Wirken ohne Worte
Vergangenen Freitag im Deutschen Bundestag, gegen 10.00 Ortszeit: Marcel Reich-Ranicki hat soeben seine Rede zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus beendet. Im vollbesetzten Plenarsaal rührt sich niemand. Einige Abgeordnete heben ihre Hände zum Applaus, aber das Klatschen würde im Augenblick nur die Stille stören, also halten sie inne. So sitzen der Redner und sein Publikum einander eine gefühlte Ewigkeit lang schweigend gegenüber.
Der 27. Januar ist Mitte der 90er von Roman Herzog zum nationalen Gedenktag erklärt worden, der jedes Jahr im deutschen Parlament mit einer Feierstunde begangen wird. Der Anlass lädt also von Natur aus zum In-sich-Gehen ein. Und doch: Diese Reaktion des Publikums war weit mehr als eine „verordnete Schweigeminute“. Hier war die persönliche Betroffenheit jedes einzelnen Menschen im Raum deutlich spürbar. Und in diesem Augenblick war klar – Marcel Reich-Ranicki war der richtige Redner am richtigen Platz, und er hatte seine Sache richtig gemacht.
Welcher Redner würde sich nicht eine solche Reaktion wünschen – wenn das Publikum sich scheut zu applaudieren, weil es Rücksicht darauf nimmt, die allgemeine Atmosphäre der Betroffenheit und des Respekts nicht zu verletzen? Da weiß er: Er hat es richtig gemacht.
Was kann man richtig machen?
Ich rede hier von Marcel Reich-Ranicki, weil man an diesem Beispiel eine interessante Beobachtung machen kann. Schauen Sie ein wenig in den 30minütigen Mitschnitt hinein: Sie werden sehen, dass Marcel Reich-Ranicki in seiner Rede vieles tut, was ihrer Wirkung streng genommen großen Schaden zufügt.
Man würde dem blutigen Anfänger Sepp Huber, der die Kunst der Rhetorik erlernen möchte, zum Beispiel nie raten: Reden Sie undeutlich. Nuscheln Sie. Verschlucken Sie ganze Wortsilben, sodass Ihr Publikum über weite Strecken Mühe hat, Ihren Gedanken zu folgen. Aber all dies tut Marcel Reich-Ranicki in seiner Rede.
Natürlich ist vieles davon seinem Alter geschuldet, sowie der Tatsache, dass er im Vergleich zu seinen Glanzzeiten als Literaturkritiker stark abgebaut hat. Diese Fehler sind natürlich menschlicher Natur und nicht absichtlich, aber es sind Fehler. Würde hier nicht Marcel Reich-Ranicki sprechen, sondern eben Sepp Huber – man würde seine Rede in der Luft zerreißen. Aber bei ihm, Reich-Ranicki, hängt man wie gebannt an den Lippen.
Da drängt sich natürlich die Frage auf: Warum?
Ich möchte hier den guten alten Aristoteles als Gewährsmann für ein wichtiges Wirkprinzip anführen, das im rhetorischen Tagesgeschäft heute leider oft sträflich vernachlässigt wird. Aristoteles nannte es das „Ethos“ und meinte damit: den Charakter des Redners. Seine Autorität. Seine Glaubwürdigkeit.
Ethos ist da – oder nicht
„Ethos“ ist durch Argumente oder dramaturgische Tricks nicht herstellbar. Es ist das, was der Redner zu seiner Rede mitbringt: die gelebte Erfahrung in dem Inhalt, über den er spricht. Erfahrung, die vom Publikum anerkannt wird, bevor er noch das erste Wort gesprochen hat.
Marcel Reich-Ranicki war vergangenen Freitag im deutschen Bundestag der richtige Mann am richtigen Ort, weil er „Ethos“ besaß. „Es gilt das gelebte Wort“, titelte die FAZ am Wochenende und meinte damit, dass hinter jedem Wort, das Reich-Ranicki im Parlament aussprach, eine lebendige Erfahrung steckte. Er brachte Erfahrung als Betroffener mit und machte diese in konsequenter Manier auch zum Thema seiner Rede: Ich soll heute hier die Rede halten zum jährlichen Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus. Doch nicht als Historiker spreche ich, sondern als ein Zeitzeuge, genauer: als Überlebender des Warschauer Ghettos. So fängt seine Rede an.
„Ethos“ wirkt hier also nicht nur als Qualität des Redners, sondern auch als Thema der Rede. Und hat somit die bekannte außerordentliche Wirkung erzeugt.
Wenn Sie als Vortragender geladen sind, stellen Sie sich also bitte auch immer wieder diese Fragen: Habe ich gelebte Erfahrungen zum Inhalt? Wie kann ich diese zum Thema meiner Rede machen?
Einfach erklärt 3 – Warum ist der Himmel blau?
Einmal im Jahr will es John Brockman genauer wissen: Er befragt Künstler und Intellektuelle nach ihrer Lieblingserklärung von komplizierten wissenschaftlichen Phänomenen.
„What is your favorite deep, elegant or beautiful explanation?”, so der genaue Wortlaut der Frage, auf die er in diesem Jahr 192 Antworten namhafter Persönlichkeiten bekam, etwa vom Experimental-Psychologen Steven Pinker, vom Musiker und Produzenten Brian Eno oder vom Quantenphysiker Anton Zeilinger.
Die „Schönheitsköniginnen“ der Befragung sind zum Beispiel Einsteins Relativitäts-Theorie, Darwins Evolutions-Theorie oder Keplers Erklärung der Planetenbewegung.
Ist die Wahrheit schön?
Der Dichter John Keats sagte einmal: „Beauty is truth, and truth is beauty.“
Lässt sich diese Aussage auch auf die Wissenschaft anwenden? – Wenn man den Antworten der Befragung Glauben schenkt, auf jeden Fall: Ästhetische Kriterien, sagen die Befragten, sind für ein wissenschaftliches Urteil wichtig. Die Schönheit und Einfachheit einer These gelten als Indiz für deren Wahrheit.
Bestes Beispiel dafür ist Albert Einstein, der von seiner wahrlich bahnbrechenden Relativitätstheorie behauptete, dass sie keine experimentelle Bestätigung brauche – denn sie sei „so schön, dass sie wahr sein muss!“
Warum ist das so? – Weil Einfachheit und Schönheit Ergebnisse einer Durchdringung sind. Ich kann eine Lösung nur dann einfach und schön darstellen, wenn ich das Problem von Grund auf verstanden habe.
Eines der kompliziertesten Probleme der Wissenschaft ist zum Beispiel die Frage, warum der Himmel eine Farbe hat, wo doch die Luft vor unseren Augen transparent ist. Die Geschichte der Lösung dieser Frage würde ganze Bibliotheken von Erklärungsmodellen und physikalischen und mathematischen Formeln füllen. Und doch ist die letztgültige Antwort ganz einfach:
Kürzere Wellenlängen, wie zum Beispiel das blaue Licht, werden beim Eintritt in die Erdatmosphäre stärker gestreut als lange Wellenlängen. Wir sehen den Himmel blau, weil unsere Augen unter allen kurzen Wellenlängen auf das blaue Licht am empfindlichsten reagieren.
Einfach vs. vereinfacht
Dieses Beispiel passt hier deshalb so gut, weil das Problem die Menschheit seit Jahrtausenden beschäftigt. Die Frage, warum der Himmel blau ist, stellt sich jedes kleine Kind, aber auch die größten Wissenschaftler aller Zeiten von Aristoteles über Da Vinci, Newton, Kepler, Descartes, ja sogar Einstein haben sie zu beantworten versucht. Die einfache Lösung ist erst nach jahrhundertelangem Nachdenken und Durchdringen des Problems zustande gekommen.
Was lernen wir also daraus? – Einfachheit hat nichts mit Vereinfachung zu tun. Einfache und schöne Erklärungen sind nicht nur praktikabel für Journalisten im Interview, sie sind auch ein Indiz dafür, ob wir über das Problem genügend nachgedacht und es durchdrungen haben.
Ob wir überhaupt verstehen, wovon wir sprechen.
Eine Auszeit ist – eine Auszeit
Der Mann liebt seinen Job über alles. Und er ist gut und erfolgreich darin wie kaum ein zweiter. Dass der Hype um seine Person allerdings auch Schattenseiten hat, musste Gregor Schlierenzauer in den letzten Wochen hinnehmen. Mit der Ehrlichkeit, die ihm eigen ist, antwortete er in Sport am Sonntag auf die Frage von Boris Kastner-Jirka: „Ich habe seit 27. Dezember jeden Tag ein Interview gegeben. Es ist mir momentan ein bisschen zu viel.“
Zustände der Erschöpfung kennt jeder, und jeder wird sie diesem Hochleistungssportler gerne zugestehen. Und natürlich ist das in seinem Fall ein Luxusproblem – das gab Schlierenzauer beim Interview auch unumwunden zu. Trotzdem ist es kein Fehler, auch mit dieser Situation sorgsam umzugehen. Denn die Medien lässt so etwas natürlich aufhorchen: „Sorgen um Gregor Schlierenzauer“ titelte etwa die PRESSE gleich am Montag.
Was ist los mit ihm? Ist er krank? Hat er Burnout? Andere schwerwiegende Probleme, die wir nicht kennen? Die Phantasie lässt hier Spielraum für mannigfaltige Spekulationen. Dabei ist Schlierenzauer höchstwahrscheinlich tatsächlich einfach nur müde und wird beim nächsten Wettkampf wieder fliegen wie eh und je.
Als der Schweizer Weltklasse-Schifahrer Pirmin Zurbriggen zwei Wochen vor der WM in Bormio am Meniskus operiert wurde, sprach die eidgenössische Presse vom „Knie der Nation“. Als sich Andreas Herzog vor der Fußball-WM 1998 seinen Fuß verletzte, hieß dieser die „Zehe der Nation“. Und Michael Ballacks Unterschenkel, der sich kurz vor dem EM-Finale 2008 verhärtete, hieß „Wade der Nation“.
Auf diese Weise bekommen alle möglichen Körperteile von berühmten Sportlern den Beinamen „der Nation“, wenn sie vor wichtigen Wettkämpfen verletzt werden. Daran können Sie sehen: Sportler werden zu „Besitztümern“ einer ganzen Nation hochstilisiert. Diese Gefahr ist ein fester Bestandteil des Berufsalltags von Gregor Schlierenzauer. Wenn er einmal nicht kann, sorgt sich die Nation.
Dies ist einerseits eine schöne „Bestätigung“ für seine Leistung, aber andererseits auch eine Herausforderung: nämlich der Öffentlichkeit sorgfältig die Hintergründe von Auszeiten zu erklären, damit diese nicht zu viel Nahrung für Spekulationen bekommt.
Zwei Millionen "Studenten"
Die Archäologin Sabine Ladstätter ist diese Woche als „Wissenschaftlerin des Jahres“ ausgezeichnet worden. Diesen Preis erhält man vom Club der Bildungs- und Wissenschaftsjournalisten Österreichs für das „Bemühen, seine Arbeit einer breiten Öffentlichkeit verständlich zu machen“.
Die diesjährige Preisträgerin erfüllt dieses Kriterium in der Tat vorbildlich: Die Leiterin der Ausgrabungen in Ephesos hat es sich zur Aufgabe gemacht, die über 1,8 Millionen Touristen, die jedes Jahr durch die Ruinen der antiken Weltstadt pilgern, in den allerneuesten Stand der Forschung einzuweihen. Ein Service, das man nicht häufig findet.
„Wozu soll das gut sein?“
Seit sie sich für den Beruf der Archäologie entschied, hörte Sabine Ladstätter diese Frage bis zum Überdruss. Aber mit der Zeit hat sie gelernt, darauf Antworten zu geben. Und heute kommt ihr diese "Kommunikations-Schulung" zu Gute, denn in wirtschaftlich schwierigen Zeiten fragt die Gesellschaft genauer nach.
Das private Sponsoring muss vielerorts für die öffentliche Hand in die Bresche springen; deshalb gibt es gegenwärtig kaum eine Wissenschaft, die ihre Existenz nicht rechtfertigen muss. Unter diesen Vorzeichen hat sich Sabine Ladstätter bewusst dafür entschieden, die Medienarbeit als festen Bestandteil in ihre Tätigkeit zu integrieren.
„Der Wissenschaftler von heute ist nicht nur ein Forscher – er ist auch ein Manager und Kommunikator.“, so Ladstätter in einem Interview für den Standard. Neben der Frage nach neuen Erkenntnissen gibt es also immer auch die Herausforderung, komplexe Sachverhalte verständlich zu erklären, ohne dabei zu vereinfachen und unseriös zu wirken.
Veranschaulichung bringt Publikum
Natürlich hat die Archäologie in diesem Punkt gewisse Vorteile gegenüber anderen Wissenschaften: Sie holt versunkene Städte ans Tageslicht und kann diese rekonstruieren und für ein modernes Publikum erlebbar, ja regelrecht begehbar machen. Sie arbeitet mit dem Bild und mit der Aufdeckung von Geheimnissen. Damit lassen sich tatsächlich Blumentöpfe gewinnen, wie die letztjährige Niederösterreichische Landesausstellung in Carnuntum mit über 500.000 Besuchern beweist.
Aber die eigentlichen Erkenntnisse der Archäologie liegen nicht im Bild selbst, sondern in der Interpretation des Bildes. Wie haben die Menschen in Ephesos gelebt? Was haben sie gedacht, was haben sie geglaubt, was haben sie geliebt?
Und vor allem: Was bringt es uns heute, darüber Bescheid zu wissen?
Sabine Ladstätter wird nicht müde, den Besuchern von Ephesos dafür Erklärungen anzubieten. Sie will damit bewirken, dass den Menschen die Frage „Wozu soll das gut sein?“ überhaupt nicht mehr in den Sinn kommt. Dieses Ziel zu erreichen ist heutzutage für jede Wissenschaft lebensnotwendig. Das ist aber nur dann möglich, wenn es Menschen gibt, die die Disziplin der Kommunikation genauso ernsthaft betreiben wie die wissenschaftliche Feldforschung.
Dies den Forschern dieses Landes klar zu machen, ist das Ziel der Auszeichnung zum „Wissenschaftler des Jahres.“ Ein absolut berechtigtes Ziel.
Menschenrechte für Bundespräsidenten?
„Man ist ein Mensch und macht Fehler.“
So rechtfertigte Christian Wulff gestern in einem Interview für die ARD seinen Anruf bei Kai Diekmann, dem Chefredakteur der BILD-Zeitung: Auch ein Bundespräsident mache Fehler und habe daher das „Menschenrecht“ auf eine zweite Chance.
Zur Erinnerung: Christian Wulff hatte dem Journalisten in einem Telefonanruf angeblich sogar mit einer Anzeige gedroht für den Fall, dass er Nachrichten über seinen umstrittenen Privatkredit veröffentlichen würde. Wulff sprach seine Nachricht wenig clever auf Band – und steht seither als Feind der Pressefreiheit medial unter Dauer-Beschuss.
Diese Argumentation ist ja grundsätzlich nachvollziehbar. Wenn Wulff im Interview weiter erzählt, er habe sich vor seine Familie stellen wollen, als er erfahren habe, dass die BILD Details aus seinem Privatleben an die Öffentlichkeit bringen wollte, dann kommt für das Opfer, als das er sich fühlt, sogar eine leichte Brise Mitgefühl auf. Der Bundespräsident war gut beraten, sich als fehlbar darzustellen.
Befreiungsschlag geglückt?
Was er allerdings nicht zustande brachte: Deutlich zu machen, dass er ein Bewusstsein für sein Unrecht besitzt. Beim Ansehen des Interviews habe ich mich ständig gefragt: Warum ist es für einen erwachsenen, intelligenten Menschen und erfahrenen Politiker wie Christian Wulff so schwer zu verstehen, dass er viele Menschen enttäuscht hat?
Und dies angesichts folgender Fakten:
• Der Bundespräsident, der die Grundrechte aller Deutschen vertritt,
ist in den Geruch gekommen, selbst das Gesetz gebrochen zu
haben.
• Der Bundespräsident agiert doppelzüngig: Er bekennt sich dezidiert
zur Pressefreiheit und beschneidet sie beinahe im selben Atemzug
hinter dem Rücken des Publikums.
• Der Bundespräsident legt an sich selbst äußerst hohe Maßstäbe an.
2007 veröffentlichte er, gleichsam als „Richtschur“ seines politischen
Handelns, das Buch „Besser die Wahrheit“. In der
„Düsseldorfer Flugaffäre“ zählte Wulff zu den schärfsten Kritikern
des davon betroffenen damaligen Bundespräsidenten Johannes Rau
und forderte vehement seinen Rücktritt.
So ist es kein Wunder, dass die Angriffe der Opposition weitergehen. Und ich kann mir dieses Verhalten von Christian Wulff nur so erklären, dass ihm nicht ganz klar ist, welche Rolle sein Amt von ihm verlangt, und welches Bild er dabei in der Öffentlichkeit abgibt.
Wenn er Präsident bleiben will, sind ihm zwei Dinge zu wünschen:
Erstens, dass er seine Lernfortschritte unter Beweis stellen und so seine zweite Chance nützen kann. Und zweitens: Dass nicht noch irgendwelche Leichen in irgendwelchen Kellern liegen.
Sonst wird man ihm als Bundespräsidenten wohl auch noch die Menschenrechte absprechen.
Menschen. Bilder. Emotionen.
Pünktlich zwischen Weihnachten und Neujahr ist sie wieder da – die Zeit des medialen Jahresrückblicks. Wahrscheinlich kann man Harald Schmidt rechtgeben, der unlängst in einem Interview dieser Art von Berichterstattung wenig Erkenntnisgewinn beimaß.
„Ach, sieh an: DAS war auch in diesem Jahr!“
„Jo mei, DER ist auch schon tot!“
„Was, DIE lebt noch?“
Jahresrückblicke haben vor allem emotionale Reaktionen des Publikums zum Ziel. Die Sieger und die Verlierer. Die kuriosesten Bilder. Die größten Aufreger. Die schlimmsten Katastrophen und Skandale. Kurz: Die Superlative des Jahres 2011.
Wenn Sie in dieser Zeit seriöse Informationen haben, werden Sie damit nicht weit kommen. Es sei denn – Sie nützen das Genre des Rückblicks, um Ihrem Publikum wichtige Erkenntnisse des vergangenen Jahres in Erinnerung zu rufen und persönliche Einblicke zu geben in Ihre Planungen für die nächste Zukunft. So wie Joachim Löw das vor ein paar Tagen sehr clever im ZDF getan hat:
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen einen guten Rutsch und ein kraftvolles und erfolgreiches Jahr 2012!
Einfach erklärt 2: Das Gottesteilchen
Das ominöse "Higgs-Teilchen" ist Kernphysikern zufolge für die Schwerkraft verantwortlich. Es ist die Ursache dafür, dass wir alle auf der Erde „klebenbleiben“ und nicht wie fliegende Urteilchen haltlos durch das Universum sausen.
Ein wichtiger Job. Aber mit Gott hat das Teilchen nichts zu tun.
Der Name geht auf eine Verballhornung zurück: Der Physik-Nobelpreisträger Leon Lederman scheint sich dermaßen in das umstrittene Problem der Schwerkraft verbissen zu haben, dass er das Higgs-Teilchen in einem Text als „gottverdammtes Teilchen“ („goddam particle“) bezeichnete – was den offensichtlich über den Kraftausdruck erschrockenen Lektor dazu veranlasste, den Begriff zu zähmen. Und dabei zu verfälschen.
Das „Gottesteilchen“ („God particle“) war geboren und ist seither aus der wissenschaftlichen Berichterstattung nicht mehr wegzudenken.
Die Erklärung von Unerklärlichem
Das Teilchen ist deshalb „gottverdammt“, weil es bisher noch niemand gesehen hat. Aber es muss existieren, sonst würden sämtliche Theorien und Rechenmodelle, die in den letzten 50 Jahren den Aufbau des Universums erklärten, nicht stimmen.
Wie sieht das Teilchen also aus? Wie kann ich es mir vorstellen?
Eine sehr hübsche Erklärung hat, wie ich finde, der britische Physiker David Miller gefunden. Auf diese Art erklärte man in den 80er Jahren Margaret Thatcher die Existenz des Higgs-Teilchens, um finanzielle Unterstützung für den Teilchenbeschleuniger LHC in Genf zu lukrieren:
Die Teilnehmer einer politischen Feier sind gleichmäßig in einem Raum verteilt. Da kommt Margaret Thatcher herein und schreitet durch die Menge:
Augenblicklich bildet sich um sie herum eine Menschentraube. Dadurch erhält sie eine größere Masse. Wenn sie sich nun weiter in den Raum hinein bewegt, treten neue Partyteilnehmer auf sie zu, während andere sich von ihr abwenden, um sich ihren ursprünglichen Gesprächspartnern zu widmen.
Diesen Weg der Margaret Thatcher durch den Partyraum kann man, so Miller, mit dem Weg eines „Higgs-Teilchens“ durch ein „Higgs-Feld“ vergleichen. Während sich das Teilchen durch den Raum bewegt, erhält es dadurch mehr Masse, dass sich andere Teilchen mit ihm verbinden.
Durch die Verbindung zwischen Teilchen wächst die Masse des Ganzen. Das könnte man glatt als schöne Metapher für Weihnachten verstehen.
Zuversicht und Handlungsfähigkeit vor der Kamera
Heute möchte ich Sie auf einen kleinen, aber feinen Unterschied hinweisen: den Unterschied zwischen Lampenfieber und Auftrittsangst. Musikmediziner wie etwa Claudia Spahn, Leiterin des Freiburger Instituts für Musikermedizin, treffen diese Unterscheidung bewusst sehr sorgfältig.
Der Unterschied liegt in der Zuversicht und der Handlungsfähigkeit. Lampenfieber bremst vor dem Auftritt die Zuversicht, steigert aber während des Auftritts die Energie. Auftrittsangst bremst beides: Wer davon betroffen ist, ist vor der Kamera oder auf einer Bühne regelrecht „gelähmt“. In diesem Fall, und nur in diesem (!), ist eine eingehende psychologische Behandlung indiziert.
Der Unterschied ist deshalb wichtig, weil nicht wenige von Lampenfieber geplagte Menschen sich als „krank“ oder zumindest „irgendwie nicht in Ordnung“ empfinden. Dies ist aber, so Claudia Spahn, ein falsches Selbstbild, das der Zuversicht und damit der mentalen Einstellung schadet. Und überhaupt nicht notwendig ist.
Lesen Sie dazu hier ein Interview mit der Medizinerin.
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„Ich habe mich entschieden, einen Schlussstrich zu ziehen.“
Die Österreicher unter Ihnen erinnern sich vielleicht an die höchst emotionale Abschieds-Pressekonferenz, die Hermann Maier vor zwei Jahren gab. Weiter als bis zum Wort „Schlussstrich“ kam er nicht, denn da versagte ihm für eine Minute die Stimme, und er verlor den Kampf gegen die Tränen. Das Wort „Schlussstrich“ ist seither gleichsam im kollektiven Gedächtnis Österreichs hängen geblieben.
Gestern fand in Italien eine Pressekonferenz statt, die stark daran erinnerte. Die Sprecherin heißt in diesem Fall Elsa Fornero und ist seit Kurzem italienische Arbeitsministerin. Sie schickte sich an, den Pensionisten zu erklären, dass ihre Rente künftig nicht mehr jährlich um die Inflationsrate erhöht wird (was sie de facto sinken lässt), aber sie kam nicht weiter als bis zum Wort „Opfer bringen“, dann … siehe oben. Fornero brach in Tränen aus und konnte nicht weitersprechen.
Und falls Sie es nicht glauben: Wir sprechen hier tatsächlich über echte Gefühle - nicht über Krokodilstränen! Sehen Sie hier zum Beweis den Mitschnitt (… und beachten Sie daneben auch die sehr angenehme Reaktion des Kollegen auf dem Podium, seines Zeichens Regierungschef Mario Monti: „Du darfst Gefühle zeigen – aber korrigiere mich bitte!“):
Ist das also schlimm? Peinlich? Stören solcherart Gefühlsausbrüche die Glaubwürdigkeit oder das Image des Sprechers?
Ich würde sagen: Kommt darauf an.
Stefan Petzner zum Beispiel hat sein öffentlicher Weinkrampf nach dem Tod Jörg Haiders wohl nicht genützt. Sein Verhalten hat die Frage, in welcher Beziehung die beiden zu einander standen, eigentlich erst interessant und drängend gemacht. Und heute, drei Jahre danach, ist „der einstige politische Star von Haiders Gnaden tief gefallen“, wie die ZEIT unlängst schrieb.
Elsa Fornero muss sich davor eher nicht fürchten. Ganz im Gegenteil: Sie gilt im Augenblick als „Symbol für die Schmerzen Italiens“. Ihr Gefühlsausbruch war umso erstaunlicher, als die neue italienische Regierung bis gestern als „kühles Expertenkabinett“ galt. Aha! Die haben ja richtig Mitgefühl! – Das war jedenfalls DIE Entdeckung des Sonntags.
Sie sehen: Wenn Sie bei einem Interview oder einer Pressekonferenz ehrliche Gefühle zeigen, dann erzählt das dem Publikum etwas Wichtiges, nämlich: Sie sind mit dem Herzen dabei. Es erhöht also grundsätzlich Ihre Glaubwürdigkeit – aber nur unter der Voraussetzung, dass das Publikum sich mehrheitlich mit Ihnen identifizieren und Ihre Gefühle nachvollziehen kann.
Stefan Petzners Weinkrampf wurde vom Publikum als unangemessen empfunden, weil hier ein Gefühl geäußert wurde, das zwischen Liebhabern Platz hat, aber nicht zwischen Arbeitskollegen. Herrmann Maiers oder Elsa Forneros Tränen hingegen sind nachvollziehbar. Wenn ich eine Tätigkeit aufgebe, die ich geliebt habe, kann ich traurig sein. Wenn ich jemandem etwas wegnehmen muss, kann ich traurig sein. Und meine Trauer darüber auch zeigen.
Elsa Fornero hat jedenfalls erreicht, dass das Wort „Opfer bringen“ wahrscheinlich im kollektiven Gedächtnis der Italiener hängenbleibt.
Frage vertrackt - Gegner k.o.
„Stuttgart 21“ wird also doch gebaut – entschied das Volk in einer Befragung am Sonntag.
Schön für die Deutsche Bahn, schlecht für Winfried Kretschmann, den ersten grünen Ministerpräsidenten Deutschlands. Aber abgesehen davon möchte ich mich an dieser Stelle ein bisschen über das Ausmaß der Zustimmung wundern.
60%?
Und das nach all den Protesten, die über mehrere Monate hinweg mit voller Härte auf der Straße ausgetragen worden sind? Hat all die wütenden Gegner in den Wahlurnen plötzlich der Mumm verlassen? Oder haben die Fernsehbilder über das wahre (geringe) Ausmaß des Widerstandes hinweggetäuscht?
Ich biete hier noch ein anderes Erklärungsmodell an. Sehen Sie dazu den Stimmzettel, der dem Wahlvolk am Sonntag zur Abstimmung vorgelegt worden ist:
Diese Frage möchte man sich auf dem Mund zergehen lassen. Stimmen Sie der Gesetzesvorlage „Gesetz über die Ausübung von Kündigungsrechten“ bei den vertraglichen Vereinbarungen für das Bahnprojekt Stuttgart 21 (S 21 Kündigungsgesetz) zu?
Wie meinen?
Also langsam, Schritt für Schritt erklärt: Die Deutsche Bahn hat offenbar mit dem Land Baden-Württemberg einen Vertrag abgeschlossen, der den Bau des Bahnhofsprojekts regelt. Wie in jedem Vertrag, so gibt es auch hier bestimmte Ausstiegsklauseln, das heißt, es sind besondere Gründe festgelegt, die einen der beiden Partner zum Ausstieg aus dem Vertrag berechtigen. Wenn die Landesregierung also das Projekt stoppen möchte, muss sie, rein rechtlich gesehen, aus dem Vertrag mit der Deutschen Bahn aussteigen.
Diese Frage ist also beamtendeutsch korrekt gestellt – aber ist sie auch fair?
Wenn der Wähler der Frage zufolge dagegen stimmt, dass die Landesregierung aus dem Projekt aussteigt, stimmt er in Wahrheit für das Projekt. Wenn er aber dafür stimmt, dass die Landesregierung aus dem Projekt aussteigt, stimmt er in Wahrheit gegen das Projekt.
Also ja heißt nein, und nein heißt ja, capiche?
Die Frage, die sich mir hier aufdrängt, lautet: Kommen die 60% Zustimmung vielleicht schlicht und einfach daher, dass viele Gegner von der Frage in die Irre geführt wurden und „nein“ mit „ja“ verwechselt haben?
Die zweite Frage, die sich mir aufdrängt, lautet: Kann man die Wähler nicht auf einfache Art fragen, also zum Beispiel: „Sind Sie für den Bau von Stuttgart 21?" "Oder sind Sie dagegen?“ "Bitte ankreuzen!"?
Wäre es nicht eigentlich die Aufgabe eines demokratischen Rechtsstaates, dass er seinen Wählern klare und verständliche Entscheidungen ermöglicht? Oder habe ich da etwas falsch verstanden?























