Das erste Zitat stammt aus „Krieg der Sterne“, das zweite aus dem ewigen Jahrhundert-Film „Casablanca“, das dritte aus (no na) „E.T. – der Außerirdische“.

Aber selbst wenn Sie die Filme nicht nennen können – die Zitate werden Sie wohl nie vergessen, oder? Genauso, wie Sie sicher die Aussprüche „Sein oder nicht sein, das ist hier die Frage.“ oder „Etwas ist faul im Staate Dänemark.“ oder „Der Rest ist Schweigen.“ kennen, aber möglicher Weise vergessen haben, dass sie alle aus weiland Shakespeares „Hamlet“ stammen.

Hier zum Schmökern noch ein anderes, wunderbares Beispiel aus „Dirty Harry“:

Das ist doch bemerkenswert: Es gibt Aussprüche, an die wir uns lange Zeit erinnern, während wir gleichzeitig den Zusammenhang vergessen, in dem sie getätigt wurden. Man könnte sagen: Die Pflanzen überleben ihre Beete. Ein gestandener Wiener würde zu einem solchen Ausspruch salopp „Wuchtel“ sagen.

Da drängt sich die Frage auf: Gibt es gemeinsame Faktoren, die solche Zitate kennzeichnen? Die dafür verantwortlich sind, dass ein Satz im Gedächtnis des Publikums bleibt, und zwar unabhängig vom Geist der Zeit, in der er ausgesprochen wurde?

Die gute Nachricht: Seit kurzem bekommen wir jetzt dazu Hinweise aus der Wissenschaft. Der Informatiker Cristian Danescu von der Cornell Universität hat eine interessante Studie durchgeführt; er nennt sie: „You had me at hello: How phrasing affects memorability“. Eine „Wuchtel“ erfüllt der Studie zufolge vier Kriterien:

•   Der Satz ist einfach gebaut. Das heißt, er verzichtet auf Nebensätze.
•   Er verwendet auch sonst eine Standardgrammatik, die nicht von den
    allgemeinen (Schul-)Regeln abweicht.
•   Er drückt das Gesagte in Wortkombinationen aus, die nicht alltäglich sind.
•   Er ist allgemein gehalten und deshalb außerhalb des (Film-)Rahmens,
    in dem er gefallen ist, vielseitig verwendbar.

Ich finde das vierte Kriterium besonders bemerkenswert: die Wiederverwertbarkeit. Ein Zitat, das im Gedächtnis bleibt, lädt das Publikum dazu ein, es in seinem eigenen Leben zu verwenden. Sie könnten zum Beispiel mit dem Satz „Möge die Macht mir dir sein.“ Ihrer/m Liebsten alles Gute für ihre/seine Prüfung wünschen. Sie könnten mit dem Satz „E.T. nach Hause telefonieren.“ zum Ausdruck bringen, dass Sie – wie damals der Außerirdische – lange weg waren und sich auf zu Hause freuen.

Gut, nicht? Diese Sätze liegen im Steinbruch Ihres Sprachschatzes frei verfügbar da, und Sie brauchen nur bei Bedarf darauf zugreifen.

Kann man den Satz wiederverwerten? Eine Schlüsselfrage zum Bau einer „Wuchtel“! Stellen Sie sich immer wieder diese Frage, wenn Sie darüber nachdenken, wie Sie Ihre Inhalte für Ihr nächstes Interview aufbereiten könnten.

28.03.2012

Vorhang auf für die Zukunft der Medizin

von Stefan Schimmel

Er scheint so etwas wie der Daniel Düsentrieb der Medizintechnik zu sein. Er heißt Myshkin Ingawale und hat einen Bluttest erfunden, bei dem der Arzt kein Blut abnehmen muss.

Kurios, aber genial einfach und absolut nützlich – denn das Gerät hilft in jenen Gegenden dieser Erde, wo das nächste medizinische Labor Hunderte von Kilometern entfernt ist, und wo Menschen sterben müssen, weil die wichtigsten Blutwerte nicht rasch analysiert werden können.

Ich zeige Ihnen seine Produktpräsentation auf ted.com, weil sie ein wunderbares Beispiel für „Action am Set“ darstellt (also das Veranschaulichen einer Funktionsweise durch die Live-Vorführung).

Aber es ist auch ein wunderbares Beispiel für den richtigen Moment der Inbetriebnahme. Beobachten Sie bitte, wie Ingawale das Produkt vorstellt: Technisch gesprochen kommt in seinem Vortrag zuerst der Problemaufriss, und dann das Ziel der Erfindung, das für einen gewöhnlichen Menschen schwer zu realisieren scheint. Dies weckt die Neugier des Publikums, das jetzt natürlich wissen will, wie es möglich ist, ein solches Gerät zu bauen, und: wie es funktioniert. Ist dieses Interesse einmal geweckt, ist der optimale Zeitpunkt für den Auftritt des „Stars“ gekommen. Der Applaus des Publikums ist dem entsprechend warm und ehrlich. Sehen Sie selbst:

Ich erlebe oft, dass Menschen wirklich spannende Geräte als Material für ihre Interviews, Pressekonferenzen oder Präsentationen zur Verfügung haben. Es muss ja nicht gleich eine neue, sensationelle Erfindung sein; ein einfacher, technischer Vorgang, der das Leben des Publikums leichter macht, reicht vollkommen aus.

Aber nehmen Sie das Gerät zu Ihrem Auftritt mit, verstecken Sie es nicht! Holen Sie es vor den Vorhang! Der gute Myshkin Ingawale mag eine kleine Anregung dafür sein.

23.03.2012

Was für ein schöner Sonntag!

von Stefan Schimmel

Mit diesem Satz nahm Joachim Gauck vergangenes Wochenende seine Wahl zum deutschen Bundespräsidenten an.

Damit demonstrierte er eines seiner besonderen Talente: Große Gefühle in einfache, prägnante Worte zu kleiden, die viel mehr aussagen, als es im ersten Augenblick den Anschein hat – wenn man zum Beispiel weiß, dass Gauck denselben Satz auch am 18. März vor 22 Jahren gesprochen hatte, als er das erste Mal in senem Leben an freien, demokratischen Wahlen teilnehmen konnte.

Was für ein Satz! Was für eine Welt, die hinter diesen einfachen Worten steckt! Sie umfassen nicht weniger als mehrere Jahrzehnte gelebter Erfahrung im Bemühen um Freiheit und Bürgerrechte.

Foto: Sebastian Hillig

Genau diesen Ruf genießt Gauck bei vielen Deutschen: Dass er einer ist, der weiß, was es heißt, in Unfreiheit zu leben. Dass er kein Populist ist und mit einigem Aufwand an Pathos um Gerechtigkeit kämpft. Gauck ist ein Guter – so dachten und schrieben viele User auf Twitter bei seiner ersten Kandidatur im Jahr 2010.

Die Wahrheit steckt – wie immer dahinter

Aber dieses Talent der scharfzüngigen Prägnanz scheint für Gauck nicht nur ein Segen zu sein, denn es hat seine Gegner oft dazu eingeladen, an der Oberfläche hängenzubleiben. Twitter-Nachrichten der letzten Tage haben Gauck zum Beispiel jegliches Gespür für Probleme unserer Zeit abgesprochen, weil er die Occupy-Bewegung als „unsäglich albern“ bezeichnete.

Aber dabei unterschlug man geflissentlich, wie er seine Haltung begründet hatte: nämlich, dass eine Besetzung allein das Problem der Banken und der leeren Staatskassen nicht lösen könne.

Man hat Gauck vorgeworfen, er stecke mit Thilo Sarrazin unter einer Decke, weil er ihn „mutig“ finde. Dabei „vergaß“ man jedoch darauf hinzuweisen, dass dieses Zitat verkürzt aus einem Interview wiedergegeben wurde, das er 2010 der Süddeutschen Zeitung gegeben hatte. In diesem Interview identifizierte er sich keineswegs mit Sarrazins Ansichten – aber er attestierte ihm den Mut, sich aktiv mit kontroversiellen Themen auseinanderzusetzen.

Und die Lösung?

Ich möchte hier festhalten: Joachim Gauck hat ein Problem der Kommunikation, nicht der Persönlichkeit. Er ist ein Mann, dem man ein bisschen länger zuhören muss. Der die Tendenz hat, mehr zu sagen, als in einer 140 Zeichen umfassenden Twitter-Nachricht Platz findet. Joachim Gauck teilt damit das Schicksal aller Menschen, die in der Öffentlichkeit komplexe Zusammenhänge erklären sollen: Wie können sie ihre Inhalte so darstellen, dass sie einerseits anregend (und twittertauglich) sind, aber gleichzeitig ihre Tiefe nicht verleugnen?

Am Beispiel Joachim Gauck können wir sehen: Eine garantierte Lösung für dieses Problem gibt es nicht. Gauck IST ein absoluter Medien-Profi; er muss medientaugliches Sprechen nicht mehr lernen.

Aber er kann sich trotzdem die Frage stellen: Wenn ich einen Inhalt prägnant darstelle – kann er dann von Menschen, die mir übelwollen, gegen mich verwendet werden?

24.02.2012

Wer's glaubt ...

von Stefan Schimmel

Carla Bruni: Präsidentengattin und Kampagnengroupie“. An dieses Bild wird man sich in Frankreich jetzt gewöhnen müssen. Denn vor den Augen des französischen Wahlvolks spielt sich derzeit eine interessante Image-Korrektur ab. Rechtzeitig vor den Präsidentschaftswahlen im April gibt sich das Präsidenten-Ehepaar Nicolas Sarkozy und Carla Bruni neuerdings brav und familienfreundlich.

Carla Bruni als sorgsames Weibchen statt wie früher als verführerisches Supermodel, das das Wort „Monogamie“ langweilig findet: An ihrer Person wird das Ausmaß der Kehrwendung besonders deutlich. Ein Video, das zurzeit im Netz kursiert, zeigt zunächst den Präsidenten kurz vor seinem Wahlkampfauftakt auf TV1, und dann, nach einigen Sekunden, seine Frau, die ihm den Orden zurechtmacht und schließlich ein kleines Küsschen auf den Mund drückt:

Die Aufgaben sind dabei klar verteilt: Sarkozy ist der „harte, aggressive, mutige Wahlkämpfer“, Mütterchen Carla sorgt für die Idylle zu Hause. Er verbreitet, dass sein Kontrahent Hollande „von morgens bis abends lügt“, sie erzählt den Journalisten, wie sie ihrem Ehemann „zu 100% zur Seite steht“, wie sie mit ihrem Baby auf dem Bauch am Sofa liegend fernsieht und selbstredend auf die Programmwünsche ihres Mannes eingeht, wenn der einmal Sportsendungen sehen will.

Ob der Imagewandel funktioniert, wird man am Wahltag sehen. Was ich an der Kampagne bisher vermisse, ist die Plausibilität: Wenn eine Inszenierung so grundlegend und radikal geändert werden soll, braucht es irgendwann auch eine nachvollziehbare Begründung, einen sinnvollen Anlass für den Wandel.

Was um alles in der Welt ist passiert, dass ich jetzt lieber zu Hause fernsehe als meine Liebes-Chansons ins Mikrophon hauche? – Einen Hinweis darauf habe ich in den Interviews von Carla Bruni bisher nicht gefunden.

08.02.2012

Perfektion ist fad

von Stefan Schimmel

Heute erlaube ich mir, eine Headline zu kopieren. „Perfektion ist fad“: So betitelte die ZEIT unlängst ein Interview mit dem Kabarettisten Josef Hader.

Was mich an diesem Statement so begeistert: Darin steckt im Grunde alles, was man beherzigen muss, um sich mental bestmöglich auf die Herausforderungen eines Auftritts einzustellen. Langjährige Erfahrung eines Könners, komprimiert und verdichtet auf drei Worte.

Josef Hader steht seit mehr als 20 Jahren auf der Bühne oder vor einer Kamera. Sein erstes Soloprogramm, „Privat“, spielte er seit 1994 im deutschsprachigen Raum vor etwa 500.000 Zuschauern. Seit 1985 erhielt er für seine Arbeit 21 Auszeichnungen, darunter die Kainz-Medaille, den Nestroy-Ring oder den Deutschen Fernsehpreis. Der Mann weiß, was es heißt, Ängste zu überwinden und vor Publikum bei sich zu bleiben.

Ich kann Ihnen nur empfehlen: Genehmigen Sie sich das Interview in einer ruhigen Minute! Jedes einzelne Wort darin lässt sich vorbehaltlos unterstreichen.

23.01.2012

Einfach erklärt 3 – Warum ist der Himmel blau?

von Stefan Schimmel

Einmal im Jahr will es John Brockman genauer wissen: Er befragt Künstler und Intellektuelle nach ihrer Lieblingserklärung von komplizierten wissenschaftlichen Phänomenen.

What is your favorite deep, elegant or beautiful explanation?”, so der genaue Wortlaut der Frage, auf die er in diesem Jahr 192 Antworten namhafter Persönlichkeiten bekam, etwa vom Experimental-Psychologen Steven Pinker, vom Musiker und Produzenten Brian Eno oder vom Quantenphysiker Anton Zeilinger.

Die „Schönheitsköniginnen“ der Befragung sind zum Beispiel Einsteins Relativitäts-Theorie, Darwins Evolutions-Theorie oder Keplers Erklärung der Planetenbewegung.

Ist die Wahrheit schön?

Der Dichter John Keats sagte einmal: „Beauty is truth, and truth is beauty.“

Lässt sich diese Aussage auch auf die Wissenschaft anwenden? – Wenn man den Antworten der Befragung Glauben schenkt, auf jeden Fall: Ästhetische Kriterien, sagen die Befragten, sind für ein wissenschaftliches Urteil wichtig. Die Schönheit und Einfachheit einer These gelten als Indiz für deren Wahrheit.

Bestes Beispiel dafür ist Albert Einstein, der von seiner wahrlich bahnbrechenden Relativitätstheorie behauptete, dass sie keine experimentelle Bestätigung brauche – denn sie sei „so schön, dass sie wahr sein muss!“

Warum ist das so? – Weil Einfachheit und Schönheit Ergebnisse einer Durchdringung sind. Ich kann eine Lösung nur dann einfach und schön darstellen, wenn ich das Problem von Grund auf verstanden habe.

Eines der kompliziertesten Probleme der Wissenschaft ist zum Beispiel die Frage, warum der Himmel eine Farbe hat, wo doch die Luft vor unseren Augen transparent ist. Die Geschichte der Lösung dieser Frage würde ganze Bibliotheken von Erklärungsmodellen und physikalischen und mathematischen Formeln füllen. Und doch ist die letztgültige Antwort ganz einfach:

Kürzere Wellenlängen, wie zum Beispiel das blaue Licht, werden beim Eintritt in die Erdatmosphäre stärker gestreut als lange Wellenlängen. Wir sehen den Himmel blau, weil unsere Augen unter allen kurzen Wellenlängen auf das blaue Licht am empfindlichsten reagieren.

Einfach vs. vereinfacht

Dieses Beispiel passt hier deshalb so gut, weil das Problem die Menschheit seit Jahrtausenden beschäftigt. Die Frage, warum der Himmel blau ist, stellt sich jedes kleine Kind, aber auch die größten Wissenschaftler aller Zeiten von Aristoteles über Da Vinci, Newton, Kepler, Descartes, ja sogar Einstein haben sie zu beantworten versucht. Die einfache Lösung ist erst nach jahrhundertelangem Nachdenken und Durchdringen des Problems zustande gekommen.

Was lernen wir also daraus? – Einfachheit hat nichts mit Vereinfachung zu tun. Einfache und schöne Erklärungen sind nicht nur praktikabel für Journalisten im Interview, sie sind auch ein Indiz dafür, ob wir über das Problem genügend nachgedacht und es durchdrungen haben.

Ob wir überhaupt verstehen, wovon wir sprechen.

19.01.2012

Eine Auszeit ist – eine Auszeit

von Stefan Schimmel

Der Mann liebt seinen Job über alles. Und er ist gut und erfolgreich darin wie kaum ein zweiter. Dass der Hype um seine Person allerdings auch Schattenseiten hat, musste Gregor Schlierenzauer in den letzten Wochen hinnehmen. Mit der Ehrlichkeit, die ihm eigen ist, antwortete er in Sport am Sonntag auf die Frage von Boris Kastner-Jirka: „Ich habe seit 27. Dezember jeden Tag ein Interview gegeben. Es ist mir momentan ein bisschen zu viel.“

Zustände der Erschöpfung kennt jeder, und jeder wird sie diesem Hochleistungssportler gerne zugestehen. Und natürlich ist das in seinem Fall ein Luxusproblem – das gab Schlierenzauer beim Interview auch unumwunden zu. Trotzdem ist es kein Fehler, auch mit dieser Situation sorgsam umzugehen. Denn die Medien lässt so etwas natürlich aufhorchen: „Sorgen um Gregor Schlierenzauer“ titelte etwa die PRESSE gleich am Montag.

Was ist los mit ihm? Ist er krank? Hat er Burnout? Andere schwerwiegende Probleme, die wir nicht kennen? Die Phantasie lässt hier Spielraum für mannigfaltige Spekulationen. Dabei ist Schlierenzauer höchstwahrscheinlich tatsächlich einfach nur müde und wird beim nächsten Wettkampf wieder fliegen wie eh und je.

Als der Schweizer Weltklasse-Schifahrer Pirmin Zurbriggen zwei Wochen vor der WM in Bormio am Meniskus operiert wurde, sprach die eidgenössische Presse vom „Knie der Nation“. Als sich Andreas Herzog vor der Fußball-WM 1998 seinen Fuß verletzte, hieß dieser die „Zehe der Nation“. Und Michael Ballacks Unterschenkel, der sich kurz vor dem EM-Finale 2008 verhärtete, hieß „Wade der Nation“.

Auf diese Weise bekommen alle möglichen Körperteile von berühmten Sportlern den Beinamen „der Nation“, wenn sie vor wichtigen Wettkämpfen verletzt werden. Daran können Sie sehen: Sportler werden zu „Besitztümern“ einer ganzen Nation hochstilisiert. Diese Gefahr ist ein fester Bestandteil des Berufsalltags von Gregor Schlierenzauer. Wenn er einmal nicht kann, sorgt sich die Nation.

Dies ist einerseits eine schöne „Bestätigung“ für seine Leistung, aber andererseits auch eine Herausforderung: nämlich der Öffentlichkeit sorgfältig die Hintergründe von Auszeiten zu erklären, damit diese nicht zu viel Nahrung für Spekulationen bekommt.